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Als er mehr von Pierre wissen wollte, hatte Chantal unwillig gesagt: »Frag nicht soviel. Eine Liebe von mir. Wir sind auseinander. Seit einem Jahr. Er kommt nicht mehr wieder …«

Überhaupt – Chantal hatte sich in den vergangenen Stunden sehr kühl verhalten. So, als ob es jene wilde Stunde an der Grenze nie gegeben hätte. Auch jetzt, während des Abendessens, saß sie schweigsam da, von schweren Gedanken überschattet. Während sie die Muscheln verzehrte, sah sie Thomas immer wieder an. Bei der schönen, jungen Lammkeule begann ihr linker Nasenflügel wieder zu zittern. Als Thomas ihr die Früchte in Caramel servierte, schlug eine Turmuhr in der Nähe zehnmal.

Chantal vergrub plötzlich das Gesicht in beiden Händen und begann vor sich hin zu murmeln.

»Was ist los, chérie?« erkundigte sich Thomas, in seinen Früchten rührend.

Sie sah auf. Der Nasenflügel zitterte noch immer, aber sonst war das schöne Gesicht zu einer Maske erstarrt. Sie sprach jetzt ganz ruhig: »Zehn Uhr.«

»Ja, und?«

»Jetzt stehen sie unten im Hausflur. Wenn ich das Grammophon anstelle und ›J’ai deux amours‹ spiele, werden sie heraufkommen.«

Thomas legte das Silberlöffelchen fort und forschte: »Wer wird heraufkommen?«

»Oberst Siméon und seine Leute.«

»Oberst Siméon?« wiederholte er schwach.

Nur ihr Nasenflügel zitterte. »Vom ›Deuxième Bureau‹, ja. Ich habe dich verraten, Jean. Ich bin das allergemeinste Stück Dreck von der Welt.« Dann war es eine Weile still im Raum.

Endlich sagte Thomas: »Möchtest du vielleicht noch einen Pfirsich?«

»Jean! Sei nicht so! Ich ertrage das nicht! Warum brüllst du nicht? Warum haust du mir nicht eine in die Fresse?«

»Chantal«, sagte er und fühlte, wie eine ungeheure Müdigkeit ihn überflutete, »Chantal, warum hast du das getan?«

»Die Behörden hier haben mich am Wickel – sehr böse Sache, die noch mit Pierre zusammenhängt. Schwerer Betrug und so … Da taucht plötzlich dieser Oberst, dieser Siméon, auf und sagt: ›Wenn Sie uns Leblanc bringen, kann man die Sache regeln!‹ Was hättest du an meiner Stelle getan, Jean? Ich kannte dich doch nicht!«

Thomas dachte: So ist das Leben. So geht das weiter, immer weiter. Einer jagt den andern. Einer verrät den andern. Einer tötet den andern, um selber nicht getötet zu werden.

Er sagte leise: »Was will Siméon von mir?«

»Er hat seine Anweisungen … Du hast die Leute mit irgendwelchen Listen hereingelegt – stimmt das?«

»Ja, das stimmt«, sagte er.

Sie stand auf und trat vor ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter: »Ich möchte weinen. Aber es kommen keine Tränen. Schlag mich. Bring mich um. Tu etwas, Jean! Sieh mich nicht so an.«

Thomas saß ganz still und dachte nach. Dann fragte er leise: »Welches Lied sollst du spielen?«

»›J’ai deux amours‹«, antwortete sie.

Plötzlich erhellte ein seltsames Lächeln sein bleiches Gesicht. – Er stand auf. Chantal wich vor ihm zurück. Aber er berührte sie nicht. Er ging in das Nebenzimmer. Hier stand ein Grammophon. Er lächelte wiederum, als er die Aufschrift auf der Platte sah. Er schaltete den Apparat ein. Er setzte die Nadel in die erste Rille. Musik erklang. Und Josephine Bakers Stimme sang »J’ai deux amours«, das Lied von den zwei Lieben …

Nun kamen draußen Schritte näher. Noch näher. Ganz nahe. Chantal stand dicht vor Thomas. Fauchend drang ihr Atem durch die geöffneten Lippen, das Raubtiergebiß glitzerte feucht. Hastig hob und senkte sich die Brust unter der dünnen grünen Seide des enganliegenden chinesischen Kleides.

Sie zischte: »Hau ab, noch ist Zeit … Unterm Schlafzimmerfenster gibt’s ein flaches Dach …«

Thomas schüttelte lächelnd den Kopf. Chantal wurde wütend.

»Idiot! Die machen ein Sieb aus dir! In zehn Minuten bist du eine Wasserleiche im Alten Hafen!«

»Es wäre aufmerksam von dir gewesen, wenn du dir das etwas früher überlegt hättest, mein Herz«, sagte Thomas freundlich.

Sie holte wild aus, als wollte sie ihn schlagen, und keuchte: »Quatsch doch nicht so dämlich, ausgerechnet jetzt …«

Aber gleich darauf begann sie zu schluchzen.

Es klopfte.

»Mach auf«, sagte er hart. Chantal preßte eine Faust an den Mund und rührte sich nicht. Es klopfte wieder, diesmal stürmischer. Josephine Baker sang immer noch.

Eine Männerstimme, die Thomas kannte, rief: »Öffnen Sie, oder wir schießen das Türschloß heraus!«

»Guter, alter Siméon«, murmelte Thomas, »immer noch der gleiche Hitzkopf!« Er ließ die bebende Chantal stehen und ging ins Vorzimmer.

Jetzt erzitterte die Wohnungstür unter Faustschlägen. Eine Sicherheitskette war vorgelegt. Thomas drückte die Klinke herab. Die Tür flog auf, so weit die Stahlkette es zuließ. Ein Schuh schob sich in den Spalt, desgleichen eine Pistole.

Thomas trat auf den Schuh, so fest er konnte, und stieß den Lauf der Waffe zurück. »Wenn ich Sie bitten dürfte, diese beiden Gegenstände noch einmal zurückzunehmen, Herr Oberst«, sprach er dazu.

»Das könnte Ihnen so passen!« schrie Siméon von jenseits der Tür. »Wenn Sie nicht sofort öffnen, knallt es!«

»Dann wird es wohl knallen müssen«, meine Thomas sanft. »Denn solange Sie Hand und Fuß in der Tür haben, kann ich die Sicherheitskette nicht entfernen.«

Nach einigem Zögern entsprach der Oberst Thomas Lievens Begehren. Schuh und Waffe verschwanden. Thomas öffnete. Im nächsten Moment hatte er den Pistolenlauf im Magen, und der heroische Jules Siméon stand dicht vor ihm, die Schnurrbarthaare gesträubt, den edlen Kopf mit der Römernase zurückgeworfen.

Thomas dachte: Er ist auch in den letzten Monaten nicht zu Geld gekommen, der Arme; er trägt immer noch diesen alten, abgeschabten Trenchcoat.

Thomas sagte: »Welche Freude, Herr Oberst. Wie geht es Ihnen? Und was macht unsere schöne Mimi?«

Beinahe lippenlos vor Verachtung sprach der Oberst: »Ihr Spiel ist aus, Sie schmutziger Verräter!«

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir den Pistolenlauf woanders hinzudrücken. Beispielsweise an die Brust? Wissen Sie, ich habe soeben gegessen.«

»In einer halben Stunde werden Sie keine Verdauungssorgen mehr haben, Sie Schwein«, antwortete Siméon voll Feuer.

Ein zweiter Mann betrat die Diele, groß, elegant, mit grauen Schläfen und klugen Augen, den Mantelkragen aufgestellt, die Hände in den Taschen, eine Zigarette im Mundwinkel – Maurice Débras.

»Guten Abend«, sagte Thomas. »Ich ahnte, daß Sie in der Nähe sein würden, als Chantal mir den Namen der Schallplatte nannte. Wie geht es, Major Débras?«

Siméon zischte: »Oberst Débras!«

Débras selber antwortete nicht. Er bewegte nur kurz und herrisch den Kopf zur Tür.

Im nächsten Moment ließ ein wütender Schrei sie alle herumfahren. Geduckt wie eine Tigerkatze vor dem Sprung stand Chantal in der Wohnzimmertür, einen gekrümmten malaiischen Dolch in der Rechten. In wilder Wut fauchte sie: »Raus! oder ich bring euch um, alle beide. Laßt Jean in Ruhe! –«

Erschrocken wich Siméon zwei Schritte zurück.

Thomas dachte: Ein ganz so vertrottelter Held wie damals bei der Eroberung von Paris bist du Gott sei Dank doch nicht mehr! Dann sagte er scharf: »Laß den Quatsch, Chantal. Du hattest dem Herrn Oberst doch schließlich versprochen, mich zu verraten.«

Noch mehr krümmte Chantal sich zusammen, noch heiserer flüsterte sie: »Das ist mir ganz egal … Ich hab’ mich benommen comme une salope – aber ich kann alles noch gutmachen …«

»Einen feuchten Kehricht kannst du!« sagte Thomas. »Sie sperren dich doch nur ein, du dummes Luder!«

»Sollen sie mich einsperren … Mir ist alles egal – ich habe noch nie einen Menschen verraten. Geh hinter mich, Jean, schnell, renn ins Schlafzimmer …«

Jetzt stand sie dicht vor ihm. Thomas seufzte und schüttelte den Kopf. Dann schoß sein rechter Fuß hoch. Der Schuh traf Chantals rechtes Handgelenk. Sie schrie vor Schmerz. Der Dolch flog fort und blieb federnd im Türpfosten stecken.