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Um Thomas begann sich alles zu drehen. Männer, Lichtung, Wiese, Bäume, alles. Er fragte tonlos: »Wen?«

»Den Hirsch«, sagte der mit der Brille.

»Ich habe ihn getroffen«, sagte der mit dem Schnurrbart. »Ich weiß es genau, daß ich ihn getroffen habe. Ich sah ihn zusammenbrechen. Dann schleppte er sich fort.«

»Er muß hier in der Nähe sein«, sagte sein Freund.

»Ich habe nichts gesehen«, sagte Thomas in seinem schlechten Spanisch.

»Oh, Ausländer …! Vermutlich auf der Flucht von drüben«, sagte der mit der Brille.

Thomas konnte nur nicken. Die beiden Spanier wechselten einen Blick. »Wir werden vergessen, daß wir Sie gesehen haben«, sagte der mit dem Schnurrbart. »Guten Morgen und – gute Reise.« Sie zogen beide die Hüte. Auch Thomas zog seinen Hut. Die Jäger gingen weiter und verschwanden im Wald.

Thomas atmete eine Weile tief, dann ging er zu der Futterhütte zurück. Chantal saß im Heu und rieb sich stöhnend den Hals. Er war rot unterlaufen.

Thomas setzte sich neben sie und sagte: »Verzeihen Sie das vorhin, aber ich wollte nicht … Sie sollten nicht …« Er kam ins Stottern und endete hilflos: »Es waren nur Jäger.«

Plötzlich schlang Chantal die Arme um Thomas und preßte sich wild an ihn. Sie sanken zurück.

Über Thomas gebeugt, flüsterte Chantaclass="underline" »Du hast mich schützen wollen, du wolltest mich nicht in Gefahr bringen, du hast an mich gedacht …« Ihre Hände strichen zärtlich über sein Gesicht. »Das hat noch nie ein Mann getan – kein Mann in meinem Leben …«

»Was?«

»An mich gedacht«, flüsterte Chantal.

In der Süße ihrer gewalttätigen Küsse versanken für Thomas alles Elend und alle Angst, dunkle Vergangenheit und dunkle Zukunft …

15

Im Jahre 1942 umstellten sechstausend Mann deutscher Truppen das alte Hafenviertel von Marseille und zwangen die Bewohner – etwa zwanzigtausend Menschen –, innerhalb von zwei Stunden ihre Wohnstätten zu verlassen, wobei sie höchstens 30 Kilogramm Gepäck mitnehmen durften. Es wurden über dreitausend Kriminelle verhaftet. Das gesamte alte Hafenviertel wurde gesprengt. Solcherart verschwand die farbenprächtigste Brutstätte des Lasters in Europa, der gefährlichste Ausgangspunkt verbrecherischer Unternehmen.

In den Jahren 1940/41 jedoch erlebte das alte Hafenviertel gerade seine größte Blütezeit. In den düsteren Häusern hinter dem Rathaus wohnten Angehörige sämtlicher Nationen: Flüchtlinge, Schwarzhändler, gesuchte Mörder, Fälscher, politische Verschwörer, Legionen leichter Mädchen.

Die Polizei war machtlos und vermied es überhaupt so lange wie irgend möglich, im »Alten Viertel« zu erscheinen. Herrscher in diesem dunklen Reich waren die Chefs mehrerer Banden, die einander unerbittlich und erbarmungslos bekriegten. Mitglieder dieser Banden waren Franzosen, Nordafrikaner, Armenier, viele Korsen und Spanier.

Die Bandenchefs waren stadtbekannt. Sie bewegten sich stets nur in Begleitung ihrer Leibwachen durch die schmalen, bunten Gassen. Zwei, drei Herren schritten rechts, zwei, drei Herren links von ihrem Boß im Gänsemarsch dahin, die rechte Hand in der Tasche, mit dem Zeigefinger am Abzug des Revolvers.

Staatlicherseits wurden Beamte der »Contrôle économique«, der »Wirtschaftskontrolle«, eingesetzt, deren Aufgabe es war, den blühenden Schleichhandel zu bekämpfen. Doch diese Kommissare erwiesen sich zum größten Teil als bestechlich und zu einem weiteren Teil als feige. Nach Einbruch der Dunkelheit wagten sie sich nicht mehr auf die Straße. Dann aber begann der Tanz der Käseräder, die von einem Haus ins andere rollten, und der Fleischstücke, die aus geheimen Schlächtereien in die Restaurants geschafft wurden.

Aus dunklen Quellen stammten denn auch die schöne, junge Lammkeule, die Butter, die grünen Böhnchen und alle anderen Zutaten, mit welchen Thomas Lieven am Abend des 25. November 1940 in Chantal Tessiers Küche ein wohlschmeckendes Essen bereitete.

Chantal wohnte in der Rue Chevalier à la Rose. Wenn man sich aus dem Fenster neigte, konnte man das schmutzige Wasser des rechteckigen »Alten Hafens« sehen und die bunten Lichter der zahllosen Cafés, die ihn umgaben.

Die Größe, aber auch die Einrichtung von Chantals Wohnung hatten Thomas überrascht. Vieles war barbarisch, so etwa die Zusammenstellung kostspieliger supermoderner Beleuchtungskörper mit echten antiken Möbeln. Ohne Zweifel war Chantal völlig verwildert aufgewachsen, unverbildet und von keiner Kultur beleckt.

An diesem Abend trug sie ein raffiniertes, enganliegendes, hochgeschlossenes Kleid aus bestickter Chinaseide, darüber aber aparterweise einen schweren, handbreiten Ledergürtel. Sie zeigte überhaupt eine Vorliebe für Rohleder und dessen Geruch.

Thomas unterdrückte höflich jede Kritik an Chantals geschmacklichen Verirrungen. Er trug – zum erstenmal in seinem Leben – einen fremden Anzug, der ihm allerdings wie angegossen paßte.

Chantal hatte gleich nach der Ankunft einen großen Schrank geöffnet, der gefüllt war mit Herrenhemden, Herrenwäsche, Krawatten und Anzügen. Sie hatte gesagt: »Nimm, was du brauchst. Pierre war so groß wie du.« Widerstrebend hatte Thomas genommen, was er brauchte, und er brauchte eigentlich alles, um sich sauber anzuziehen, denn er selbst besaß nichts mehr.

Menu • 25. November 1940

Mit einer Lammkeule löste Thomas Lieven

eine Frauenzunge …

Moules à la Marinière

Gebratene Lammkeule mit

Haricots Verts und Pommes Dauphine

Früchte in Caramel

Moules Marinière: Man nehme frische Miesmuscheln, wasche und bürste sie sehr gründlich und gebe sie dann in einen Kessel in wenig kochende Flüssigkeit, halb Wasser, halb Weißwein. Man lasse sie mit geschlossenem Deckel unter öfterem Durchrütteln kochen, bis die Muscheln sich geöffnet haben, schütte sie dann auf ein Sieb und löse das Fleisch der geöffneten Muscheln aus den Schalen. – Man hat inzwischen aus Butter und Mehl eine weiße Sauce gemacht, die man mit dem durch ein frisches Sieb gegebenen Muschelsud aufgießt und sehr gut durchkochen läßt. Man gebe noch etwas Weißwein hinzu, würze mit Salz, Pfeffer und etwas Zitronensaft und ziehe die Sauce mit Eigelb ab. – Man gebe nur das Muschelfleisch und feingehackte Petersilie in die Sauce und lasse zusammen durchziehen, ohne daß es noch einmal zum Kochen kommt.

Gebratene Lammkeule mit Zutaten: Man nehme eine schöne, junge Lammkeule, mache am Knochenansatz einen kleinen Einschnitt in das Fleisch und stecke eine Knoblauchzehe hinein. – Man begieße die Keule in der Pfanne mit reichlich brauner Butter, brate sie auf dem Herd auf allen Seiten gut an und salze und pfeffere sie erst danach. Man stelle sie dann in den Bratofen und brate sie bei guter Hitze unter fleißigem Begießen fertig.

Man nehme frische grüne Böhnchen, putze sie und koche sie in wenig Wasser weich. Verwendet man Konserven, so schütte man sie auf ein Sieb, lasse das Wasser gut ablaufen und übergieße sie dann mit kochendem Wasser. Dadurch verlieren sie jeglichen Büchsengeschmack. Man gebe die gut abgetropften »Haricots« in zerlassene Butter und lasse sie darin heiß werden. Man bestreue sie beim Anrichten mit etwas feinem Salz. Man drücke gekochte Salzkartoffeln durch den Quetscher, verarbeite sie mit ganzen Eiern zu einem feinen Teig, würze mit einer Spur von Muskat. Man forme daraus kleine Bällchen und backe sie in sehr heißem, steigendem Fett, bis sie sich aufplustern und eine schöne braune Farbe annehmen.

Früchte in Carameclass="underline" Man nehme Streuzucker und lasse ihn in einer Kasserolle unter ständigem Rühren zerschmelzen und hellgelb werden. Man lösche mit Wasser ab und lasse den hellen Caramel gut durchkochen. – Man nehme geschälte gevierteilte Pfirsiche und Birnen sowie frische Weinbeeren und lasse sie in dem Caramel weich dünsten. Man fülle das erkaltete Kompott in Schalengläser, verziere es mit Schlagsahnetupfen und bestreue es mit gehackten Mandeln.