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»Zusammenarbeiten?«

»Major, wir stehen im gleichen Beruf. Ich appelliere an Ihre Kollegialität. Es geht doch wohl zu weit, nicht wahr, daß sich in unserem Metier plötzlich ein blutiger Laie mausert, ein frecher Außenseiter, der die Preise verdirbt und uns lächerlich macht und so tut, als wären wir Idioten!«

Der Major aus Köln sagte dumpf: »Wegen dieses Kerls stehe ich vor dem Hinauswurf!«

»Und ich?« grollte Lovejoy. »Entweder bringe ich ihn nach London – oder sie stecken mich zum Küstenschutz! Wissen Sie, was das heißt? Ich habe eine Frau und zwei Kinder, Major. Sie wahrscheinlich auch.«

»Meine Frau hat sich scheiden lassen.«

»Es ist ja nicht viel, was man verdient, aber wollen wir uns von einem solchen Kerl die Existenz vernichten lassen?«

»Hätte ich ihn damals in Köln nur der Gestapo überlassen! Jetzt ist er verschwunden.«

»Nein, verschwunden nicht.«

»Was?«

»Er sitzt im Gefängnis.«

»Aber …«

»Ich erkläre Ihnen alles. Er wird nicht ewig drinbleiben. Ich habe jemanden in der Verwaltung bestochen, der meldet mir sofort, wenn er rauskommt.« Lovejoy warf die Arme empor. »Aber was passiert dann? Dann geht das Theater zwischen Ihnen und mir doch nur wieder von neuem los mit Jacht und U-Boot, Chloroform und Revolver! Major, Major, ich bin ganz ehrlich: Ich halte das einfach nicht mehr aus!«

»Denken Sie, meiner Galle macht so etwas Freude?«

»Darum mein Vorschlag: Wir arbeiten zusammen. Wenn er rauskommt, stößt ihm was zu. Ich habe da einen Mann an der Hand, na, Sie wissen ja, für die Dreckarbeit. Dann kann ich nach Hause melden, ihr Deutschen habt ihn umgelegt – und Sie können Ihrem Admiral erzählen, wir Engländer waren es. Sie müssen nicht an die Front, ich muß nicht zum Küstenschutz. Ist das etwa kein Vorschlag?«

»Es klingt zu schön, um wahr zu sein …« Der Major seufzte abgrundtief. Plötzlich sagte er tonlos: »Haie!«

»Nein!!!«

»Da vorn.« Loos erstarrte. Durch das blaue Wasser kamen zwei steil aufgerichtete Schwanzflossen direkt auf sie zugeschossen. Dann drei. Dann fünf.

»Wir sind verloren«, sagte Lovejoy.

»Ruhig Blut. Den toten Mann markieren!« befahl der Major. Das erste Tier hatte sie erreicht, glitt unter die beiden Wassertreter und hob sie spielerisch hoch. Die »Gaivolas« hopsten durch die Luft, klatschten aufs Meer und schwankten wüst. Dann schoß ein neues Tier heran und hob sie wieder hoch.

Der Major flog ins Wasser. Er ging unter, kam hoch und legte sich sofort stocksteif auf den Rücken. Ein Riesenvieh glitt an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten, das Maul weit aufgerissen. Der Major, in Zoologie bewandert, machte eine beruhigende Feststellung.

Dann hörte er einen fürchterlichen Schrei und sah, wie sein britischer Kollege durch die Luft gewirbelt wurde und neben ihm landete.

»Lovejoy, hören Sie doch, das sind keine Haie – das sind Delphine!«

»De-De-De …«

»Ja. Wir sind in ein Rudel geraten … Delphine tun Menschen nichts, sie spielen nur mit ihnen.«

Das taten sie wirklich. Immer wieder umkreisten und umschwammen sie die beiden Herren, gelegentlich sprangen sie, Wasserfontänen hochreißend, auch über sie hinweg.

Die feindlichen Agenten klammerten sich nun an eine Kufe von Lovejoys umgestürzter »Gaivola«. Sie versuchten, sie zur Küste hinzustoßen. Lovejoy keuchte: »Ich kriege keine Luft … Was sagten Sie eben – Loos?«

Ein Riesendelphin hatte sich gerade steil hinter dem Major erhoben, sprang elegant über ihn hinweg und deckte ihn mit einer kleinen Sintflut zu. Der Major spie eine Menge Meerwasser aus, dann schrie er Lovejoy ins Ohr: »Ich sagte: Am liebsten würde ich den Lumpen eigenhändig über den Haufen schießen, wenn er rauskommt!«

8

In Portugal werden nur wenig Kartoffeln gegessen. Trotzdem trieb Francesco, der Gefängniskoch, besonders schöne auf, als sich die begüterten Häftlinge Leblanc und Alcoba für das Mittagsmahl des 15. November Pellkartoffeln bestellten. Wie man ihm befohlen hatte, kochte Francesco die Kartoffeln in der Schale halb gar und brachte sie sodann, ganz heiß noch, in den fünften Stock empor, wo er sie den Herren Leblanc und Alcoba mit in Essig und Öl eingelegten portugiesischen Sardinen servierte. Wärter Juliao schnitt auf Wunsch der begüterten Häftlinge die nicht ganz weichen Kartoffeln mit einem scharfen Messer in zwei Hälften.

Allein geblieben, ließen beide Herren das Essen stehen. Thomas hatte zu tun. Auf ein Tischchen beim Fenster legte er nebeneinander: den Entlassungsbefehl, den Lazarus mit der Maschine ausgefüllt hatte, und den Brief, in welchem die Oberstaatsanwaltschaft den Antrag des Häftlings Maravilha auf Haftentlassung ablehnte. Dieser Brief trug den Stempel der Oberstaatsanwaltschaft.

In Erinnerung an die wertvollen Lehren des Malers und Paßfälschers Reynaldo Pereira machte Thomas sich an die Arbeit, wobei er den buckligen Lazarus zum interessierten Zuschauer hatte.

Thomas nahm die noch heiße Hälfte einer Kartoffel und drückte die Schnittfläche auf den Stempel der Oberstaatsanwaltschaft. Nach einer Viertelstunde hob er die Kartoffelhälfte ab. Die Schnittfläche zeigte, seitenverkehrt, den Abdruck des Stempels.

»Nun kommt der Haupttrick«, sagte Thomas. Die Macht der Gewohnheit brachte es mit sich, daß er es nuschelnd sagte. Er zuckte auch ein bißchen mit den Mundwinkeln dabei. Das ließ sich seit zwei Tagen nicht mehr ganz nach seinem Belieben abstellen. Man zuckt und nuschelt nicht ungestraft eine Woche lang von früh bis spät. »Gib mal die Kerze her, Lazarus!«

Aus seiner Matratze holte der Bucklige eine Kerze und Streichhölzer hervor, die er im Büro des Hauptwachtmeisters gestohlen hatte. Beides gedachte er auch noch bei der Entfernung von Thomas’ Haaren in Anwendung zu bringen.

Lazarus zündete die Kerze an. Thomas biß vorsichtig ein Stück von der Unterseite der Kartoffelhälfte ab. Danach hielt er das angebissene Ende über die Kerzenflamme, um die Kartoffel neuerlich zu erhitzen.

»Der Fachmann nennt das: eine Glocke machen«, erläuterte er dem ehrfürchtigen Lazarus. – Herrgott, ob ich das alles wohl jemals noch in meinem Club erzählen werde? – »Die Kartoffel erhitzt sich. Du siehst, wie der Abdruck wieder feucht wird. Man sagt: Er kommt zum Leben. Noch ein paar Sekunden, und nun …« Elegant stülpte Thomas die »Glocke« mit dem feuchten, heißen Stempelabdruck auf den Entlassungsbefehl, dorthin, wo der Stempel zu sitzen hatte. Unter leisem Druck ließ er die Kartoffel eine Viertelstunde lang erkalten. Dann hob er sie ab. Ein genaues Abbild des Originalstempels saß auf dem Entlassungsbefehl.

»Phantastisch!« sagte Lazarus.

»Jetzt wollen wir aber schnell essen«, sagte Thomas. »Den Rest können wir nachher erledigen.«

Der Rest sah dann so aus: Am Vormittag hatte Lazarus im Büro des Hauptwachtmeisters viele eben eingegangene Briefe der Oberstaatsanwaltschaft geöffnet. Er öffnete jeden Tag derartige Kuverts. An diesem Vormittag hatte er sich bemüht, einen schlecht verklebten Umschlag besonders sorgfältig zu öffnen. Das war ihm gelungen. Er hatte den Umschlag mitgenommen und eine Tube Klebstoff dazu.

Nach dem Essen faltete Thomas den nun vollständigen Entlassungsbefehl für Lazarus Alcoba sorgfältig zusammen, steckte ihn in das grüne Kuvert, das den Poststempel des Vortages trug, und klebte es sorgfältig wieder zu. Und am Nachmittag legte Lazarus das Kuvert dem Hauptwachtmeister dann unter die Nachmittagspost …

»Jetzt geht es um die Wurst«, sagte der Bucklige an diesem Abend zu Thomas Lieven. »Der Hauptwachtmeister hat meinen Entlassungsbefehl aus dem Verwaltungsbüro schon rüber zur Entlassungsstelle geschickt. Dort werden sie morgen früh ordnungsgemäß einen Entlassungsschein ausstellen, und dann werden sie mich meiner Erfahrung nach so gegen elf Uhr aus der Zelle holen. Das heißt: Dein Haar muß heute nacht runter.«