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Chantals eben noch demütige Augen begannen zu leuchten: »Du kannst mir vergeben?«

»Ich muß wohl, weil ich dich brauche .«

»Es ist mir egal, ob du mußt, wenn du es nur tust«, flüsterte sie und küßte ihn. »Ich tue auch alles für dich. Was willst du haben?«

»Ein paar Barren Gold.«

»B … B … Gold? Wieviel?«

»Na, so vielleicht im Wert von fünf oder zehn Millionen Franc.«

»Echte Barren?«

»Solche mit Bleikernen natürlich.«

»Wenn’s weiter nichts ist.«

»Du ausgekochtes Stück«, sagte er. »Du elendes Luder, durch dich bin ich wieder in diese Geschichte reingekommen. Schrubb nicht so fest!«

Sie schrubbte noch fester. Sie rief: »Ach, ich bin ja so froh, daß sie dich nicht umgelegt haben, mein Süßer!«

»Du sollst mit dem Schrubben aufhören!«

Sie lachte kehlig und fing an, ihn zu kitzeln.

»Hör auf, oder ich zieh’ dir die Hosen stramm!«

»Das wird dir schwerfallen, ich habe keine an!«

»Na warte!« Er packte sie, sie kreischte auf, Wasser spritzte hoch, und dann lag sie auf ihm, im warmen, seifigen Wasser der Wanne, und schrie und kreischte und lachte und spuckte und wurde still in seinen Armen. Plötzlich mußte er an den armen Lazarus Alcoba denken, an den armen Walter Lindner und seine Frau, an die Passagiere des gesunkenen Schiffes, an die Matrosen, an die armen Soldaten in den Schützengräben, an alle armen Menschen überhaupt. Wie kurz sie lebten. Wie schwer sie es hatten. Wie böse ihr Ende war. Und wie wenig Glück es gab auf dieser Welt.

19

Am Mittwoch, dem 4. Dezember 1940, trafen sich in einem Extrazimmer des »Hôtel Bristol« an der Cannebière drei Herren zu einem vegetarischen Mittagessen, welches einer von ihnen mit der Umsicht des gewiegten Feinschmeckers zusammengestellt und bei seiner Entstehung in der Hotelküche sorgsam überwacht hatte.

Die drei Herren hießen: Jacques Bergier, Paul de Lesseps und Pierre Hunebelle. Paul de Lesseps war ein verschlossener, hagerer Typ mit scharfen Gesichtszügen, etwa 37 Jahre alt. Jacques Bergier war älter, rosiger, dicker, etwas zu elegant gekleidet, mit gezierten Bewegungen, hoher Stimme und kleinen, trippelnden Schritten. Er trug eine dunkelrote Samtweste zu seinem dunkelblauen Anzug und war ein bißchen aufdringlich parfümiert.

Pierre Hunebelle schließlich, der Herr, der sich um das Mittagsmahl gekümmert hatte, sah aus wie unserem Helden Thomas Lieven aus dem Gesicht geschnitten – und das ist kein Wunder, denn um Thomas Lieven handelte es sich auch, er hieß nur jetzt Hunebelle und nicht mehr Leblanc. Dem geneigten Leser wird einleuchten, weshalb. Thomas hatte einen neuen falschen Paß des französischen Geheimdienstes in der Tasche …

Es war das erste Zusammentreffen der Herren Bergier und de Lesseps mit Monsieur Hunebelle, und besonders Bergier betrachtete den reizenden jungen Mann mit steigendem Wohlgefallen. Seine sentimentalen Mädchenaugen ruhten ohne Unterlaß auf ihm. Thomas hatte die beiden zu diesem Essen eingeladen, nachdem er sich bei Rechtsanwalt Bergier als Geschäftspartner angemeldet hatte. »Vielleicht reden wir bei einem guten Essen darüber«, war sein Vorschlag gewesen.

»Mit Freude, Monsieur Hunebelle – aber bitte unter keinen Umständen Fleisch«, hatte der ästhetische Bergier mit hoher Stimme geantwortet.

»Sie sind Vegetarier?«

»Hundertprozentig. Ich rauche auch nicht. Und ich trinke nicht.« Und viel mit Damen scheinst du dich auch nicht abzugeben, mein Kleiner, hatte Thomas gedacht. Nur für die Gestapo mußt du arbeiten, du saubere Seele …

Menu • 4. Dezember 1940

Ein seltsames Schnitzel bringt viele Millionen Franc …

Sellerie auf Genfer Art

Pilzschnitzel

Poire Belle Hélène

Sellerie auf Genfer Art: Man nehme mittlere Sellerieknollen, wasche und bürste sie kräftig und koche sie dann in Salzwasser nicht zu weich. Man schäle sie und schneide sie in dünne Scheiben. Man gebe in eine tiefe Porzellanschüssel etwas frische Butter, darauf eine Lage Selleriescheiben, die man mit geriebenem Emmentaler und Butterflöckchen bestreut, darauf wieder Sellerie und so fort. Man gebe obenauf wieder Käse und Butter, bedecke die Schüssel dann mit einem Deckel und stelle sie auf einen mit leise kochendem Wasser gefüllten Topf, auf dem die Speise mindestens eine Stunde gut durchziehen muß. Man bringe sie in derselben Schüssel zu Tisch, ohne sie umzurühren.

Pilzschnitzeclass="underline" Man nehme ein Pfund frische Pfifferlinge, putze sie gut, vierteile sie. Man würfle zwei große Zwiebeln und hacke reichlich Petersilie fein, dünste Zwiebeln, Petersilie und Pilze in Butter in einer Pfanne, bis die Pilze zu braten beginnen wollen. Nun füge man zwei eingeweichte, sehr gut ausgedrückte Semmeln ohne Rinde hinzu und lasse sie kurz mitschmoren. Man drehe dann die ganze Masse fein durch einen Wolf, lasse zum Schluß eine trockene Kartoffel durchlaufen. – Man verrühre die Masse sehr gründlich, füge, wenn sie genügend abgekühlt ist, ein Ei hinzu.

Man gebe etwas Semmelbrösel nur dann hinein, wenn sie zu weich geworden sein sollte. – Man würze sehr pikant mit etwas Sardellenpaste und ein paar Tropfen Sojawürze oder einem der anderen Extrakte, die nicht aus Fleisch, sondern aus Hefe hergestellt werden. Man salze und pfeffere erst zum Schluß. – Man forme aus der Masse nicht zu flache Schnitzel, wälze sie nacheinander in Mehl, zerklopftem Ei und Semmelbröseln, brate sie in Butter schön goldbraun. – Man verziere sie mit Zitronenscheiben, die man mit einigen Kapern belegt.

Poire Belle Hélène: Man nehme nicht zu kleine Eisbecher oder Kompottschalen, gebe eine Kugel Vanilleeis hinein, die man mit einer oder zwei Hälften von eingemachten Birnen zudeckt. Man ziehe eine dicke, sehr heiße Schokoladensauce darüber und serviere sofort. – Zur Zubereitung der Schokoladensauce nehme man 100 Gramm feiner, bitterer Schokolade und lasse sie mit etwas Wasser in einem Topf, den man in einen größeren Topf mit kochendem Wasser gestellt hat, zerschmelzen. Man soll sie keinesfalls reiben oder raffeln. Man gebe so viel Milch oder Sahne zu dem Schokoladenbrei, bis eine dickliche Sauce entsteht.

Über der Vorspeise – Sellerie auf Genfer Art – kamen die Herren miteinander ins Gespräch. Bergier, der Gepflegte, sagte: »Wundervoll, Monsieur Hunebelle, einfach wundervoll. Die Scheiben zerschmelzen auf der Zunge.«

»So muß es auch sein«, antwortete Thomas ernst. »Man nehme stets schöne, aber nicht zu große Sellerieknollen.«

»Nicht zu große, aha«, sagte Bergier und verzehrte Thomas mit den Augen.

»Man wasche und bürste sie gut und koche sie sodann in Salzwasser weich – aber nicht zu weich.«

»Aber nicht zu weich«, echote der Rechtsanwalt, dessen Parfüm Thomas in die Nase stieg. »Sie müssen mir das Rezept aufschreiben, Monsieur.«

Er trug vier Ringe mit bunten Steinen an den wohlmanikürten Fingern, und immer schwermütiger ruhte sein Blick auf Thomas Lieven.

Das ist ein klarer Fall, überlegte unser Freund indessen, mit dem werde ich leichtes Spiel haben. Mehr aufpassen muß ich auf Lesseps.

Lesseps fragte denn auch übergangslos: »Und womit können wir Ihnen dienen, Monsieur?«

»Meine Herren, Marseille ist eine kleine Stadt. Es hat sich herumgesprochen, daß Sie aus Paris heruntergekommen sind, um hier gewisse Geschäfte abzuschließen.«

In diesem Moment brachte ein alter Kellner das Hauptgericht, und Thomas sprach nicht weiter. Auf die Platten blickend, rief der Anwalt wehleidig: »Aber ich habe doch ausdrücklich gebeten: kein Fleisch!«

Lesseps schnitt ihm jedoch das Wort ab: »Was für Geschäfte, Monsieur Hunebelle?«

»Nun – hm, Devisen und Gold. Man sagt, Sie interessieren sich dafür.«

Lesseps und Bergier sahen sich an. Es blieb eine ganze Weile still im Extrazimmer. Zuletzt äußerte Lesseps – 1947 wurde er wegen Kollaboration von der französischen Regierung angeklagt und verurteilt – mit kaltem Ton: »Sagt man, wie?«

»Sagt man, ja. Nehmen Sie Sojawürze, Monsieur Bergier?«

»Mein Freund«, antwortete der Anwalt und blickte Thomas tief in die Augen, »ich bin gerührt. Was ich für Fleisch hielt, ist tatsächlich kein Fleisch und schmeckt doch formidable. Um was handelt es sich eigentlich?«

Ärgerlich sagte Lesseps: »Monsieur Hunebelle, Sie sprechen von Geld und Devisen. Und wenn wir uns wirklich dafür interessieren würden?«

Zu Bergier gewandt, sagte Thomas: »Es handelt sich um ein Pilzschnitzel. Delikat, nicht wahr?« Und zu Lesseps: »Ich hätte Gold zu verkaufen.«

»Sie haben Gold?« fragte Lesseps gedehnt.

»Jawohl.«

»Woher?«

»Das ist doch wohl nicht interessant«, meinte Thomas hochmütig. »Ich interessiere mich ja auch nicht dafür, in wessen Namen Sie es kaufen wollen.«

Lesseps sah ihn mit Haifischaugen an: »Wieviel Gold können Sie uns geben?«

»Das kommt darauf an, wieviel Sie haben wollen.«

»Ich glaube kaum«, meinte Lesseps, »daß Sie so viel haben.«

Plötzlich gab der seidenweiche Anwalt kichernd bekannt: »Wir kaufen nämlich bis zu zweihundert Millionen ein!« Donnerwetter, dachte Thomas Lieven, da fängt ja ein Riesending an!