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»Da müssen wir uns beeilen, damit wir ihn noch in Lissabon erwischen«, sagte Guzmao. Er löffelte und schmatzte. Er liebte Eis mit Schlagsahne. Er bekam nie genug davon.

»Eben«, sagte Lovejoy gedämpft. »Wie wollen Sie die Sache erledigen?«

»Pistole mit Schalldämpfer, denke ich. Was ist mit dem Geld? Haben Sie es mitgebracht?«

»Ja. Sie bekommen fünftausend Escudo jetzt und fünftausend, wenn Sie … also hinterher.«

Lovejoy trank einen großen Schluck Whisky und dachte verärgert: Fünftausend Escudo hat er mir gegeben, mit Geld will er sich an der Sache beteiligen, der feine Herr Major Loos – aber vor der Besprechung mit diesem Guzmao hat er sich gedrückt, dazu war er zu fein!

Lovejoy spülte seinen Ärger über den zartbesaiteten Deutschen mit einem weiteren Schluck Whisky hinab. Dann sagte er: »Jetzt hören Sie gut zu, Guzmao: Leblanc ist in Gestalt und Maske eines gewissen Lazarus Alcoba geflohen. Dieser Alcoba ist bucklig, klein, fast kahl.« Lovejoy beschrieb Alcoba so genau, wie seine Vertrauensperson im Gefängnis ihn beschrieben hatte. Dann sagte er: »Leblanc weiß, daß die Engländer und die Deutschen hinter ihm her sind. Er wird sich also bestimmt verstecken.«

»Wo?«

»Er hat da einen Freund, einen versoffenen Maler in der Altstadt, Rua do Poco des Negros 16. Ich wette, dorthin wird er jetzt laufen. Entweder er spielt weiter den Buckligen – aus Angst vor uns –, oder er verwandelt sich wieder in Jean Leblanc – aus Angst vor der Polizei.«

»Wie sieht Jean Leblanc aus?«

Lovejoy beschrieb Thomas Lieven genau.

»Und der echte Bucklige?«

»Der sitzt noch! Machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Sie in der Rua do Poco des Negros 16 einen Buckligen erwischen, der fast keine Haare mehr auf dem Kopf hat und auf den Namen ›Leblanc‹ reagiert, dann brauchen Sie keine weiteren Fragen mehr zu stellen …«

Wenige Minuten nach acht Uhr früh, am 17. November 1940, wurde der elfmal vorbestrafte Lazarus Alcoba, ledig, geboren in Lissabon am 12. April 1905, dem Direktor des Gefängnisses »Aljube« vorgeführt. Der Direktor, ein großer, hagerer Mann, sagte zu ihm: »Es wird mir berichtet, daß Sie gestern abend verschiedene wilde Drohungen ausgestoßen haben, Alcoba.«

Der Mund des kleinen Mannes mit dem Buckel zuckte auch beim Sprechen: »Herr Direktor, ich habe mich nur verteidigt, als es hieß, ich könnte nicht entlassen werden, weil ich mit der Flucht dieses Jean Leblanc was zu tun hätte.«

»Ich bin davon überzeugt, daß Sie damit zu tun haben, Alcoba. Sie sollen die Absicht geäußert haben, sich an den Herrn Oberstaatsanwalt zu wenden.«

»Herr Direktor, ich werde mich natürlich nur dann an den Herrn Oberstaatsanwalt wenden, wenn ich nicht sofort entlassen werde. Ich kann doch schließlich nichts dafür, daß dieser Leblanc unter meinem Namen geflohen ist!«

»Hören Sie zu, Alcoba, wir entlassen Sie heute …«

Alcoba grinste breit. »Na also.«

»… aber nicht etwa, weil wir Angst vor Ihnen haben, sondern weil tatsächlich ein Befehl dazu vorliegt. Sie werden sich täglich auf Ihrem Polizeirevier melden und Lissabon nicht verlassen.«

»Nein, Herr Direktor.«

»Grinsen Sie nicht so dämlich, Alcoba! Ihnen ist nicht zu helfen. Ich bin sicher, Sie werden bald wieder bei uns landen. Am besten bleiben Sie gleich bei uns. Ein Mann wie Sie ist hinter Gittern besser aufgehoben.«

12

In den winzigen, krummen Gassen der Altstadt mit ihren verwitterten Rokokopalästen und buntgekachelten Bürgerhäusern lag die Stille der mittäglichen Siestastunde.

Schneeweiße Wäsche hing an unzähligen Leinen. Verkrüppelte Bäume wuchsen auf geborstenen Steintreppen, und immer wieder öffneten sich die Mauern und gaben den Blick frei zum nahen Fluß. Zum Fluß hinab sah auch Thomas Lieven. Er stand an dem großen Fenster im Atelier seines trunksüchtigen Freundes. Chantal Tessier stand neben ihm. Sie war noch einmal in die Rua do Poco des Negros gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie mußte zurück nach Marseille. Und sie drängte Thomas, mit ihr zu fahren. Seltsam unruhig war Chantal, ihr linker Nasenflügel zitterte wieder. Sie legte eine Hand auf Thomas Lievens Arm. »Kommen Sie mit mir, werden Sie mein Partner. Ich hätte einige Geschäfte für Sie, nicht etwa Fremdenführung. Hier sind Sie aktionsunfähig. In Marseille aber – mein Gott, wir könnten meinen Laden ganz groß aufziehen!«

Thomas schüttelte den Kopf und sah hinaus auf das Wasser des Tejo. Das Wasser floß zum Atlantik hin, langsam und träge. Und da unten, an der Mündung in den Atlantik, lagen mancherlei Schiffe, bereit, auszulaufen zu fernen Häfen, bereit, die Verfolgten, Gedemütigten und Geängstigten in ferne, freie Länder zu bringen. Da unten ankerten die Schiffe für Menschen mit Pässen, mit Einreisegenehmigungen, mit Geld.

Thomas hatte keinen Paß mehr. Er hatte keine Einreisegenehmigung. Er hatte kein Geld. Den Anzug, den er auf dem Leib trug, hatte er noch, sonst nichts.

Todmüde fühlte er sich plötzlich. In einem Teufelskreis drehte sich sein Leben, es gab kein Entrinnen. »Ihr Angebot ehrt mich, Chantal. Sie sind eine schöne Frau. Sie sind gewiß auch ein wunderbarer Kamerad.« Er sah sie an und lächelte, und die Frau, die aussah wie eine Raubkatze, errötete wie ein verliebtes Schulmädchen. Sie stampfte unwillig mit dem Fuß auf und murmelte: »Lassen Sie den dämlichen Quatsch …«

Thomas sagte trotzdem: »Sicherlich haben Sie ein gutes Herz. Aber sehen Sie, ich war einmal ein Bankier. Ich möchte wieder Bankier werden!«

Vor einem Tisch, der vollgeräumt war mit Farben, Tuben, Pinseln, vollen Aschenbechern und Flaschen, saß Reynaldo Pereira. Er war jetzt nüchtern und malte an einem ziemlich wüsten Bild. Er sagte: »Jean, es ist viel dran an dem, was Chantal vorschlägt. Mit ihr kommen Sie sicher nach Marseille. Und in Marseille kriegen Sie leichter einen falschen Paß als hier, wo die Polizei Sie sucht. Von Ihren anderen Freunden gar nicht zu reden.«

»Herrgott, aber ich komme doch aus Marseille! Soll denn alles umsonst gewesen sein?«

Chantal sprach brutal und aggressiv: »Sie sind ein sentimentaler Trottel, wenn Sie nicht sehen, was los ist. Sie haben Pech gehabt. Na schön! Wir haben alle einmal Pech im Leben! Aber als erstes brauchen Sie jetzt wieder Pinkepinke und ’ne anständige Fleppe.«

Hätte ich in unserer Zelle nicht Alcobas Privatunterricht genossen, ich wüßte nicht, was die Dame meint, dachte Thomas. Traurig sagte er: »Mit Pereiras Hilfe werde ich auch in Lissabon einen neuen Paß finden. Und was das Geld anbelangt, so habe ich einen Freund in Südamerika, dem werde ich schreiben. Nein, nein, laßt nur, ich schaffe es schon noch, ich …«

Den Satz sprach er nicht mehr zu Ende, denn in diesem Augenblick zerriß das dumpfe Blaffen von Schüssen die mittägliche Stille. Chantal schrie leise auf. Im Hochfahren warf Pereira einen Farbtopf um. Sie starrten einander entsetzt an. Drei Sekunden verstrichen …

Dann klangen aus der Tiefe alarmierte Männerstimmen empor, dann kreischten Frauen, heulten Kinder.

Thomas stürzte in die Küche und riß das Fenster auf. Er sah hinab in den alten Hof. Männer, Frauen, Kinder rannten da unten zusammen, umringten eine Gestalt, die auf dem schmutzigen Katzenkopfpflaster lag, qualvoll gekrümmt, bucklig und klein.

13

»Lazarus, Lazarus, hörst du mich?«

Thomas kniete neben dem kleinen Mann auf dem Pflaster, hinter ihm drängten und stießen fremde Menschen. Blut sickerte aus Alcobas Wunden. Mehrere Kugeln hatten ihn getroffen, in der Brust, im Bauch. Er lag jetzt reglos, die Augen waren geschlossen. Jetzt zuckte der nervöse Mund nicht mehr.

»Lazarus …«, stöhnte Thomas Lieven.

Da öffnete der kleine Bucklige die Augen. Getrübt schon waren die Pupillen, aber trotzdem erkannte Lazarus noch den Mann, der sich über ihn neigte. Er ächzte: »Hau ab, Jean, hau schnell ab, das hat dir gegolten …« Ein Schwall Blut quoll aus seinem Mund.