Etwas später sagte der Bucklige zu Francesco, dem fetten Koch: »Hör mal zu, wir haben doch unten im Keller eine Druckerei, nicht wahr?«
»Ja. Sie druckt alles, was die Justiz an Formularen braucht.«
»Auch Entlassungsbefehle der Staatsanwaltschaft?«
»Sicherlich.«
»Kennst du einen von den Häftlingen, die da unten drucken?«
»Nein, warum?«
»Wir brauchen so einen Entlassungsbefehl.«
»Ich kann ja mal rumhören«, sagte der Koch.
»Na, dann hör mal rum«, sagte jetzt Thomas Lieven. »Für den Betreffenden, der uns den kleinen Gefallen tut, ist eine Woche gutes Essen drin.«
Zwei Tage später meldete sich der Koch: »Da wäre einer, aber der will einen ganzen Monat gutes Fressen dafür.«
»Kommt nicht in Frage«, sagte Lazarus kalt. »Zwei Wochen. Mehr nicht.«
»Muß ich erst fragen«, sagte der Koch.
Als er verschwunden war, sagte Thomas zu dem Buckligen: »Sei doch nicht so geizig! Es ist schließlich mein Geld.«
»Prinzipsache«, erwiderte der Bucklige. »Du darfst nicht die Preise verderben. Im übrigen: Es stimmt doch hoffentlich, was du mir erzählt hast, daß du einen Stempel fälschen kannst?«
»Den Stempel, den ich nicht fälschen kann, gibt’s nicht. Ich bin beim besten Fälscher des Landes in die Lehre gegangen«, erwiderte Thomas und dachte: Ungeheuerlich, wie tief ein Mensch sinken kann – ich bin sogar noch stolz darauf!
Am nächsten Tag kam der Koch und meldete, der Drucker wäre einverstanden.
»Wo ist der Vordruck?«
»Der Drucker sagt, er will erst die zwei Wochen lang das Fressen.«
»Vertrauen gegen Vertrauen«, knurrte Lazarus. »Entweder wir kriegen das Formular sofort, oder er soll das Geschäft vergessen.«
Eine Stunde später hatten sie den Vordruck.
Seit seiner Einlieferung meldete Lazarus sich täglich beim Hauptwachtmeister des Gefängnisses zur Führung der Rapportbücher und zur Erledigung des Geschäftsverkehrs. Täglich tippte er Dutzende von Briefen auf der Schreibmaschine. Der Hauptwachtmeister las seine Zeitung und kümmerte sich nicht weiter um ihn. In aller Ruhe konnte der Bucklige also einen Entlassungsbefehl für sich selber ausfüllen. Er tippte seinen Namen, seine Personaldaten und die Nummer seines Aktes. Als Datum setzte er den 15. November 1940 ein, obwohl man erst den 8. November schrieb. Eine gute Woche brauchten Lazarus und Thomas noch für das, was sie vorhatten. Einen Tag würde außerdem der Brief für den Instanzenweg im Gefängnis brauchen. – Thomas konnte also, wenn alles gutging, am 16. November entlassen werden. Der 16. war ein Samstag, und am Samstag hatte der freundliche Wärter Juliao immer seinen freien Tag, und … Aber wir müssen der Reihe nach erzählen!
Den Entlassungsbefehl zierte Lazarus zuletzt noch mit der Unterschrift des Oberstaatsanwalts, welche er an Hand eines Briefes, der im Büro angeheftet war, leicht kopieren konnte.
In die Zelle zurückgekehrt, sagte er zu Thomas: »Warst du auch fleißig?«
»Ich habe den ganzen Nachmittag geübt.«
Es war besprochen, daß sich Thomas an Stelle von Lazarus melden sollte, sobald der gefälschte Entlassungsbefehl die Gefängniskanzlei erreichte und der »Häftling Alcoba« aufgerufen wurde. Dazu war es nötig, daß Thomas sich äußerlich soweit wie irgend möglich in diesen verwandelte – eine schwere Aufgabe, wenn man bedenkt, daß Lazarus Alcoba einen Buckel und fast keine Haare mehr auf dem Schädel hatte, daß er Hamsterbacken besaß, kleiner als Thomas war und an einem nervösen Mundzucken litt. Der Bucklige bestand deshalb darauf, daß Thomas täglich übte …
Thomas stopfte sich nun Brotkugeln zwischen Wangen und Zahnfleisch, wodurch er tatsächlich Hamsterbacken bekam. Dann begann er, nervös mit dem Mund zu zucken. Behindert durch das Brot, versuchte er, die Stimme des Buckligen nachzuahmen.
»Nicht so nuscheln, Kleiner! Und was ist denn das für ein Zucken? Du zuckst ja viel zu weit oben!« Lazarus griff sich an den Mund. »Hier unten zucke ich! Tiefer, Junge, tiefer!«
»Tiefer geht’s nicht!« Thomas zuckte, was er konnte. »Die verfluchten Brotkugeln stören!«
»Ohne Brot keine Hamsterbacken! Gib dir nur Mühe, es geht schon tiefer!« Thomas wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Das ist aber auch ein Pech mit deinem Maul.«
»Kann nicht jeder so schön sein wie du. Das ist überhaupt erst der Anfang! Warte mal, bis ich dir die Haare absenge.«
»Absenge?«
»Klar! Glaubst du, die geben uns hier Rasiermesser und Schere?«
»Das halte ich nie durch«, stöhnte Thomas.
»Quatsch nicht, übe lieber. Mach dich kleiner. Zieh meinen Mantel an, damit du siehst, wie weit du die Knie einknicken mußt. Nimm das Kissen. Mach einen anständigen Buckel damit! Und stör mich nicht, ich muß jetzt mal im Hause rumfragen.«
»Wonach?«
»Wer einen Brief vom Oberstaatsanwalt besitzt. Mit einem Stempel darauf. Damit du ihn nachmachen kannst.«
Während Thomas Lieven den alten Mantel des Buckligen anzog und mit eingeknickten Knien durch die Zelle humpelte, begann Lazarus mit einem Schuh an eine Wand zu klopfen. Er wendete dabei das einfachste aller Klopfalphabete an: a = dreimal, b = zweimal, c = einmal, sodann: d = sechsmal, e = fünfmal, f = viermal, sodann: g = neunmal, h = achtmal, i = siebenmal. Und so weiter.
Lazarus klopfte seine Anfrage hinaus, dann wartete er auf Antwort und sah Thomas zu, der zuckte, nuschelte und das Gehen mit eingeknickten Knien übte.
Nach einer Stunde begann der Zellennachbar zu klopfen. Lazarus lauschte und nickte.
Dann sagte er: »Im dritten Stock sitzt ein Häftling namens Maravilha. Der hat sich den Ablehnungsbescheid der Oberstaatsanwaltschaft auf seinen Antrag auf Haftentlassung aufgehoben. Zum Andenken. Da ist ein Stempel drauf.«
»Na also. Biete ihm eine Woche gutes Essen dafür«, nuschelte Thomas, heftig mit dem Mund zuckend.
7
Der November des Jahres 1940 war sehr warm. Man konnte noch im Atlantik schwimmen oder am Strand von Estoril in der Sonne liegen – nach den portugiesischen Vorschriften allerdings nur außerordentlich sittsam bekleidet. Bei den Herren verlangte die Polizei einen kompletten Badeanzug, und bei den Damen waren die Behörden noch strenger.
Am 9. November gegen zwölf Uhr mittags mietete ein säuerlich blickender Herr mit Säbelbeinen bei einem Bootsverleiher am Strand eine sogenannte »Gaivola«, einen altmodischen Wassertreter, der aus zwei Holzkufen, einer Art Liegestuhl mit Pedalen dazwischen, und einem Schaufelrad bestand. Sodann radelte er mit eigener Kraft aufs offene Meer hinaus.
Der Herr von etwa fünfzig Jahren trug einen braunen Badeanzug und einen Strohhut. Nach einer Viertelstunde Fahrt sichtete er eine zweite »Gaivola«, die weit draußen mutterseelenallein im milden Seegang des Atlantiks schaukelte. Auf sie hielt er nun Kurs. Nach einer weiteren Viertelstunde war er nahe genug herangekommen, um den Herrn im Stuhl des zweiten Wassertreters zu erkennen, der aussah wie ein naher Verwandter von ihm: verbittert und überarbeitet.
Der zweite Herr trug einen schwarzen Badeanzug und rief ihm zu: »Gott sei Dank, ich hatte schon Angst, Sie würden nicht kommen!«
Der Herr im braunen Badeanzug glitt längsseits: »Sie deuteten am Telefon an, es ginge um meine Existenz – also kam ich natürlich.«
Der Schwarze sagte: »Haben Sie keine Sorge, Major Loos, hier draußen kann uns niemand hören. Hier gibt es keine Mikrophone. – Geniale Idee von mir, was?«
Der Braune musterte ihn unfreundlich: »Genial, ja. Was wollen Sie von mir, Mr. Lovejoy?«
Der Agent des britischen Geheimdienstes seufzte: »Ihnen einen Vorschlag zur Güte machen, Major. Es handelt sich um diesen Thomas Lieven …«
»Dachte ich es mir doch!« Der deutsche Abwehroffizier nickte grimmig.
Lovejoy sagte verbissen: »Sie sind hinter ihm her. Sie hat er reingelegt. Mich hat er reingelegt … Wir sind Feinde, gut und schön. Wir haben uns zu hassen. Und trotzdem, Major, lassen Sie uns in diesem Fall zusammenarbeiten.«