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»Wer, bitte?«

»Die Klägerin Senhora Rodrigues.«

Thomas Lieven verspürte plötzlich ein unheimliches Kribbeln entlang der Wirbelsäule. Er fragte mit trockenem Mund: »Wieso seltsam, Herr Untersuchungsrichter?«

»Sie kommt nicht.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich habe sie vorgeladen. Aber sie kommt nicht.«

»O Gott«, sagte Thomas, »es wird ihr doch nichts zugestoßen sein!« Das fehlte mir noch, dachte er.

Wieder in der Zelle, ließ er sofort Francesco, den dicken Koch, rufen.

Strahlend meldete der sich zur Stelle. »Was soll es heute sein, Senhor Jean?«

Thomas schüttelte den Kopf. »Nix kochen. Du mußt mir einen Gefallen tun. Kannst du für eine Stunde aus der Küche weg?«

»Klar.«

»Laß dir in der Gefängnisverwaltung Geld aus meinem Guthaben geben. Kauf zwanzig rote Rosen, nimm ein Taxi und fahr zu der Adresse, die ich dir aufgeschrieben habe. Da wohnt eine Senhora Estrella Rodrigues. Ich bin in großer Sorge um sie. Vielleicht ist sie krank. Erkundige dich, frage, ob du helfen kannst!«

»Ist gut, Senhor Jean!« Der dicke Koch verschwand.

Eine gute Stunde später kehrte Francesco zurück. Er machte einen beklommenen Eindruck. Als er mit einem herrlichen Strauß von zwanzig blutroten Rosen in die Zelle trat, wußte Thomas sogleich, daß etwas Fürchterliches passiert war.

»Die Senhora Rodrigues ist fort«, sagte der Koch.

Thomas plumpste auf seine Bettstatt.

»Was heißt fort?« forschte Lazarus.

»Heißt, was es heißt, Trottel«, gab der Koch zurück. »Fort. Weg. Abgereist. Verschwunden. Nicht mehr da.«

»Seit wann?« fragte Thomas.

»Seit fünf Tagen, Senhor Jean.« Der Koch betrachtete Thomas mitleidig. »Die Dame scheint auch nicht wiederkommen zu wollen, wenigstens, hm, nicht so bald.«

»Warum glaubst du das?«

»Sie hat alle Kleider mitgenommen, ihren Schmuck, ihr Bargeld.«

»Sie hatte doch überhaupt keines!«

»Der Safe stand offen …«

»Der Safe?« Thomas schwankte. »Wie bist du an den Safe herangekommen?«

»Das Stubenmädchen führte mich durchs ganze Haus. Niedliches Mischblut, also wirklich, meine Herren! Erste Klasse! Solche Augen!« Der Koch vollführte eine entsprechende Bewegung vor der Brust.

»Das ist Carmen«, murmelte Thomas.

»Carmen, ja. Ich gehe heute abend mit ihr ins Kino. Sie führte mich ins Ankleidezimmer – alle Schränke leer – ins Schlafzimmer – der Safe leer …«

Thomas ächzte: »Ganz leer?«

»Ganz leer, ja. Ein niedliches schwarzes Seidenhöschen hing über der offenen Stahltür – das war alles. O Gott, ist Ihnen nicht gut, Senhor Jean? Wasser … Trinken Sie einen Schluck Wasser.«

»Hinlegen, ruhig auf den Rücken legen«, riet Lazarus.

Tatsächlich sank Thomas auf sein Lager zurück. Er lallte: »In dem Safe lag mein Geld, alles, was ich besitze, mein ganzes Vermögen …«

»Weiber. Immer der Ärger mit den Weibern«, brummte Lazarus ergrimmt. »Und kein Mittagessen!«

»Aber warum?« flüsterte Thomas. »Warum bloß? Ich habe ihr doch nichts getan … Was sagt Carmen? Weiß sie, wo die Senhora ist?«

»Carmen sagt, sie ist nach Costa Rica geflogen.«

»Allmächtiger Vater«, stöhnte Thomas.

»Carmen sagt, die Villa soll verkauft werden.«

Thomas brüllte plötzlich los wie wahnsinnig: »Fummle mir nicht dauernd mit den verfluchten Rosen vor der Nase herum!« Er nahm sich zusammen. »Entschuldige, Lazarus. Reine Nervensache. Und – und keine Nachricht für mich? Kein Brief? Nichts?«

»Doch, Senhor.« Der Koch holte zwei Kuverts aus der Tasche. Der erste Brief stammte von Thomas’ Freund, dem Wiener Bankier Walter Lindner:

Lissabon, 29. Oktober 1940

Lieber Herr Leblanc!

Ich schreibe diese Zeilen in größter Eile und tiefster Unruhe. Es ist jetzt 11 Uhr. In zwei Stunden geht mein Schiff, ich muß an Bord. Und noch immer kein Lebenszeichen von Ihnen! Mein Gott, wo stecken Sie bloß? Sind Sie noch am Leben?

Ich weiß nur, was Ihre unglückliche Freundin, die Konsulin, mir erzählte: daß Sie am 9. September, nach dem Telefongespräch mit mir, fortgegangen und niemals wiedergekommen sind.

Arme Estrella Rodrigues! Hier haben Sie einen Menschen, der Sie von ganzem Herzen liebt. Wie hat sie sich um Sie gegrämt, wie hat diese Frau um Sie gebangt! Täglich war ich mit ihr zusammen, seit es mir gelang, für uns eine Schiffspassage nach Südamerika zu buchen. Von Tag zu Tag hofften wir, eine Spur von Ihnen zu finden – umsonst.

Diese Zeilen schreibe ich in der Villa Ihrer schönen, verzweifelten Freundin. Weinend steht sie neben mir. Auch heute – am letzten Tag – kein Lebenszeichen. Ich schreibe diese Zeilen immer noch in der Hoffnung, daß Sie wenigstens noch leben und eines Tages hierher, in dieses Haus, zu dieser Sie so innig liebenden Frau zurückkehren können. Wenn der Himmel das gibt, dann werden Sie meinen Brief vorfinden.

Ich werde für Sie beten. Immer noch auf ein Wiedersehen hofft

Ihr sehr ergebener

Walter Lindner.

Das war der erste Brief.

Thomas ließ ihn zu Boden fallen. Er rang nach Luft. Sein Schädel schmerzte plötzlich zum Zerspringen.

Warum hat Estrella meinem Freund nicht gesagt, wo ich bin? Warum ist sie nicht hergekommen und hat mich rausgeholt, wie es besprochen war? Warum hat sie das getan? Warum, war-um?

Darauf gab der zweite Brief Antwort.

Lissabon, 1. November 1940

Elender Schuft!

Nun hat Dein Freund Lindner das Land verlassen. Nun gibt es niemanden mehr, der Dir helfen könnte. Nun will ich meine Rache vollenden.

Du siehst mich nie wieder. In wenigen Stunden bringt mich ein Flugzeug nach Costa Rica.

Dein Freund hat Dir einen Brief geschrieben. Ich lege meinen daneben. Eines Tages wird der Untersuchungsrichter nach mir forschen. Dann wirst Du beide Briefe erhalten.

Für den Fall, daß der Untersuchungsrichter, was sehr wahrscheinlich ist, die beiden Briefe vorher liest, erkläre ich noch einmaclass="underline" Du hast mich bestohlen, Du Lump!

Und ich erkläre auch (gewiß interessiert es Sie, Herr Untersuchungsrichter!), warum ich Dich nun für immer verlasse: weil ich erfahren habe, daß Du Deutscher bist, ein deutscher Geheimagent, ein gemeiner, gewissenloser, skrupelloser, geldgieriger, zynischer deutscher Schuft! Oh, wie ich Dich hasse, Du Hund! E.

5

»Oh, wie ich dich immer noch liebe, du Hund!« stöhnte die leidenschaftliche, vollschlanke Estrella Rodrigues.

Zur gleichen Zeit, da Thomas Lieven in seiner Zelle im »Aljube« zu Lissabon, ein Gefühl arktischer Kälte in der Magengrube, ihren Abschiedsbrief las, saß die schwarzhaarige, hinreißend gebaute Konsulin auf der anderen Seite der Erdkugel im Salon des teuersten Appartements im teuersten Hotel von San José, der Hauptstadt der Republik Costa Rica.

Estrellas Augen waren gerötet. Mit einem Fächer verschaffte sie sich Kühlung. Ihr Herz pochte unruhig, ihr Atem ging unruhig. Jean, Jean, ohne Unterlaß muß ich an dich denken, du elender Hund, der Thomas Lieven heißt, du elender Lügner, der mich betrogen hat … Mein Gott, und ich liebe dich so!

Die Konsulin, konfrontiert mit diesem tragischen Sachverhalt, stürzte einen doppelten costaricanischen Kognak todesmutig in die schöne Kehle.

Schaudernd schloß sie sodann die Augen, schaudernd erinnerte sie sich der jüngsten Vergangenheit.

Noch einmal sah sie den englischen Agenten vor sich stehen, der ihr die Wahrheit erzählt hatte, die Wahrheit über Thomas Lieven. Und Estrella sah sich selber, nachdem der Engländer sie verlassen hatte. Sich selber: eine vernichtete, zerschmetterte, zusammengebrochene Frau …