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»Nicht sprechen, Lazarus«, flehte Thomas seinen Freund an. Aber der Bucklige flüsterte: »Der Kerl hat Leblanc gerufen, bevor … Er hat mich für dich gehalten …«

Thomas schossen Tränen in die Augen, Tränen der Wut und der Trauer. »Nicht reden, Lazarus … Es kommt gleich ein Arzt … Sie werden dich operieren …«

»Es – es ist zu spät …« Der Bucklige sah Thomas an, und plötzlich grinste er – listig und verschmitzt – und stieß mühsam hervor: »Schade, Kleiner … Wir hätten noch ein paar schicke Dinger drehen können …« Dann war das Grinsen weggewischt. Die Augen brachen.

Als Thomas Lieven sich von seinem toten Freund erhob, wichen die Menschen vor ihm zurück und ließen ihn schweigend aus ihrer Mitte treten. Denn sie sahen, daß er weinte.

Durch einen Tränenschleier erblickte Thomas Chantal und Pereira, die abseits von der aufgeregten Menge standen. Schwankend ging er zu ihnen. Er stolperte und wäre gestürzt, wenn der Maler ihn nicht aufgefangen hätte.

Von der Straße her kamen zwei Polizisten und ein Arzt in den Hof gelaufen. Indessen der Arzt den Toten untersuchte, redeten sämtliche Anwesenden auf die Polizisten ein. Immer mehr Neugierige strömten zusammen, schrilles Stimmengewirr erfüllte den alten Hof.

Thomas wischte sich die Augen und sah Chantal an. Er wußte: Wenn er jetzt nicht augenblicklich handelte, war es zu spät. Im Bruchteil einer Sekunde, im Heben und Senken der Lider, entschied er sein Schicksal …

Zwei Minuten später hatten die Polizisten den Schilderungen der aufgeregten Augenzeugen entnommen, daß ein fremder Mann sich um den Sterbenden bemüht und mit ihm als letzter gesprochen hatte.

»Wo ist der Mann?«

»Da rübergegangen!« rief eine alte Frau. Sie wies mit einem knochigen Finger zum Eingang des Hinterhauses. Dort stand Pereira, der Maler. Er stand jetzt allein.

»Sie da, he!« rief ein Polizist. »Wo ist der Mann, der mit dem Sterbenden gesprochen hat?«

»Keine Ahnung«, sagte Pereira.

Gleichzeitig drückte der Arzt dem Erschossenen die Augen zu. Im Tode strahlte das häßliche Gesicht des Lazarus Alcoba eine große Würde aus.

14

In den Pyrenäen war es kalt. Schneidender Ostwind tobte über dem kargen, roterdigen Kettengebirge, welches das spanische Aragonien vom südlichen Frankreich trennt.

In der Morgendämmerung des 23. November 1940 bewegten sich zwei einsame Wanderer in nördlicher Richtung auf den Paß von Roncesvalles zu, eine junge Frau und ein junger Mann. Sie trugen beide Bergschuhe, Filzhüte und gefütterte Windjacken. Beide schleppten schwere Rucksäcke. Die Frau ging zuerst. Der Mann folgte ihr durch dichten Wald und Unterholz bergauf.

Nie zuvor in seinem Leben hatte Thomas Lieven schwere Bergschuhe an den Füßen gehabt, nie in seinem Leben hatte er eine gefütterte Windjacke getragen. Er war auch noch nie auf schwierigen und gefährlichen Pfaden im Gebirge herumgeklettert. Traumhaft und unwirklich wie alles in den letzten fünf Tagen erschien ihm auch diese Morgenstunde mit ihren Nebeln und grauen Schatten, in welcher er hinter Chantal Tessier auf die Staatsgrenze Frankreichs zustapfte, mit wundgelaufenen Fersen und Blasen an den Fußsohlen.

Eine großartige Person war diese Chantal Tessier, ein wirklicher Kamerad – das hatte er in jenen fünf Tagen erfahren. Sie kannte Portugal und Spanien tatsächlich wie ihre Tasche, sie kannte die Zollbeamten, die Polizeistreifen in den Zügen, sie kannte Bauern, die einen Fremden übernachten ließen und ihm zu essen gaben, ohne Fragen zu stellen.

Die Hose, die er trug, die Schuhe, die Windjacke, der Hut, das alles stammte von Chantal, sie hatte es für ihn gekauft. Und auch das Geld in seinen Taschen stammte von ihr. Sie hatte es ihm gegeben – »vorgestreckt«, wie sie es nannte.

Von Lissabon waren sie mit der Bahn bis hinauf nach Valencia gefahren. Es hatte zwei Kontrollen gegeben. Beiden war Thomas mit Hilfe von Chantal entronnen. Nachts waren sie über die Grenze nach Spanien gegangen. Über Vigo, León und Burgos waren sie weitergefahren. In Spanien gab es viel mehr Kontrollen und viel mehr Polizei. Trotzdem war alles gutgegangen – dank Chantal …

Nun kam die letzte Grenze, dann waren sie in Frankreich. Die Riemen des Rucksacks schnitten Thomas Lieven in die Schultern, jeder Knochen seines Körpers tat ihm weh. Er war müde zum Umfallen. Leicht und wirr wanderten seine Gedanken, während er Chantal folgte.

Der arme Lazarus Alcoba … Wer hat ihn erschossen? Wer hat ihn erschießen lassen? Die Engländer? Die Deutschen? Wird man den Mörder jemals finden? Wird ein neuer Mörder mich finden? Wie lange habe ich noch zu leben? Ich, der ich hier durch einen dämmrigen Wald schleiche wie ein Schmuggler, wie ein Verbrecher … Wahnsinn, Wahnsinn, das alles, ein Alptraum, unwirklich und grotesk, ein Fiebertraum und doch blutige Wahrheit …

Der Weg wurde jetzt flacher, der Wald trat zurück, sie erreichten eine Lichtung. Hier stand eine verwitterte Futterhütte. Hinter der offenbar unermüdbaren Chantal her schleppte Thomas sich eben an dem großen, überdachten Heustadel vorüber, als, schnell nacheinander, in nächster Nähe drei Schüsse fielen.

Blitzschnell fuhr Chantal herum, blitzschnell war sie neben Thomas. Ihr Atem traf ihm im Gesicht: »Hier rein!«

Sie riß ihn mit sich unter das Dach der Hütte, und sie fielen in das Heu. Keuchend sahen sie sich an.

Wieder donnerte ein Schuß, und noch einer. Dann hörten sie, vom Wind hereingeweht, eine Männerstimme, die aber nicht zu verstehen war.

»Ruhig«, flüsterte Chantal. »Ganz ruhig liegenbleiben. Das können Grenzer sein.«

Es kann auch jemand anderer sein, dachte Thomas bitter. Und es wird wohl auch jemand anderer sein! Die Herren in Lissabon werden nicht sehr lange gebraucht haben, um festzustellen, daß ihnen ein bedauerlicher Irrtum unterlaufen ist. Ein gutzumachender Irrtum …

Thomas fühlte Chantal neben sich. Sie lag ganz ruhig, aber Thomas spürte die Spannung, die Anstrengung, mit der sie sich zur Ruhe zwang.

In diesem Moment war sein Entschluß gefaßt. Er durfte nicht noch ein Menschenleben gefährden! Der Tod des armen Lazarus, das wußte er, würde ihn belasten bis zum eigenen Ende.

Schluß jetzt, dachte Thomas Lieven. Ich spiele nicht mehr mit. Besser ein Ende mit Schrecken als dieser Schrecken ohne Ende. Sucht mich nicht länger, ihr mörderischen Idioten. Verfolgt mich nicht länger, ihr idiotischen Mörder. Ich ergebe mich, aber laßt Unschuldige aus diesem dreckigen Spiel …

Schnell streifte er die Riemen des Rucksacks ab und erhob sich. Chantal fuhr hoch. In ihrem weißen Gesicht brannten die Augen, sie zischte: »Bleib liegen, Wahnsinniger …« Mit aller Kraft wollte sie ihn niederziehen.

»Tut mir leid, Chantal«, murmelte Thomas und wendete einen Jiu-Jitsu-Griff an, von dem er wußte, daß Chantal durch ihn für einige Sekunden die Besinnung verlieren würde. Mit einem Ächzen sank die junge Frau zurück.

Thomas trat ins Freie.

Da kamen sie, zwei Mann, Gewehre in den Händen. Da kamen sie über die Lichtung auf ihn zu, über totes Gras, durch Nebelschwaden, da kamen sie.

Er ging ihnen entgegen. Mit einem unsinnigen Gefühl des Triumphs dachte er: Wenigstens könnt ihr mich nicht »auf der Flucht« in den Rücken schießen.

Jetzt hatten die beiden ihn erblickt, sie hoben die Gewehre. Noch einen Schritt machte Thomas. Und noch einen.

Die Männer ließen ihre Gewehre wieder sinken. Sie kamen rasch näher. Thomas hatte sie noch nie im Leben gesehen. Sie trugen beide Kordsamthosen, Hüte, Windjacken und Bergschuhe wie er. Sie waren beide untersetzt und eher klein. Der eine hatte einen Schnurrbart, der andere trug eine Brille. Nun waren sie herangekommen. Nun blieben sie stehen. Der mit der Brille zog den Hut und sagte höflich auf spanisch: »Guten Morgen.«

»Haben Sie ihn vielleicht gesehen?« fragte der mit dem Schnurrbart.