Er riß den Hörer hoch: »Hallo?«
Dann lächelte er erleichtert, denn er kannte die Stimme, die sich meldete. Sie gehörte einem Freund, dem einzigen Freund, den er jetzt noch hatte.
»Leblanc, hier ist Lindner …«
»Gott sei Dank, Lindner, ich wollte Sie auch gerade anrufen. Wo sind Sie?«
»Im Hotel. Hören Sie, Leblanc, ich versuche seit Stunden, Sie zu erreichen.«
»Jaja, schon gut. Ich hatte ein unangenehmes Erlebnis – mehrere unangenehme Erlebnisse … Lindner, Sie müssen mir helfen … Ich muß mich verstecken, bis unser Schiff geht …«
»Leblanc!«
»… man darf mich nicht mehr sehen, ich …«
»Leblanc! Lassen Sie mich endlich reden!«
»Bitte.«
»Unser Schiff geht nicht.«
Thomas sank auf das Bett der Konsulin, die hinter ihn getreten war und angstvoll ihre kleine Faust an den aufregenden Mund preßte. Thomas ächzte: »Was sagen Sie?«
»Unser Schiff geht nicht!«
Schweiß trat auf Thomas Lievens Stirn. »Was ist passiert?«
Die Stimme des Wiener Bankiers klang hysterisch: »Ich hatte schon seit Tagen ein böses Gefühl. Unsere Reederei betrug sich so eigenartig – ich habe es Ihnen verschwiegen, um Sie nicht zu beunruhigen. Heute morgen habe ich es erfahren …«
»Was erfahren?«
»Unser Schiff ist von den Deutschen gekapert worden!«
Thomas schloß die Augen.
»Was ist – was ist …?« rief die arme Konsulin bebend.
Thomas stöhnte in die Muscheclass="underline" »Und – und ein anderes Schiff?«
»Unmöglich! Auf Monate hinaus alles ausgebucht! Wir dürfen uns nichts vormachen, Leblanc – wir sitzen in Lissabon fest – hallo – Leblanc, haben Sie mich verstanden?«
»Jedes Wort«, sagte Thomas Lieven. »Sie hören von mir, Lindner. Leben Sie wohl – wenn Sie das unter den Umständen noch können.« Er legte auf und stützte den Kopf in die Hände. Plötzlich roch er wieder das Chloroform. Plötzlich war ihm wieder übel. Er fühlte sich schwindlig und zu Tode erschöpft.
Was jetzt?
Nun saß er in der Falle. Nun konnte er nicht mehr damit rechnen, ihnen zu entkommen, den Deutschen, den Engländern, den Franzosen – allen, die er hereingelegt hatte.
»Jean! Jean!« Die Stimme der schönen Konsulin drang an sein Ohr. Er blickte auf. Sie war neben ihm in die Knie gesunken, zitternd und schluchzend. »Sprich doch! Sag doch ein Wort! Erzähle deiner armen Estrella, was geschehen ist!«
Er sah sie schweigend an. Dann erhellte sich sein Gesicht, und seine Stimme klang sanft: »Schick das Mädchen fort, Liebling.«
»Das Mädchen …«
Menu • 9. September 1940
Thomas Lieven kocht ungarisch.
Dabei kommt ihm die rettende Idee.
Champignons auf Toast
Ungarisches Lecso
Frische Birnen mit Käse
Champignons auf Toast: Man nehme feste kleine Champignons, wasche sie, entferne etwaige Unreinheiten und schneide sie blättrig. Dann dünste man sie in Butter weich, salze und pfeffere sie leicht und häufe sie auf dünne Weißbrotschnitten, die man auf beiden Seiten in Butter gelb angebraten hat. Man beträufle sie mit Zitronensaft und streue etwas feingehackte Petersilie darüber und gebe sie auf gut vorgewärmten Tellern zu Tisch.
Sehr fein ist es, mit den Pilzen etwas feingehackte Schalotte, dann süße oder saure Sahne mitzudünsten, die fertigen Schnitten mit geriebenem Käse zu bestreuen und im Ofen kurz zu überbacken.
Anmerkung: Thomas Lieven hat sich für die erste Art der Zubereitung entschieden, weil er vor dem etwas massiven Hauptgericht nur einen leichten Appetithappen reichen will.
Ungarisches Lecso: Man schneide ein halbes Pfund Zwiebeln in Ringe, je hundert Gramm durchwachsenen Speck und derbe Knoblauchwurst in kleine Würfel und ein Pfund Hammelfleisch in etwas größere Stücke. Man entkerne zwei Pfund grüne Paprikaschoten, schneide sie in fingerlange und -breite Streifen und häute ein Pfund Tomaten ab.
Man schmore Zwiebeln, Speck und Wurst zusammen an, gebe dann das Fleisch dazu, das auf allen Seiten angebraten wird. Dann füge man die Paprikastreifen dazu und etwas später die Tomaten. Das Gericht soll bei geschlossenem Deckel auf kleiner Flamme langsam dünsten, bis alles ganz weich ist. Eine halbe Stunde bevor man es zu Tisch geben will, füge man einen halben Tassenkopf voll Reis hinzu, der nur dazu dienen soll, den Saft leicht zu binden. Verwendet man mehr Reis, so gibt es einen pappigen Brei. Man würze mit Salz und rotem Paprika. Zum Lecso reiche man geschnittenes Weißbrot.
Frische Birnen mit Käse: Man nehme reife, feste und doch saftige Birnen und reiche dazu einen nicht zu strengen vollfetten Käse. Am besten Gervais oder Bel Paese. Man schäle sich bei Tisch eine Birne, schneide sie auf mundgerechte Schnitze und verzehre jeden Schnitz zusammen mit einem Stückchen Käse. Diese Zusammenstellung von frischem Obst mit Käse ist ein besonders angenehmer und bekömmlicher Abschluß nach einem schweren und scharfen Essen.
»Ich will mit dir allein sein.«
»Aber das Mittagessen …«
»Ich koche selber«, sagte Thomas Lieven und stand auf wie ein Boxer, der, angeschlagen zwar, aber noch lange nicht k. o., zur nächsten Runde antritt. »Ich muß mir jetzt alles ganz genau überlegen. Und beim Kochen kommen mir die besten Gedanken.«
Er kochte ungarisches Lecso. Versunken schnitt er ein halbes Pfund Zwiebeln zu Ringen, sanft und still entkernte er zwei Pfund grüne Paprikaschoten.
Die Konsulin beobachtete ihn dabei. Sie war so nervös, daß sie andauernd an ihrem Armband drehte, einem äußerst kostbaren Schmuckstück aus schwerem Gold, das besetzt war mit lupenreinen Brillanten. Estrella rief kopfschüttelnd: »Deine Ruhe – deine Gelassenheit! Daß du jetzt kochen kannst …«
Er lächelte verhalten. Sein Blick fiel auf das breite Armband, dessen Steine im Licht funkelten und glühten, weiß, blau, grün, gelb und rot. Er schnitt die Paprikaschoten zu fingerlangen Streifen.
»Warum sprichst du nicht, Jean?«
»Weil ich nachdenke, mein Herz.«
»Jean, willst du dich mir nicht anvertrauen? Willst du mir nicht die Wahrheit sagen? Warum fühlst du dich von allen Seiten bedroht? Warum hast du auch vor den Engländern Angst?«
Er begann, Tomaten zu häuten. »Die Wahrheit, mein Herz, ist so fürchterlich, daß ich sie nicht einmal dir anvertrauen kann.«
»Oh!« Ganz schnell drehte sie jetzt ihr Armband; es leuchtete und glühte wie Feuer. »Aber ich will dir doch helfen, ich will dich doch beschützen – vertraue mir, Jean. Ich tue alles für dich.«
»Alles? Wirklich alles?«
Er ließ die Tomate sinken, die er in der Hand hielt. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck inniger Zärtlichkeit und stiller Zuversicht an. »Nun gut«, sprach Thomas Lieven freundlich, »dann wollen wir uns nach dem Mittagessen noch ein Stündchen ausruhen, und dann zeigst du mich an.«
Wen wundert es, daß diese Worte eine umwerfende Wirkung erzielten? Estrella, die Schöne, verstummte. Mit großen Augen und weit aufgerissenem Mund starrte sie Thomas Lieven an.
»Was hast du gesagt?« keuchte sie, als sie die Sprache wiedergefunden hatte. »Was soll ich tun? Dich anzeigen? Wo? Bei wem?«
»Bei der Polizei, mein Schatz.«
»Aber warum denn, um Himmels willen?«
»Weil ich dich bestohlen habe, Liebling«, antwortete Thomas Lieven. »Wo ist denn bloß die Knoblauchwurst?«
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ZWEITES BUCH
1. Kapitel
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