Das habe ich heute abend schon einmal gehört, dachte Thomas Lieven und sagte höflich: »Britische Organisation.«
Roger brach in die Alkoholbestände der amerikanischen Rüstungsmillionärin ein wie ein reißender Wolf in eine Schafherde. Dabei amüsierte er sich: »Wir verfolgten jeden Ihrer Schritte, Kaufmann Jonas. Sie wurden dauernd überwacht! Ich lag hier auf der Lauer, im Planquadrat 135 Z. Ich erhielt den Funkspruch, daß die Deutschen Sie beim Flughafen überfallen und entführt hatten. Ich erhielt den Funkspruch, daß der Fischkutter klarmachte. Hahaha!«
»Und was geschieht jetzt?«
»Ruck, zuck! Wie am Schnürchen geht das alles. Wir werden natürlich gegen den portugiesischen Steuermann Anzeige erstatten. Wegen grober Fahrlässigkeit. Er ist zweifellos an dem Unfall schuld! Wir haben bereits eine entsprechende Meldung gefunkt. Es wird bald ein Patrouillenboot hier aufkreuzen, das den Steuermann und Ihre beiden deutschen Freunde übernimmt.«
»Was geschieht mit ihnen?«
»Nichts. Sie haben schon erklärt, daß sie nur eine kleine Rundfahrt machen wollten.«
»Und was geschieht mit mir?«
»Ich habe Auftrag, Sie, gegebenenfalls unter Einsatz meines Lebens, sicher in die Villa des britischen Nachrichtenchefs in Portugal zu bringen. Oder wollen Sie lieber mit Ihren deutschen Freunden gehen?«
»Keinesfalls, Mr. Roger, keinesfalls«, sagte Thomas Lieven und lächelte verzerrt, indessen er überlegte: Ist das noch Meerwasser auf meiner Stirn – oder schon wieder Angstschweiß?
18
Die Deutschen hatten Thomas Lieven mit einer uralten Limousine aus Lissabon entführt, die Briten brachten ihn in einem neuen Rolls-Royce nach Lissabon zurück.
Noblesse oblige.
Er saß im Fond, in einen blauseidenen Morgenrock mit aufgestickten goldenen Drachen gehüllt, dazu passende Pantoffeln an den Füßen. Mehr an Garderobe hatte sich an Bord der BABY RUTH nicht auftreiben lassen. Thomas Lievens nasser Anzug und seine Wäsche lagen vorne beim Chauffeur.
Neben Thomas saß Roger, eine Maschinenpistole auf den Knien. Er sprach durch die Zähne: »Keine Furcht, Kaufmann Jonas, es geschieht Ihnen nichts. Die Wagenwände sind gepanzert, die Fenster aus kugelsicherem Glas. Man kann nicht hereinschießen.«
»Und wie, bitte, würden Sie dann unter Umständen hinausschießen?« fragte Thomas. Darauf blieb der britische Agent eine Antwort schuldig.
An dem schlafenden Luxusbadeort Estoril vorbei jagten sie ostwärts, in einen gloriosen Sonnenaufgang hinein. Perlmutterfarben leuchteten Himmel und Meer. Viele Schiffe lagen im Hafen. Heute ist der 9. September, dachte Thomas Lieven. Morgen läuft die »General Carmona« nach Südamerika aus. Werde ich sie erreichen, lieber Gott?
In einem Palmengarten stand die komfortable Villa des britischen Nachrichtenchefs. Sie war im maurischen Stil eingerichtet und gehörte einem Geldverleiher namens Alvarez, der noch zwei weitere, ähnliche Villen besaß. Die eine hatte er an den Nachrichtenchef der deutschen Gesandtschaft vermietet, die andere an den Nachrichtenchef der amerikanischen …
CASA DO SUL stand in goldenen Lettern über dem Eingang zur Villa der Briten. Ein Butler in gestreifter Hose und grüner Samtweste hielt die schwere schmiedeeiserne Tür auf. Die weißen, buschigen Augenbrauen hatte er hochgezogen. Er verneigte sich stumm vor Thomas. Danach versperrte er die Tür und schritt vor den beiden Besuchern durch eine mächtige Halle, am Kamin, einer Freitreppe und den Ahnenporträts des Herrn Alvarez vorbei, der Bibliothek zu.
In dieser wartete vor einer bunten Bücherwand ein älterer Gentleman, der so wundervoll englisch aussah wie nur jene Herren, denen man auf den Seiten britischer Schneidermagazine begegnet. Seine gepflegte Eleganz, der untadelig sitzende dunkelgraue Flanellanzug, der gepflegte Kolonialoffiziersschnurrbart und die militärisch straffe Haltung dieses Gentlemans erregten Thomas Lievens ehrliche Bewunderung.
»Mission ausgeführt, Sir«, sprach Roger zu ihm.
»Gut gemacht, Jack«, sprach der Herr in Dunkelgrau, Thomas die Hand schüttelnd. »Guten Morgen, Kaufmann Jonas. Willkommen auf großbritannischem Boden. Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet. Einen Whisky auf den Schrecken?«
»Ich trinke niemals vor dem Frühstück, Sir.«
»Ich verstehe. Mann von Prinzipien. Gefällt mir. Gefällt mir sehr.« Der Herr in Dunkelgrau wandte sich an Roger. »Gehen Sie hinauf zu Charley. Er soll Funkverbindung mit M 15 aufnehmen. Code Cicero. Meldung: Die Sonne geht im Westen auf.«
»Jawohl, Sir.« Roger verschwand. Der Herr in Dunkelgrau sagte zu Thomas: »Nennen Sie mich Shakespeare, Kaufmann Jonas.«
»Gerne, Mr. Shakespeare.« – Warum nicht? In Frankreich habe ich einmal einen Kollegen von dir Jupiter nennen müssen, dachte Thomas. Wenn euch so etwas Spaß macht …
»Sie sind Franzose, Kaufmann Jonas, nicht wahr?«
»Eh – ja.«
»Dachte ich mir sofort! Habe einen Blick dafür. Untrügliche Menschenkenntnis! Vive la France, Monsieur!«
»Danke, Mr. Shakespeare.«
»Monsieur Jonas, wie heißen Sie wirklich?«
Wenn ich dir das sage, erreiche ich mein Schiff nie, dachte Thomas und erwiderte darum: »Es tut mir leid, aber meine Lage ist zu ernst. Ich muß meine wahre Identität verschweigen.«
»Monsieur, ich verbürge mich mit meiner Ehre dafür, daß wir Sie jederzeit sicher nach London bringen, wenn Sie sich bereit erklären, für mein Land zu arbeiten. Wir haben Sie aus den Klauen der Nazis gerettet, vergessen Sie das nicht!«
Das ist ein Leben, dachte Thomas.
Er sagte: »Ich bin erschöpft, Mr. Shakespeare. Ich – ich kann nicht mehr. Bevor ich mich für irgend etwas entscheide, muß ich schlafen.«
»Vollkommen klar, Monsieur. Ein Fremdenzimmer steht für Sie bereit. Betrachten Sie sich als mein Gast.«
Eine halbe Stunde später lag Thomas Lieven in einem bequemen, weichen Bett in einem stillen, gemütlichen Zimmer. Die Sonne war aufgegangen, im Park sangen viele Vögel. Goldene Lichtbahnen fielen durch das vergitterte Fenster. Die Tür war von außen versperrt. Englische Gastfreundschaft, dachte Thomas Lieven, in der ganzen Welt gerühmt. Es geht wirklich nichts über sie …
19
»Achtung, die Zeit: Beim Gongschlag ist es acht Uhr! Guten Morgen, meine Damen und Herren. Von Radio Lissabon hören Sie die zweiten Frühnachrichten. London: Auch in der vergangenen Nacht setzten starke Bomberverbände der deutschen Luftwaffe ihre konzentrierten Angriffe auf die britische Hauptstadt fort …«
Heftig atmend, die Hände aneinanderreibend, eilte die vollschlanke, schwarzhaarige Konsulin Estrella Rodrigues in ihrem Schlafzimmer auf und ab. Sie sah erschöpft aus. Ihre aufreizend gewölbte Oberlippe zitterte.
Estrella war einem Nervenzusammenbruch nahe. Nicht eine Minute hatte sie in der vergangenen Nacht geschlafen, furchtbare Stunden lagen hinter ihr. Jean, ihr geliebter Jean, war nicht nach Hause gekommen. Sie wußte, daß er seinen geheimnisvollen Freund, diesen französischen Major, zum Flughafen gebracht hatte. Sie hatte mit dem Flughafen telefoniert. Aber dort wußte man nichts von einem Monsieur Jean Leblanc.
Vor ihrem geistigen Auge sah Estrella ihren Geliebten entführt, gefangen, gefoltert, in den Händen der Deutschen, tot! Estrellas Brust hob und senkte sich im Aufruhr ihrer Gefühle. Sie glaubte zu sterben, zu vergehen …
Plötzlich kam ihr zu Bewußtsein, daß noch immer das Radio lief. Sie blieb stehen; sie nahm zur Kenntnis, was die Sprecherstimme sagte:
»… rammte in den Morgenstunden des heutigen Tages die amerikanische Jacht BABY RUTH vor der Dreimeilenzone einen portugiesischen Fischkutter, welcher kenterte. Die Besatzung der Jacht nahm mehrere Schiffbrüchige an Bord. Zur gleichen Zeit orteten Einheiten unseres Küstenschutzes in der Nähe der Unfallstelle ein U-Boot, das sofort tauchte und die Flucht ergriff.
Captain Edward Marks, Kommandant der BABY RUTH, erstattete gegen den Steuermann des Fischkutters Anzeige wegen grober Gefährdung. Die drei Passagiere des Kutters, zwei Deutsche und ein Franzose …«