Estrella schrie auf!
»… verweigerten jede Auskunft. Es liegt der Verdacht nahe, daß es sich bei dem Vorfall um ein vereiteltes Entführungsmanöver handelt, in welches mindestens zwei ausländische Geheimdienste verstrickt sind. Eine Untersuchung wurde eingeleitet. Die BABY RUTH darf bis auf weiteres nicht auslaufen. Sie gehört der amerikanischen Millionärin Ruth Woodhouse, die seit einiger Zeit im Hotel ›Aviz‹ residiert. Sie hörten Nachrichten. Die Wetteraussichten für heute und morgen …«
Die Konsulin erwachte aus ihrer Erstarrung. Sie knipste das Radio aus. In höchster Eile zog sie sich an. Jean … Ihre Ahnung hatte sie nicht getrogen, es war etwas passiert, etwas Arges, etwas Grauenvolles … Wie hieß diese Millionärin?
Woodhouse. Ruth Woodhouse. Hotel »Aviz«.
20
Die weißen, buschigen Augenbrauen hochgezogen, betrat der Butler die Bibliothek der luxuriösen »Casa do Sul«. Sonor klang seine Stimme, als er dem Chef des britischen Nachrichtendienstes in Portugal meldete: »Senhora Rodrigues ist jetzt eingetroffen, Sir.«
Federnd erhob sich der Mann, der sich Shakespeare nannte. Federnd schritt er der schönen Konsulin entgegen, die nun ein hautenges weißes Leinenkleid, handbemalt mit Blumen und Vögeln in leuchtenden Farben, ein wenig zu viel Make-up und den Ausdruck eines gehetzten, vollschlanken Edelwildes trug.
Shakespeare küßte ihr die Hand. Der Butler zog sich zurück.
Der Chef des britischen Nachrichtendienstes bot Estrella Platz an. Außer Atem, heftig wogend, plumpste sie in einen kostbaren Sessel. Die Erregung verschlug ihr die Rede – ein seltenes Phänomen. Mitfühlend sagte der Mann, dem es gefiel, sich des Namens von Englands größtem Poeten zu bedienen: »Ich habe vor einer halben Stunde mit Mrs. Woodhouse telefoniert. Ich weiß, daß Sie sie aufgesucht haben, Senhora …«
Immer noch sprachlos, nickte Estrella.
»… Mrs. Woodhouse ist eine – hm – sehr gute Freundin von uns. Sie sagte mir, daß Sie in Sorge um einen – hm – sehr guten Freund leben?«
Estrella ahnte nicht, was sie mit ihren nächsten Worten anrichtete: »In Sorge um Jean, mein Gott, um meinen armen, unglücklichen Jean …«
»Jean?«
»Jean Leblanc – ein Franzose. Er ist seit gestern verschwunden … Ich bin schon halb wahnsinnig vor Angst. Können Sie mir helfen … Wissen Sie etwas von ihm? Sagen Sie mir die Wahrheit, ich flehe Sie an!«
Shakespeare wiegte vielsagend den Kopf.
»Sie verbergen mir etwas!« sprudelte die Konsulin hervor. »Ich fühle es. Ich weiß es! Seien Sie barmherzig, Senhor, sprechen Sie! Ist mein armer Jean in die Hände der elenden Hunnen gefallen? Ist er tot?«
Shakespeare hob eine Hand, die schmal und edel war und weiß wie Milch. »Nicht doch, verehrteste Senhora, nicht doch. Ich glaube, ich habe gute Nachrichten für Sie …«
»Wirklich, heilige Madonna von Bilbao, wirklich?«
»Wie es sich trifft, hm, hm, kam vor ein paar Stunden ein Herr zu uns, der sehr wohl jener sein könnte, den Sie suchen …«
»O Gott, o Gott, o Gott!«
»Der Butler weckt ihn eben. Er wird jeden Augenblick« – es klopfte –, »da ist er schon. Herein!«
Die Tür ging auf. Der hochmütige Diener erschien. An ihm vorbei schritt Thomas Lieven in die Bibliothek, in Pantoffeln, mit nackten Beinen, in den orientalischen Morgenrock aus den Beständen der BABY RUTH gehüllt.
»Jean!«
Estrellas Schrei zerriß die Luft. Sie stürzte stolpernd über einen Teppich auf ihren Geliebten zu, warf sich an seine Brust, klammerte sich an den Erstarrten, herzte und küßte ihn atemlos und bekannte stammelnd: »O Jean, Jean – mein Einziger, mein Süßer … Daß du nur lebst, daß du nur da bist, das macht mich zur glücklichsten Frau der Welt!«
Shakespeare verneigte sich mit einem verständnisinnigen Lächeln. »Ich lasse Sie mit der Senhora allein«, erklärte er dezent. »Bis nachher, Monsieur Leblanc.«
Thomas Lieven schloß die Augen. Indessen ihn die Küsse Estrellas wie Hagelkörner trafen, dachte er verzweifelt: Aus! Schluß! Jetzt bin ich geliefert. Leb wohl, Freiheit! Leb wohl, »General Carmona«. Leb wohl, schönes Südamerika …
21
Funker Charley saß in einer Mansardenstube der »Casa do Sul«, vor deren Fenster Palmenwedel im Morgenwind wogten. Funker Charley manikürte seine Nägel, als Shakespeare hereingestürzt kam.
»Los. An M 15. Ganz dringend: Echter Name von Kaufmann Jonas ist Jean Leblanc stop erbitten Weisung.«
Charley chiffrierte die Botschaft, schaltete den Sender ein und begann zu morsen.
Inzwischen hatte Shakespeare sich vor einem großen Lautsprecher niedergelassen und eine von sieben Tasten herabgedrückt, über der zu lesen stand:
MIKROPHON BIBLIOTHEK
Es knisterte und knackte. Dann hörte Shakespeare den folgenden Dialog zwischen Thomas und der schönen Estrella mit an:
»… aber wieso habe ich dich in Gefahr gebracht, Liebling? Wieso?«
»Du hättest nie herkommen dürfen!«
»Ich war doch halb wahnsinnig vor Angst und Sorge – ich habe gedacht, ich sterbe …«
»Du hättest niemals meinen Namen nennen dürfen!«
(Mit schmalen Lippen lächelte Shakespeare.)
»Warum nicht? Warum nicht?«
»Weil meinen Namen niemand wissen darf!«
»Aber du bist doch Franzose! Ein Freund der Engländer – ein Verbündeter …«
»Trotzdem. Sei jetzt still …« Schritte erklangen. »… es wird hier irgendwo doch ganz bestimmt so ein Dings geben … Ah, da ist es ja schon, unter dem Tisch.«
Ein schrilles Pfeifen kam aus dem Lautsprecher, ein schreckliches Krachen, dann war die Verbindung tot.
Bewundernd sagte Shakespeare: »Gerissener Hund. Hat das Mikro entdeckt und abgerissen!« Wenige Minuten später sah er, daß der Funker mit fliegenden Fingern eine Botschaft aufnahm. »Schon Antwort von M 15?«
Charley nickte. Er dechiffrierte die Antwort aus London. Dabei wechselte sein gesundes Jungengesicht die Farbe. Erblassend sagte er: »Allmächtiger!«
»Was ist?« Shakespeare riß ihm den Zettel aus der Hand. Er las:
von m 15 an shakespeare lissabon – angeblicher jean leblanc heißt in wirklichkeit thomas lieven und ist deutscher abwehragent – hat uns gerade mit gefälschten listen des französischen geheimdienstes hereingelegt – halten sie diesen mann unter allen umständen fest – spezialagent fliegt sogleich mit kuriermaschine zu ihnen – seinen weisungen ist folge zu leisten – ende – ende –
Mit einem kräftigen Fluch schleuderte Shakespeare den Zettel zu Boden und stürzte aus der Mansarde. Er rannte die Treppe zur Bibliothek hinab, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
In der Halle bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Die schwere Eingangstür stand ebenso offen wie die Bibliothekstür. Zwischen beiden lag eine reglose Gestalt mit dem Gesicht nach unten auf einem prächtigen Orientteppich – der vornehme Butler.
Shakespeare rannte in die Bibliothek. Sie war leer. Ein Duft von Parfüm hing noch in der Luft. Shakespeare rannte in den Park hinaus. Auf der Straße startete gerade aufheulend ein rotes Taxi. Shakespeare rannte in die Halle zurück. Der vornehme Butler war eben zu sich gekommen. Er saß auf dem Teppich, stöhnte und massierte seinen Hals.
»Wie war das möglich?«
»Der Mann ist ein Meister im Jiu-Jitsu, Sir. Ich sah ihn, als er mit der Dame aus der Bibliothek kam. Ich trat ihm entgegen, um ihn aufzuhalten. Danach ging alles blitzschnell. Ich flog zu Boden – mir schwanden die Sinne, Sir …«
22
Das Telefon schrillte – schrillte – schrillte.
Immer noch in Pantoffeln und Morgenrock, kam Thomas Lieven in Estrellas Schlafzimmer geschliddert. Der Chauffeur des roten Taxis und zahlreiche Passanten hatten sich in der letzten Viertelstunde über seine seltsame Bekleidung ebenso gewundert wie Estrellas Stubenmädchen, aber das war dem lebenslang mit größter Eleganz gekleideten Thomas egal. Ihm war jetzt alles egal! Er wußte: Nun ging es um seinen Hals!