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»Ich …«, begann Thomas, aber sie unterbrach ihn mit einer herrischen Kopfbewegung, die das schöne lange Haar fliegen ließ: »Seien Sie ruhig, ich bin nicht von der Polente. Im Gegenteil.«

Sie hält mich für Reynaldo Pereira, dachte Thomas. Klar!

Er stotterte: »Wer – wer hat Ihnen die Adresse gegeben?«

Die Frau in Rot musterte ihn mit einem zusammengekniffenen Auge. »Was ist denn los mit Ihnen? Nerven? Koks? Schnaps?«

»Bitte, wieso?«

»Was führen Sie denn mit Ihrem Gesicht auf? Können Sie den Mund nicht ruhig halten? Sie zucken ja dauernd!«

»Das geht vorbei. Habe ich – habe ich manchmal am Abend. Ich frage Sie: Wer hat Ihnen die Adresse gegeben?«

Die Frau in Rot kam dicht an ihn heran. Sie roch ausgezeichnet. Und sie war sehr schön. Mit leiser Stimme sagte sie: »Die Adresse habe ich von einem gewissen Monsieur Débras.«

Major Maurice Débras vom französischen Geheimdienst, dachte Thomas Lieven betäubt. Das auch noch. Der dritte, den ich hereingelegt habe. Natürlich, das mußte ja kommen. Nun sind sie zu dritt hinter mir her. Franzosen, Engländer, Deutsche. Jetzt kann es sich nur noch um Stunden handeln, und ich bin ein toter Mann …

Aus weiter Ferne schien die Frau in Rot ihre nächste Frage zu stellen; Thomas sah sie plötzlich nur noch undeutlich und schemenhaft. Ihre nächste Frage bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen.

»Kennen Sie einen gewissen Jean Leblanc?«

Zunächst klapperte Thomas sehr laut mit Pfannen und Besteck, bevor er undeutlich murmelte: »Jean Leblanc? Nie gehört!«

»Quatschen Sie nicht kariert, Pereira, klar kennen Sie den Mann!«

Die schöne Bestie setzte sich auf einen Küchenhocker und kreuzte die langen, schlanken Beine. »Machen Sie sich nicht gleich in die Hosen!«

Wie dieses Weib mit mir umgeht, dachte Thomas. Unwürdig, absolut unwürdig ist meine Situation. Womit verdiene ich das alles? Ich, jüngster Privatbankier von London. Ich, Mitglied eines der exklusivsten Londoner Clubs. Ich, ein Mann von bester Erziehung, von anständigen Ehrbegriffen, von Lebensart … Da stehe ich in einer dreckigen portugiesischen Küche und muß mir von einem zum Fressen hübschen Weib sagen lassen, ich soll mir nicht in die Hosen machen. Na, die kann jetzt mal was erleben!

Der wohlerzogene Thomas Lieven konterte: »Nun halte aber schnell die Luft an, Puppe, und hau ab, sonst gibt es Ärger!«

Im nächsten Augenblick änderte sich die Situation. Schritte ertönten, und schon stand ein bärtiger Mann mit fleckigen Kordsamthosen und einem ausgebeulten schwarzen Pullover in der Küche. Der Mann war außerordentlich betrunken. Trotzdem erhellte sich sein breites Säufergesicht sogleich zu einem erfreuten Grinsen, als er Thomas erblickte, und er grunzte: »Willkommen in meiner elenden Behausung! Aber, meu amigo, was haben sie bloß mit deinen Haaren gemacht?«

Reynaldo, der Maler, war heimgekehrt …

Plötzlich sprachen die drei Menschen in der kleinen Küche gleichzeitig. Die Frau in Rot sprang auf, starrte Thomas an und rief: »Was, Sie sind gar nicht Pereira?«

»Natürlich ist er nicht Pereira«, rief der besoffene Maler. »Was haben Sie denn getrunken? Ich bin Pereira! Das ist …«

»Maul halten!«

»… mein alter Freund Leblanc!«

»Oh!«

»Und wer – hicks –, schöne Dame, sind Sie?«

»Ich heiße Chantal Tessier«, sagte die junge Frau, ohne den Blick von Thomas zu nehmen. Ein hungriger Ausdruck trat in ihr Katzengesicht. Langsam sagte sie: »Monsieur Jean Leblanc persönlich?« und nach einer Pause: »Was für ein glücklicher Zufall!«

»Was wollen Sie von mir?«

»Sie haben Ihrem Freund Débras doch mal einen falschen Paß besorgt. Débras sagte zu mir: ›Wenn du selber mal einen falschen Paß brauchst, geh zu Reynaldo Pereira in die Rua do Poco des Negros und berufe dich auf Jean Leblanc …‹«

»Sagte Ihr Freund Débras?«

»Sagte mein Freund Débras.«

»Sonst sagte er nichts?«

»Nur, daß Sie ein feiner Kerl sind, der ihm das Leben gerettet hat.«

Thomas dachte: Also alles nur halb so schlimm! Freundlich sagte er: »Wollen Sie nicht mit uns essen? Darf ich Ihnen aus dem Mantel helfen, Mademoiselle Tessier?«

»Für Sie: Chantal!« Das Katzengesicht lächelte und entblößte dabei ein kräftiges Raubtiergebiß. Chantal Tessier war selbstbewußt, sie war gerissen, sie war bestimmt eiskalt. Aber sie schien es nicht gewohnt zu sein, daß Männer ihr aus dem Mantel halfen.

Das Raubtier trug einen engen schwarzen Rock und eine weiße Seidenbluse. Donnerwetter, dachte Thomas, so eine Figur! Dieses Mädchen bekommt bestimmt keine nassen Schuhe, wenn es regnet …

Der Augenblick der Gefahr war vorüber. Thomas konnte wieder er selber sein. Gut erzogen und ritterlich gegen Damen. Gegen jede Art von Damen!

Sie setzten sich neben den betrunkenen Maler, der bereits zu essen begonnen hatte. Er aß mit den Fingern und sprach mit vollem Mund: »Wenn ich so malen könnte, wie Sie kochen können, dann wäre der alte Goya ein Hund gegen mich!« Er erleichterte sich durch zartes Aufstoßen. »Sind da Pi-Pistazien drin?«

»Und Kapern, ja. Halten Sie sich doch die Hand vor! Sie brauchen also einen Paß, Chantal?«

»Nein.« Ihre Augen schwammen jetzt ein bißchen. Und ihr linker Nasenflügel zitterte. Das war eine Angewohnheit von ihr.

»Ich brauche nicht einen Paß, ich brauche sieben.«

»Darf ich mal was bemerken?« erkundigte sich der unrasierte Maler mit vollem Mund.

Ärgerlich sagte Thomas: »Schlucken Sie runter, bevor Sie sprechen. Und unterbrechen Sie nicht dauernd. Sehen Sie lieber zu, daß Sie ein bißchen nüchtern werden.« Und zu der schönen Katze: »Für wen brauchen Sie die sieben Pässe, Chantal?«

»Für zwei deutsche, zwei französische und drei ungarische Herren.«

»Sie besitzen, wie es scheint, einen sehr internationalen Bekanntenkreis.«

Chantal lachte: »Kein Wunder bei meinem Beruf als – Fremdenführerin!«

»Wohin führen Sie denn Ihre Fremden?«

»Von Frankreich durch Spanien nach Portugal. Ganz einträgliches Geschäft.«

»Und wie oft gehen Sie auf Reisen?«

»Einmal im Monat. Es sind immer größere Gesellschaften. Mit falschen Pässen. Oder gar keinen, je nachdem …«

»Weil wir gerade von Pässen reden«, begann der Maler wieder, aber Thomas winkte ihn zur Ruhe.

Chantal berichtete: »Ich gebe mich nur mit reichen Leuten ab. Ich bin teuer. Es ist aber auch noch nie einer hochgegangen bei mir. Ich kenne jeden Zentimeter Grenze! Ich kenne jeden Grenzbeamten! Na ja, und mit dem letzten Schub habe ich eben sieben Herren mitgebracht, die brauchen neue Pässe.« Sie stieß den Maler an. »Kannst dir eine goldene Nase verdienen, mein Alter.«

»Ich brauche auch einen Paß«, sagte Thomas.

»O heilige Jungfrau«, sagte der Bärtige. »Wo ich doch keine Pässe mehr habe!«

Thomas sagte aufgebracht: »Von den siebenundvierzig alten Pässen, die ich Ihnen brachte …«

»Wann brachte? Vor sechs Wochen? Was glauben Sie, wie es bei mir zuging? In vierzehn Tagen war alles weg! Es tut mir wirklich leid – aber ich habe keinen mehr da! Keinen einzigen! Das wollte ich Ihnen schon die ganze Zeit erklären!«

11

Rings um den Largo de Chiado, einem verträumten Platz mit uralten Bäumen, lagen die »Pasteleria Marques«, die kleinen Damencafés, berühmt für ihre süßen Leckereien. In einer Nische der Konditorei »Caravela« saßen am Abend dieses 16. November 1940 zwei Herren. Der eine trank Whisky, der andere aß Eis mit Schlagsahne. Der Whiskytrinker war der britische Agent Peter Lovejoy. Der Eisesser, ein dicker, gutmütiger Riese mit fröhlichen Schweinsäugelchen in einem rosigen Babygesicht, hieß Luis Guzmao.

Peter Lovejoy und Luis Guzmao kannten einander seit zwei Jahren, sie hatten schon ein paarmal erfolgreich zusammengearbeitet …

»Also, es ist soweit«, sagte Lovejoy. »Ich habe Nachricht, daß er heute aus dem Gefängnis geflohen ist.«