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9. September 1940
Aus dem Tätigkeitsbericht des 17. Lissabonner Polizeireviers in der Avenida E. Duarte Pacheco:
15 Uhr 22: Anruf aus dem Hause 45 Rua Marques da Fronteira. Frauenstimme bittet dringend um Hilfe gegen Dieb. Die Sergeanten Alcantara und Branco mit Stationswagen losgeschickt.
16 Uhr 07: Sergeanten Alcantara und Branco kehren zurück und bringen mit:
a) Estrella Rodrigues, röm.-kath., verwitwet, geboren 27. 3. 1905, port. Staatsbürgerin, Konsulin von Costa Rica, wohnhaft 45 Rua Marques da Fronteira.
b) Jean Leblanc, protest., ledig, geb. 2. 1. 1910, franz. Staatsbürger, Bankier, zur Zeit ohne festen Wohnsitz (Flüchtling, portug. Durchreisevisum).
Estrella Rodrigues erklärt zur Sache: »Ich verlange die Festnahme des Jean Leblanc, der mich bestohlen hat. Ich kenne Leblanc seit zwei Wochen. Er hat mich häufig in meiner Villa besucht. Seit fünf Tagen vermisse ich ein schweres goldenes Armband (achtzehnkarätig, feingliedrig, 150 Gramm, mit kleinen und großen Brillanten), hergestellt von dem Juwelier Miguel da Foz in der Rua Alexandre Herculano. Kaufwert: etwa 180 000 Escudos. Ich habe Leblanc den Diebstahl auf den Kopf zugesagt, und er hat ihn auch zugegeben. Ich habe ihm eine letzte Frist bis heute 12 Uhr mittag gesetzt, mir mein Eigentum wiederzugeben. Er hat dies nicht getan.«
Der Ausländer Jean Leblanc, zur Sache vernommen: »Ich habe das Armband nicht gestohlen, sondern nur im Auftrag der Senhora Rodrigues an mich genommen, um es zu verkaufen. Ich habe es ihr längst zurückgegeben, weil ich keinen Käufer fand.«
FRAGE: »Die Senhora Rodrigues sagt, daß es sich nicht mehr in ihrem Besitz befindet. Können Sie es herbeiholen, oder kennen Sie den Verwahrungsort des Armbands?«
ANTWORT: »Nein, denn die Senhora Rodrigues hat es versteckt, um mir zu schaden. Sie will, daß ich verhaftet werde.«
FRAGE: »Warum?«
ANTWORT: »Eifersucht.«
BEMERKUNG: Der Ausländer Leblanc macht bei der Vernehmung einen undurchsichtigen, unverschämten und arroganten Eindruck. Gelegentlich ergeht er sich in drohenden Andeutungen. Er beleidigt die Klägerin in ihrer weiblichen Würde und beschimpft den vernehmenden Kommissar in unflätiger Weise. Zuletzt spielt er den Irren, lacht, redet Unsinn und singt französische Spottlieder.
Sergeanten Alcantara und Branco erklären: »Bei der Festnahme hat der Ausländer Widerstand geleistet. Es mußten ihm Handschellen angelegt werden. Bei seinem Abtransport stellten wir fest, daß sich auf der Straße vor der Villa mehrere verdächtige Subjekte herumtrieben, die jede unserer Aktionen genau verfolgten.«
BEMERKUNG: Es ist anzunehmen, daß der Ausländer Leblanc in Beziehungen zur Unterwelt von Lissabon steht. Er wird festgenommen und über Nacht im Reviergefängnis eingesetzt. Morgen früh wird er mit dem Gefangenentransportwagen auf das Polizeipräsidium überführt und dem Dezernat Diebstahl zur Verfügung gestellt werden.
2
Es war beinahe sechs Uhr abends, als die schöne, wenn schon nicht sonderlich intelligente Konsulin und Deutschenhasserin Estrella Rodrigues, gleichermaßen erschöpft und erregt, in die Rua Marques da Fronteira zurückkehrte. Sie benutzte ein Taxi.
Heftig atmend, mit fiebrig glänzenden Augen und hektisch geröteten Wangen saß sie im Fond. Es hat funktioniert, wie Jean es wünschte und voraussah. Aber, mein Gott, in was für Situationen bringt mich dieser wilde, wunderbare, rätselhafte Mensch …
Sie haben ihn eingesperrt. Im Gefängnis ist er in Sicherheit vor seinen Verfolgern. Doch warum wird er verfolgt? Er hat es mir nicht gesagt, er hat mich geküßt und gebeten, Vertrauen zu ihm zu haben.
Ach, was bleibt mir noch anderes übrig? Ich liebe ihn doch so! Er ist ein tapferer Franzose. Weiß Gott, in welcher geheimen Mission er sich hier aufhält! Ja, vertrauen will ich ihm und alles tun, was er mir aufgetragen hat: das goldene Armband in dem Versteck im Keller lassen; jeden Tag zum Hafen fahren und versuchen, eine Schiffspassage für ihn zu buchen; und mit niemandem über ihn sprechen. Wenn es mir gelingt, eine Passage nach Südamerika zu buchen, dann will ich zum Untersuchungsrichter eilen, das Armband vorweisen, erklären, daß ich es nur verlegt hatte, und meine Anzeige zurückziehen … Ach, wie furchtbar werden nun die Tage und Nächte ohne ihn sein, ohne Jean, meinen süßen Geliebten!
Das Taxi hielt. Die Konsulin stieg aus und bezahlte den Chauffeur. Als sie auf den Eingang ihres Grundstücks zuschritt, trat hinter einer Palme ein blasser, verhärmter Mann hervor, der einen abgenützten Anzug mit Pfeffer-und-Salz-Musterung trug. Dieser Mensch zog seinen alten Hut vor Estrella und sprach sie in gebrochenem Portugiesisch an: »Senhora Rodrigues, ich muß Sie dringend um eine Unterredung bitten.«
»Nein, nein«, rief die üppige Konsulin zurückweichend.
»Doch, doch«, widersprach er, ihr folgend, die Stimme senkend, »es handelt sich um Jean Leblanc.«
»Wer sind Sie?«
»Mein Name«, erwiderte er, »ist Walter Lewis. Ich komme aus London.« Daß er aus London kam, stimmte. Er war vor einer Stunde gelandet. Daß er Walter Lewis hieß, stimmte nicht. Er hieß Peter Lovejoy, und er war derselbe Lovejoy, der von seinem Chef M 15 losgeschickt worden war, um diesem elenden Burschen Thomas Lieven endlich das Handwerk zu legen …
»Was wollen Sie von mir, Mr. Lewis?«
»Wissen, wo Monsieur Leblanc ist.«
»Was geht Sie das an?«
Der Mann, der sich gerade Lewis nannte, bemühte sich, Estrella mit Blicken aus glanzlosen, von schlechter Bezahlung und schlechter Ernährung melancholisch getrübten Augen zu bannen. »Er hat mich betrogen, er hat mein Land betrogen. Er ist ein Schuft …«
»Schweigen Sie!«
»… ein Subjekt ohne Ehrgefühl, ohne Moral, ohne Charakter …«
»Verschwinden Sie, oder ich schreie um Hilfe!«
»Wie können Sie einem Deutschen helfen? Wollen Sie, daß Hitler den Krieg gewinnt?«
»Hit…« Das Wort blieb der enragierten, nicht eben vom Glück verfolgten Roulettspielerin im schwanenweißen Halse stecken.
»Was haben Sie gesagt?«
»Wie können Sie einem Deutschen helfen?«
»Ein Deutscher? Nein! Nein!« Mit beiden Händen, schwanenweiß, griff die Konsulin sich nach dem Kopf. »Sie lügen!«
»Ich lüge nicht! Thomas Lieven heißt der elende Faschist!«
Indessen sie von heftigem Schwindelgefühl heimgesucht wurde, überlegte Estrella: Jean ein Deutscher? Unmöglich. Unvorstellbar. Nach allem, was ich mit ihm erlebt habe. Dieser Charme. Diese Zärtlichkeit. Dieses … Nein, er muß ein Franzose sein!
Estrella stöhnte: »Unmöglich!«
»Er hat Sie betrogen, Senhora, wie er mich betrogen hat, wie er uns alle betrogen hat. Ihr Jean Leblanc ist ein deutscher Agent!«
»Entsetzlich!«
»Dieses Reptil muß unschädlich gemacht werden, Senhora!«
Die Konsulin warf den schönen Kopf zurück, der schöne Körper straffte sich. »Folgen Sie mir ins Haus, Mr. Lewis. Zeigen Sie mir Ihre Beweise! Ich will Tatsachen sehen, nackte, harte Tatsachen! Wenn Sie mir diese liefern, dann …«
»Dann, Senhora, dann?«
»Dann will ich Rache nehmen! Kein Deutscher soll über Estrella Rodrigues lachen! Keiner, nie!«
3
»Amanha« – so lautete das Wort, das Thomas Lieven in den Wochen seiner Haft am häufigsten hören sollte. »Amanha«, zu deutsch: morgen … »Morgen«, versprachen die Wärter, »morgen«, versprach der Untersuchungsrichter, »morgen«, trösteten sich die Gefangenen, die seit Monaten darauf warteten, daß etwas, irgend etwas mit ihnen geschehen würde.
Nichts geschah. Aber vielleicht geschah morgen etwas! Wärter, Untersuchungsrichter und Gefangene zuckten fatalistisch die Schultern, lächelten vielsagend und bemühten ein Sprichwort, das als Leitsatz über dem gesamten südländischen Strafvollzug stehen konnte: »E-e, ate amanha!« In sinngemäßer Übersetzung etwa: »Morgen ist morgen, und morgen – ach, du lieber Gott, was kann bis dahin alles passieren, also lassen wir uns überraschen!«