»Ins Planquadrat 135 Z«, sagte der Leipziger.
Thomas bemerkte, daß der Kutter ohne Positionslichter fuhr. Die See wurde immer unruhiger. Desgleichen Thomas. Aber er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. »Und was, meine Herren, geschieht im Planquadrat 135 Z?«
»Dort taucht in einer Viertelstunde ein U-Boot auf. Geht alles wie am Schnürchen, Sie werden sehen. Ruck, zuck!«
»Deutsche Organisation«, meinte Thomas höflich.
Der kleine Steuermann sagte auf portugiesisch: »Wir haben die Hoheitsgewässer verlassen. Wo ist mein Geld?«
Der Leipziger stand auf, trat schwankend neben den Steuermann und gab ihm ein Kuvert. Der Schiffer klemmte das Steuer fest und zählte die Banknoten. Danach ging alles sehr schnell.
Thomas war der erste, der den großen Schatten auftauchen sah, denn er war der einzige, der zum Heck hinblickte. Plötzlich war der schwarze Schemen da, drohend schoß er aus der Nacht heran, direkt auf den schlingernden Kutter zu. Thomas wollte aufschreien, aber im letzten Augenblick biß er sich auf die Zunge. Nicht, dachte er. Nicht schreien. Still jetzt, still …
Scheinwerfer flammten auf. Eine Schiffssirene heulte, einmal, zweimal, dreimal. Dann war der Schatten plötzlich eine Rennjacht, nah, ganz nah, lebensgefährlich nah. Der portugiesische Steuermann schrie wild auf und riß das Rad herum. Zu spät. Mit einem ekelhaften Knirschen rammte die Jacht das kleine Boot backbord im spitzen Winkel. Dem Herrn aus Hamburg flog der Revolver aus der Hand. Der Herr aus Leipzig stürzte.
Und dann war oben unten und unten oben, der Kutter kenterte, indessen sich der Bug der Jacht knirschend in seine Seite grub. Eine unsichtbare Riesenfaust riß Thomas empor und schleuderte ihn hinein in das schwarze, eiskalte Wasser. Er hörte tobendes Stimmendurcheinander, Schreie, Flüche, Kommandorufe, und immer noch heulte die Sirene der Jacht.
Thomas schluckte Salzwasser, ging unter, kam wieder hoch, rang nach Luft und sah vom Deck der Jacht einen Rettungsring an einer Leine auf sich zufliegen. Klatschend traf der weiße Ring das Wasser. Thomas packte ihn. Im nächsten Moment bereits straffte sich die Leine, und er wurde zur Jacht hingezogen.
Blinzelnd starrte er die Buchstaben auf dem Ring an, der den Namen des Schiffes trug. Thomas las: BABY RUTH.
Herrgott, dachte er, wenn ich das im Club erzähle, werden sie sagen, ich lüge …
17
»Whisky oder Rum?«
»Whisky, bitte.«
»Mit Eis und Soda?«
»Nur mit Eis, bitte. Und gießen Sie das Glas ruhig halb voll, ich bekomme so leicht Schnupfen«, sagte Thomas Lieven. Eine Viertelstunde war vergangen, eine außerordentlich ereignisreiche Viertelstunde.
Vor fünfzehn Minuten noch Gefangener der Deutschen Abwehr, danach Schiffbrüchiger im Atlantik, saß Thomas nun in wärmende Decken gehüllt auf dem traumweichen Bett einer traumschönen Luxuskabine. Ein Herr, den er niemals zuvor gesehen hatte, stand vor einer Wandbar und bereitete ihm einen Drink.
Thomas dachte leicht benommen: Wie es halt so geht im Leben …
Der Herr brachte ihm den Whisky. Er hatte sich selbst auch einen ordentlichen eingegossen. Nun hob er lächelnd sein Glas: »Cheerio!«
»Cheerio!« sagte Thomas und trank einen mächtigen Schluck. Jetzt bekomme ich endlich den widerlichen Chloroformgeschmack aus der Kehle, dachte er. Von draußen drang wüstes Gebrüll in die Kabine.
»Wer ist das?«
»Unser Steuermann und Ihrer. Eine Expertenkonversation über die Schuldfrage«, erwiderte der fremde Herr, der einen tadellosen blauen Einreiher und eine intellektuelle Hornbrille trug. »Natürlich war Ihr Steuermann schuld. Man fährt nicht ohne Positionslichter. Noch etwas Eis?«
»Danke nein. Wo sind die beiden – meine Begleiter?«
»Unter Deck. Ich nehme an, daß Sie die beiden gerne dort wissen.« Es hilft ja nichts, dachte Thomas. Was soll’s, es wird das beste sein, wenn ich den Stier gleich bei den Hörnern packe. Er sagte darum: »Ich danke Ihnen, Sie haben mich vor dem Tod bewahrt. Und ich denke dabei nicht an den Tod durch Ertrinken.«
»Prost, Kaufmann Jonas!«
»Bitte, wie?«
»Für uns sind Sie Kaufmann Jonas. Wir wissen noch nicht, wie Sie wirklich heißen.« Gott sei Dank, dachte Thomas. »Sie werden es mir sicherlich auch nicht sagen wollen …«
»Sicherlich nicht!« – Was für ein Glück, daß ich alle meine Papiere im Safe der schönen Konsulin Estrella deponiert habe. Ich wurde doch die ganze Zeit das Gefühl nicht los, daß mir einmal so etwas zustoßen würde.
»Ich verstehe das vollkommen. Es ist mir klar, daß Sie erst an höchster Stelle sprechen können. Ein Mann wie Sie! Eine V.I.P.!«
»Bitte, eine was?«
»Eine Very Important Person!«
»Ich bin eine sehr wichtige Person?«
»Na, hören Sie mal, Kaufmann Jonas, wenn die Deutsche Abwehr versucht, Sie mit einem U-Boot aus Portugal herauszuholen! Sie können nicht ahnen, was sich Ihretwegen in den letzten achtundvierzig Stunden getan hat! Diese Vorbereitungen! Monströs! Abwehr Berlin! Abwehr Lissabon! U-Boot im Planquadrat 135 Z! So einen verrückten Funkverkehr hatten die Deutschen seit Monaten nicht mehr. Kaufmann Jonas … Kaufmann Jonas … Kaufmann Jonas muß unter allen Umständen nach Berlin gebracht werden … Und da fragen Sie mich, ob Sie eine V.I.P. sind – köstlich! Was ist, Kaufmann Jonas?«
»Könnte ich – könnte ich wohl noch einen Whisky bekommen, bitte?«
Thomas Lieven bekam noch einen – einen großen. Der Herr mit der Hornbrille bereitete sich selber auch noch einen und überlegte dabei laut: »Für die 5000 Dollar kann BABY RUTH ruhig eine Pulle Whisky springen lassen!«
»Welches Baby, bitte? Was für 5000 Dollar?«
Der Bebrillte lachte: »Kaufmann Jonas, es ist Ihnen doch klar, daß Sie in mir einen Mann vom ›Secret Service‹ vor sich haben?«
»Das ist mir klar, ja.«
»Nennen Sie mich Roger. So heiße ich natürlich nicht. Aber ein falscher Name ist so gut wie der andere – habe ich recht?«
Lieber Gott im Himmel, es geht schon wieder los! dachte Thomas Lieven. Aufpassen, ich muß jetzt aufpassen. Den Deutschen bin ich entkommen. Jetzt muß ich nur noch die Engländer loswerden. Ich muß Zeit gewinnen. Überlegen. Vorsichtig sein.
Er sagte: »Sie haben vollkommen recht, Mr. Roger. Ich wiederhole meine Frage: Was für 5000 Dollar? Welches ›BABY RUTH‹?«
»Kaufmann Jonas, als wir – und unter ›wir‹ verstehe ich uns Boys von der britischen Abwehr in Lissabon – den hysterischen Funkverkehr der Deutschen konstatierten, da verständigten wir sofort M 15 in London …«
»Wer ist M 15?«
»Der Chef unserer Gegenspionage.«
»Aha«, sagte Thomas. Er trank einen Schluck und dachte: ein europäischer Kindergarten. Ein mörderischer europäischer Kindergarten. Ach, lieber Gott, werde ich froh sein, wenn ich diesen lächerlich lebensgefährlichen Kontinent hinter mir gelassen habe.
»Und M 15 funkte: Feuer frei!«
»Ich verstehe.«
»Wir reagierten blitzschnell …«
»Na klar.«
»… diesen Kaufmann Jonas sollten die Nazis nicht bekommen! Hahaha! Nehmen Sie noch einen Whisky auf Baby Ruths Wohl!«
»Wollen Sie mir nicht endlich sagen, wer Baby Ruth ist?«
»Mrs. Ruth Woodhouse, 65 Jahre alt. Dreivierteltaub. Hat zwei Schlaganfälle und fünf Ehegatten überlebt.«
»Kompliment.«
»Kein Begriff für Sie: Woodhouse-Stahl? Woodhouse-Panzer? Woodhouse-Maschinengewehre? Eine der ältesten amerikanischen Rüstungsdynastien! Nie gehört?«
»Ich fürchte, nein.«
»Arge Bildungslücke, muß ich schon sagen.«
»Sie haben sie geschlossen. Danke.«
»Gern geschehen. Also, dieser Dame gehört die Jacht. Sie hält sich zur Zeit in Lissabon auf. Als wir die Sache mit dem U-Boot herausbekommen hatten, redeten wir mit ihr. Sie stellte uns sofort ihr Schiff zur Verfügung, für 5000 Dollar.« Der Mann, der sich Roger nannte, ging wieder zur Bar. »Es lief alles wie am Schnürchen, Kaufmann Jonas! Ruck, zuck!«