Josephine Baker erschien Thomas Lieven so schön wie noch nie. Sie empfing ihn im Salon ihres Appartements im »Hôtel de Noailles« an der Cannebière, der Hauptstraße von Marseille.
Das blauschwarze Haar trug Josephine zu einer glänzenden Krone hochgesteckt, riesige weiße Ringe hingen in den Ohren. Samtig glänzte die dunkle Haut. Das Regenbogenfeuer eines großen Ringes mit einer Rose aus Brillanten stach Thomas Lieven in die Augen, als er der Frau, die er verehrte, die Hand küßte.
Ernst nahm sie den Cellophankarton mit den drei rosaroten Orchideen in Empfang. Ernst sagte sie: »Ich danke Ihnen, Herr Lieven. Nehmen Sie Platz. Maurice, willst du bitte den Champagner öffnen?«
Sie waren zu dritt, denn Débras hatte den Oberst Siméon in einem Anfall von Ungeduld in sein Quartier geschickt.
Thomas Lieven sah sich im Salon um. Es gab einen großen Spiegel und einen Flügel, auf dem Noten zu Haufen lagen. Thomas erblickte auch ein Plakat:
Opernhaus Marseille
JOSEPHINE BAKER
in DIE KREOLIN
Oper in drei Akten von JACQUES OFFENBACH
Premiere: 24. Dezember 1940
Oberst Débras füllte Kristallgläser. Er sagte: »Trinken wir auf die Frau, der Sie Ihr Leben verdanken, Herr Lieven!«
Thomas verneigte sich tief vor Josephine: »Ich habe immer gehofft, daß Sie meine Handlungsweise verstehen würden, Madame. Sie sind eine Frau. Gewiß hassen Sie Gewalttat und Krieg, Blutvergießen und Mord noch mehr als ich.«
»Gewiß«, sagte die schöne Frau. »Aber ich liebe auch mein Land. Sie haben uns großen Schaden zugefügt, indem Sie die echten Listen vernichteten.«
»Madame«, antwortete Thomas, »hätte ich Ihrem Land nicht noch größeren Schaden zufügen können, wenn ich die Listen nicht vernichtet und den Deutschen übergeben hätte?«
Débras mischte sich ein: »Das stimmt, kein Wort mehr darüber. Schließlich haben Sie mir aus Madrid herausgeholfen. Sie sind eben ein Grenzfall, Lieven. Aber das schwöre ich Ihnen: Wenn Sie uns noch einmal hereinlegen, gibt es keinen Champagner mehr, wie sehr Josephine auch Ihre Handlungsweise verstehen mag. Das nächste Mal kommen Sie nicht von der Mole zurück!«
»Hören Sie, Débras, ich habe Sie gern! Wirklich, aufrichtig. Ich habe auch Frankreich gern. Aber ich schwöre Ihnen schon jetzt: Wenn Sie mich zwingen, wieder für Sie zu arbeiten, dann werde ich Sie wieder hereinlegen, denn ich will keinem Land schaden – auch nicht meinem.«
Leise fragte Josephine: »Und der Gestapo?«
»Bitte?«
»Hätten Sie auch Bedenken, der Gestapo zu schaden?«
»Dies zu tun, Madame, wäre mir ein spezieller Hochgenuß.«
Oberst Débras hob eine Hand: »Sie wissen, daß wir zur Zeit mit englischer Unterstützung im besetzten und unbesetzten Frankreich einen neuen Geheimdienst und eine Widerstandsbewegung aufbauen.«
»Das weiß ich, ja.«
»Von seinen neuen Vorgesetzten in Paris erhielt Oberst Siméon den Auftrag, Sie nach Marseille zu locken und umzulegen. Er sprach aber erst mit Josephine über Sie. Josephine benachrichtigte mich und bat mich einzugreifen …«
»Madame«, sagte Thomas mit einer Verneigung, »darf ich Ihnen noch etwas Champagner nachgießen?«
»Lieven, ich muß zurück nach Casablanca. Josephine folgt mir in den nächsten Wochen. Wir haben gewisse Befehle von London erhalten. Siméon bleibt dann allein hier zurück. Was halten Sie von Siméon?«
Artig antwortete Thomas: »Da müßte ich lügen.«
Débras seufzte: »Siméon ist ein herzensguter Mensch. Ein glühender Patriot.«
»Ein heroischer Soldat!« assistierte Thomas.
»Ein mutiger Draufgänger!« assistierte Josephine.
»Ja, ja, ja«, sagte Débras, »aber etwas fehlt ihm eben leider. Wir wissen alle, was ihm fehlt, ich brauche es nicht auszusprechen.«
Thomas nickte bedauernd.
»Mut beweist man nicht mit der Faust allein«, sagte Josephine. »Man braucht auch den Kopf dazu. Sie, Herr Lieven, und Oberst Siméon, oder der Kopf und die Faust: das wäre ein Team!«
»Allein wird er seiner Aufgabe niemals gewachsen sein«, sagte Débras.
»Welcher Aufgabe?«
Débras biß sich auf die Lippen. »Die Lage ist ernst, Lieven. Ich will meine Landsleute nicht besser machen, als sie sind. Es gibt auch bei uns Schweine.«
»Schweine gibt’s überall«, sagte Thomas.
»Unsere französischen Schweine – im besetzten und unbesetzten Gebiet – arbeiten mit den Nazis zusammen. Sie verraten unsere Leute. Sie verkaufen ihr Land. Französische Schweine im Sold der Gestapo. Ich sagte Gestapo, Herr Lieven …«
»Hab’s gehört«, sagte Thomas.
»Sie sind Deutscher. Sie können mit Deutschen umgehen. Und Sie können auch jederzeit den geborenen Franzosen spielen.«
»O Gott, geht es also schon wieder los!«
»Diese Menschen verraten ihr Land nicht nur, sie rauben es auch aus«, sagte Débras. »Sehen Sie, vor wenigen Tagen erst sind zum Beispiel zwei Männer aus Paris heruntergekommen – Gold- und Devisenaufkäufer.«
»Franzosen?«
»Franzosen, die im Auftrag der Gestapo arbeiten!«
»Wie heißen sie?«
»Jacques Bergier heißt der eine Verräter, Paul de Lesseps der andere.«
Thomas Lieven schaute lange nachdenklich vor sich hin … Dann sagte er: »Gut, Débras, ich werde Ihnen helfen, Ihre beiden Verräter zu finden. Versprechen Sie aber, daß Sie mich danach laufenlassen?«
»Wo wollen Sie hin?«
»Das wissen Sie doch. Nach Südamerika. Dort wartet ein Freund auf mich, der Bankier Lindner. Ich habe kein Geld mehr, aber er hat genug …«
»Herr Lieven …«
»… er hat eine Million Dollar. Wenn ich von Ihnen einen neuen Paß bekomme, bekomme ich auf seine Gutsage auch ein Visum …«
»Herr Lieven, so hören Sie …«
»… und wenn ich das Visum habe, bekomme ich auch ein Schiff …«
Thomas brach ab. »Was haben Sie?«
»Es tut mir leid, Herr Lieven, es tut mir wirklich leid, aber ich fürchte, Sie werden Ihren Freund Lindner nicht wiedersehen.«
»Was soll das heißen? Erzählen Sie mir alles, verschweigen Sie mir nichts. Ich komme mir schon langsam vor wie der selige Hiob. Was ist mit meinem Freund Lindner?«
»Er ist tot«, sagte Débras.
»Tot?« wiederholte Thomas. Sein Gesicht wechselte die Farbe und wurde grau. Walter Lindner tot. Meine letzte Hoffnung. Mein letzter Freund. Meine letzte Chance, diesen Kontinent des Wahnsinns zu verlassen …
»Sie saßen im Gefängnis, Sie können es nicht wissen«, sagte Débras. »Lindners Schiff lief am 3. November 1940 im Gebiet vor den Bermudas auf eine Treibmine. Es sank innerhalb von zwanzig Minuten. Es gab nur ein paar Überlebende. Lindner und seine Frau waren nicht darunter …«
Thomas Lieven saß zusammengesunken da. Er drehte sein Sektglas hin und her.
»Wenn Sie das Schiff erreicht hätten, wären Sie vermutlich jetzt auch tot«, meinte Débras.
»Ja«, sagte Thomas Lieven, »das ist allerdings ein ungemein tröstlicher Gedanke.«
18
In den ersten Morgenstunden des 26. November 1940 kehrte ein stiller, in sich gekehrter Thomas Lieven aus dem »Hôtel de Noailles« in das »Alte Viertel« von Marseille und daselbst in eine Wohnung im zweiten Stock des Hauses in der Rue Chevalier à la Rose zurück. Er hatte in Gesellschaft von Josephine Baker und Oberst Débras noch viel getrunken und viel besprochen, was in nächster Zukunft geschehen sollte.
Einige Sekunden lang war er der Versuchung nahe, die in ihrem zerwühlten Bett schlafende Chantal mit einer Tracht Prügel zu wecken. Dann aber beschloß er, zunächst ein heißes Bad zu nehmen. In diesem fand ihn – seines Gesanges wegen – schließlich seine schöne Freundin.
Indessen Chantal schrubbte und rieb, erzählte er ihr ein wenig von seiner wundersamen Rettung – nicht sehr viel, nur das Nötigste, denn er hatte nun eben nicht mehr unbeschränktes Vertrauen zu ihr.
Abschließend sagte er: »Sie haben mich laufenlassen, weil sie mich brauchen. Ich soll ein Ding für sie drehen. Und für das Ding brauche ich wiederum dich. Auf dieser Basis, denke ich, könnte eine Versöhnung zwischen uns zustande kommen.«