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14

6. September 1940, 22 Uhr 30.

In der Casa Senhora de Fatima, dem komfortablen Haus des Nachrichtenchefs der Deutschen Gesandtschaft in Lissabon, findet eine Besprechung statt. Der Nachrichtenchef hat seine bezaubernde Freundin, die langbeinige, kastanienbraune Tänzerin Dolores, fortgeschickt. Bei Champagner sitzen zusammen: der Hausherr, der Marineattaché und der Luftwaffenattaché der Deutschen Gesandtschaft. Die beiden letzteren haben ihre Freundinnen ebenfalls für den Abend beurlaubt. Der Chef des Nachrichtendienstes spricht: »Meine Herren, die Zeit drängt. Berlin will Lieven – und zwar schnell. Bitte um Vorschläge.«

Der Luftwaffenattaché spricht: »Ich schlage vor, den Mann zu betäuben und nach Madrid zu fliegen. Von dort mit Kuriermaschine nach Berlin.«

»Ich bin dagegen«, sagt der Marineattaché. »Wir haben eben eine Panne in Madrid gehabt. Wir wissen, daß es auf dem Flughafen dort von englischen und amerikanischen Agenten nur so wimmelt. Wir wissen, daß dort jeder Passagier fotografiert wird. Wir können es uns nicht leisten, in Madrid schon wieder diplomatische Schwierigkeiten zu haben.«

»Ganz meine Meinung«, sagt der Nachrichtenchef.

Der Marineattaché spricht: »Ich schlage darum Entführung im U-Boot vor, meine Herren! Ich empfehle, sofort Funkverbindung mit Blockadebruch-Werner in Madrid aufzunehmen. Blockadebruch-Werner arbeitet mit dem Befehlshaber der U-Boote zusammen und kann die Standorte aller Einheiten ohne weiteres feststellen. Er kann jederzeit und schnellstens ein Boot für ein bestimmtes Planquadrat außerhalb der portugiesischen Hoheitsgewässer anfordern.«

»Wie bekommen wir Kaufmann Jonas zu dem U-Boot hinaus?«

»Wir mieten einen Fischkutter.«

»Und wie bekommen wir ihn in den Fischkutter?«

»Da habe ich einen Vorschlag zu machen.« Der Marineattaché sagt, was er für einen Vorschlag zu machen hat.

15

Ein alter Mann ging durch das Flughafenrestaurant und versuchte, Trachtenpuppen zu verkaufen, große Puppen, kleine Puppen. Er hatte kein Glück. Es war schon beinahe Mitternacht an diesem 8. September 1940, und nur noch rund zwei Dutzend müder Passagiere warteten auf den Abflug ihrer Maschine.

Der alte Mann trat an einen Tisch beim Fenster. Hier saßen zwei Herren, die Whisky tranken.

»Trachtenpuppen – Zigeuner, Spanier, Portugiesen …«

»Nein, danke«, sagte Thomas Lieven.

»Noch echte Friedensware!«

»Trotzdem nein, danke«, sagte Major Débras, der sich gerade Rafaelo Puntareras nannte.

Der alte Mann zog weiter. Draußen, auf der von Scheinwerfern angestrahlten Rollbahn, wurde die Maschine aufgetankt, die Débras von Lissabon nach Dakar bringen sollte.

Der Major sah Thomas Lieven sentimental an: »Ich werde nie vergessen, was Sie getan haben!«

»Sprechen Sie nicht davon!« sagte Thomas, und er dachte: Wenn du erst darauf kommst, daß ich die Agentenlisten deines Geheimdienstes gefälscht habe, dann wirst du es bestimmt nicht vergessen!

»Sie haben die Listen für mich gerettet – und Sie haben mich aus Madrid herausgeholt!«

Das ist richtig, dachte Thomas. Und deshalb wirst du mir vielleicht einmal doch meinen Betrug verzeihen. Er fragte: »Wo sind die Listen?«

Der Major blinzelte. »Ich bin Ihrem Beispiel gefolgt und habe mich mit unserer Stewardeß angefreundet. Sie hat die Listen in ihrem Gepäck.«

»Achtung, bitte«, sagte eine Lautsprecherstimme. »Pan American World Airways bitten alle Passagiere ihres Fluges 324 nach Dakar, sich zur Paß- und Zollkontrolle zu begeben. Meine Damen und Herren, wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug.«

Débras trank sein Glas leer und erhob sich. »Es wird ernst, mein Freund. Nochmals Dank! Und auf Wiedersehen.«

»Bitte, richten Sie Madame Josephine Baker meine besten Grüße und Wünsche aus«, sagte Thomas Lieven. »Und leben Sie wohl, Herr Major. Denn wiedersehen werden wir uns nie.«

»Wer weiß?«

Thomas schüttelte den Kopf. »Übermorgen läuft mein Schiff nach Südamerika aus. Ich komme nie mehr zurück nach Europa«, sagte er und ließ es geschehen, daß der Major ihn noch einmal umarmte und auf die Wange küßte.

Etwas später sah er ihn über das Rollfeld auf die Maschine zugehen. Thomas winkte, und auch Débras winkte, bis er in der Kabine verschwand.

Thomas bestellte noch einen Whisky. Als die Maschine zum Start rollte, kam er sich plötzlich sehr einsam vor. Nach einiger Zeit bezahlte er, erhob sich und ging.

Auf dem Platz vor dem Flughafengebäude war es dunkel. Nur wenige Lampen brannten. Ein großer Wagen holte Thomas langsam ein und hielt. Der Chauffeur blickte aus dem Fenster. »Taxi, Senhor?«

Es war weit und breit kein Mensch zu sehen.

»Ja«, sagte Thomas abwesend. Der Chauffeur stieg aus, öffnete den Schlag und verneigte sich.

In diesem Moment merkte Thomas Lieven, daß etwas faul, sehr faul mit diesem Taxi war. Er fuhr herum, aber es war schon zu spät.

Der Chauffeur trat ihm wuchtig in die Kniekehlen. Thomas stürzte in den Fond. Hier packten sogleich vier kräftige Hände zu und rissen ihn auf den Wagenboden. Der Schlag flog zu. Der Chauffeur ließ sich hinter das Steuer fallen und raste los.

Ein großer, nasser Lappen mit einer widerlich süßen Flüssigkeit wurde auf Thomas Lievens Gesicht gepreßt. Chloroform, dachte er. Würgend rang er nach Atem.

Überdeutlich hörte er eine Stimme mit Hamburger Akzent sagen: »Na, prima, prima. Und jetzt nix wie runter zum Hafen.«

Dann begann das Blut in Thomas Lievens Schläfen zu dröhnen; in seinen Ohren hallten Glocken, und er stürzte in eine Ohnmacht, tiefer, tiefer, wie hinab in einen dunklen Brunnen aus Samt.

16

Langsam kam unser Freund wieder zu sich. Sein Schädel dröhnte. Ihm war übel, ihm war kalt. Er dachte: Toten ist nicht übel, Tote haben kein Kopfweh, Tote frieren nicht. Kombiniere: Ich bin also noch am Leben. Vorsichtig öffnete Thomas das rechte Auge. Er lag im Bug eines unappetitlich riechenden Fischkutters, dessen Motor nervös tuckerte.

Am Steuer stand ein kleiner, verknitterter Portugiese mit Lederjacke und Schildmütze, eine erloschene Stummelpfeife zwischen den Zähnen. Hinter dem Schiffer tanzten die Lichter der Küste auf und nieder. Die See war rauh. Der Kutter schlingerte aufs offene Meer hinaus. Seufzend öffnete Thomas Lieven das linke Auge.

Auf der Bank neben ihm saßen zwei bullige Kerle. Beide trugen schwarze Ledermäntel und grimmige Mienen. Beide hielten schwere Revolver in den großen, häßlichen Händen.

Thomas Lieven richtete sich halb auf und sprach, mit Mühe zwar, aber fließend: »Einen schönen guten Abend, die Herren. Ich hatte vorhin am Flughafen keine Gelegenheit, Sie zu begrüßen. Daran sind Sie nicht ohne Schuld! Sie hätten mich nicht so schnell niederschlagen und chloroformieren dürfen.«

Der erste Kerl sprach mit Hamburger Akzent: »Ich warne Sie, Thomas Lieven. Beim geringsten Fluchtversuch knallt’s!«

Der zweite Kerl sprach mit sächsischem Akzent: »Ihr Spiel ist aus, Herr Lieven. Jetzt geht es in die Heimat.«

Interessiert erkundigte sich Thomas: »Stammen Sie aus Dresden?«

»Aus Leipzig. Warum?«

»Pure Neugier. Nichts gegen diesen Kutter, meine Herren, aber in die Heimat ist es auf dem Seeweg noch ein hübsches Ende. Werden wir es schaffen?«

»Immer noch ein großes Maul«, sagte der Hamburger. »Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Lieven. Mit dem Kutter bringen wir Sie nur aus der Dreimeilenzone raus.«