»Nun – hm, Devisen und Gold. Man sagt, Sie interessieren sich dafür.«
Lesseps und Bergier sahen sich an. Es blieb eine ganze Weile still im Extrazimmer. Zuletzt äußerte Lesseps – 1947 wurde er wegen Kollaboration von der französischen Regierung angeklagt und verurteilt – mit kaltem Ton: »Sagt man, wie?«
»Sagt man, ja. Nehmen Sie Sojawürze, Monsieur Bergier?«
»Mein Freund«, antwortete der Anwalt und blickte Thomas tief in die Augen, »ich bin gerührt. Was ich für Fleisch hielt, ist tatsächlich kein Fleisch und schmeckt doch formidable. Um was handelt es sich eigentlich?«
Ärgerlich sagte Lesseps: »Monsieur Hunebelle, Sie sprechen von Geld und Devisen. Und wenn wir uns wirklich dafür interessieren würden?«
Zu Bergier gewandt, sagte Thomas: »Es handelt sich um ein Pilzschnitzel. Delikat, nicht wahr?« Und zu Lesseps: »Ich hätte Gold zu verkaufen.«
»Sie haben Gold?« fragte Lesseps gedehnt.
»Jawohl.«
»Woher?«
»Das ist doch wohl nicht interessant«, meinte Thomas hochmütig. »Ich interessiere mich ja auch nicht dafür, in wessen Namen Sie es kaufen wollen.«
Lesseps sah ihn mit Haifischaugen an: »Wieviel Gold können Sie uns geben?«
»Das kommt darauf an, wieviel Sie haben wollen.«
»Ich glaube kaum«, meinte Lesseps, »daß Sie so viel haben.«
Plötzlich gab der seidenweiche Anwalt kichernd bekannt: »Wir kaufen nämlich bis zu zweihundert Millionen ein!« Donnerwetter, dachte Thomas Lieven, da fängt ja ein Riesending an!
20
Donnerwetter, dachte auch der alte Kellner, der jenseits der Extrazimmertür lauschte, da fängt ja ein Riesending an! Mit der Zunge schnalzend, schritt er in die kleine Bar des Hotels, die zu dieser Stunde fast leer war. An der Theke saß ein vierschrötiger Mann mit Bürstenhaar und trank Pernod.
»He, Bastian«, sagte der Kellner zu ihm.
Der Mann sah auf. Er hatte kleine Augen wie ein Elefant und große Hände wie ein Möbelpacker. »Worüber reden sie?« fragte er.
Der Kellner erzählte ihm, worüber die Herren im Extrazimmer redeten. Der Mann, der Bastian Fabre hieß, pfiff durch die Zähne. »Zweihundert Millionen! Allmächtiger Vater!« Er drückte dem Kellner Geld in die Hand. »Hör weiter zu. Merk dir jedes Wort. Ich komme zurück.«
»Ist gut, Bastian«, sagte der alte Kellner.
Bastian – er trug eine Lederjacke, eine Baskenmütze und graue Hosen – verließ die Bar, schwang sich auf ein altes Fahrrad und radelte am »Alten Hafen« entlang zum Quai des Belges hinauf. Hier standen die beiden berühmtesten Cafés der Stadt, das »Cintra« und das »Le Brûleur de Loup«. In beiden wurden illegale Transaktionen aller Art beschlossen. Das »Cintra« war moderner und hatte die bessere Kundschaft: reiche griechische Händler, Türken, Holländer und Ägypter.
Bastian begab sich in das altmodischere kleinere »Le Brûleur de Loup«. Hier, in dem dunkel getäfelten Raum, dessen große Spiegel matt und beschlagen das graue Licht der Straße reflektierten, saßen fast nur Einheimische. Zu dieser Mittagsstunde tranken die meisten ihren »Pastis«, einen süßen Apéritif, der 1939 noch zwei Franc gekostet hatte und jetzt zehn – eine Quelle ständiger Erbitterung für alle Patrioten.
Weinhändler, Fälscher, Schmuggler, Emigranten und Schieber saßen im »Brûleur de Loup«. Bastian kannte viele von ihnen; er grüßte und wurde gegrüßt. Am Ende des Lokals gab es eine Tür, an deren Klinke eine Tafel mit der Aufschrift GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT hing. Der Riese klopfte viermal lang, zweimal kurz. Daraufhin wurde die Tür geöffnet, und Bastian trat in den Raum. Hier brannte elektrisches Licht, denn es gab kein Fenster. Zum Schneiden dick hingen Tabakschwaden in der Luft. Um einen langen Tisch saßen fünfzehn Männer und eine einzige Frau. Die Männer sahen verwegen aus, bärtig zum Teil, zum Teil mit eingeschlagenen Nasen und Narben. Es gab Afrikaner, Armenier und Korsen unter ihnen.
Die Frau saß an der Spitze des Tisches. Sie trug eine rote Kappe, unter der blauschwarzes Haar hervorquoll. Sie hatte lange Hosen an und eine Jacke aus Rohleder. Einem neutralen Betrachter der seltsamen Tafelrunde wurde auf den ersten Blick klar, daß Chantal Tessier die Herrin, die absolute Herrin dieser Ganovenbande war, eine einsame Wölfin, eine Königin ohne Gnade.
»Warum kommst du erst jetzt?« schnauzte sie sofort Bastian an, der sie mit bettelnden Augen betrachtete. »Wir warten seit einer halben Stunde auf dich!«
»Die drei haben sich Zeit gelassen … Der Anwalt kam zu spät …«
Mit scharfer Stimme unterbrach ihn Chantal. »Willst du dir nicht endlich mal ’ne andere Kappe anschaffen? Zum Kotzen ist das mit euch! Muß denn jeder sehen, daß ihr aus dem Keller kommt?«
»Entschuldige, Chantal«, sagte Bastian gutmütig und verbarg verlegen seine speckige Kappe. Dann berichtete er, was er vom Kellner des »Hôtel Bristol« gehört hatte. Als er die zweihundert Millionen erwähnte, brandete eine Welle der Erregung durch den Raum. Ein paar Herren pfiffen, einer schlug auf den Tisch, alle sprachen durcheinander.
Die eisige Stimme Chantals übertönte sie alle: »Wollen die Herren vielleicht gütigst ihre Fressen halten!«
Es wurde still.
»Hier redet nur, wer gefragt ist, verstanden?« Chantal lehnte sich zurück. Sie befahclass="underline" »Zigarette!« Zwei Ganoven beeilten sich, sie zu bedienen.
Chantal stieß eine Rauchwolke aus. »Jetzt hört mal alle genau zu. Jetzt will ich euch erklären, was zu tun ist.«
Chantal Tessier, Bandenchefin und Liebhaberin von Rohleder, erklärte es. Und alle hörten ihr genau zu …
21
Man schrieb Donnerstag, den 5. Dezember 1940. Es war schon sehr kalt in Marseille. Zwei Herren standen in einem Geschäft in der Rue de Rome.
Der eine Herr sagte: »Ich möchte vier Kuchenkastenformen.«
»Und Sie?« fragte die Haushaltswarenverkäuferin den anderen Herrn.
Der andere Herr sagte: »Ich möchte drei Kuchenkastenformen, schönes Kind, wenn’s recht ist.«
Der eine Herr, ein muskulöser Riese mit rötlichem Bürstenhaar, nannte sich Bastian Fabre und hieß auch so.
Der andere Herr war elegant gekleidet und gut erzogen. Er nannte sich gerade Pierre Hunebelle, aber er hieß nicht so. Er hatte sich bis vor kurzem Jean Leblanc genannt und hieß in Wahrheit Thomas Lieven.
Die beiden Herren erwarben zu einem kriegsbedingt überhöhten Preis sieben Eisenblechformen. Die Absicht, Kuchen darin zu backen, schien ihnen jedoch fernzuliegen. Anschließend kauften sie nämlich nicht etwa Butter, Zucker, Safran und Mehl, sondern gemeinsam bei einem Trödler in der kurzen Rue Mazagran neun Kilogramm Blei, eine große Tafel feuerfeste Schamotte sowie eine handliche Stahlflasche voll Propangas.
Danach wandten sie ihre Schritte dem »Alten Viertel« zu. Sie sprachen kaum miteinander, denn sie hatten sich eben kennengelernt.
Thomas Lieven dachte: Jetzt gehe ich also mit diesem Orang-Utan falsche Goldbarren herstellen; ein ungeheuerlicher Gedanke –! Das Allerschlimmste aber: Ich bin richtig neugierig, wie man so etwas fachmännisch macht!
Was Thomas nicht begriff, war Chantals Betragen. Als er ihr nämlich von den beiden Aufkäufern erzählt hatte, da meinte sie zunächst: »Na prima, prima, Süßer. Meine Organisation steht dir zur Verfügung. Fünfzehn erstklassige Spezialisten. Wir legen die beiden Gestapo-Schweine rein und deinen Oberst Siméon und verscheuern die Listen an den, der am meisten bezahlt!«
»Nein, nicht den Oberst. Ich habe versprochen, ihm zu helfen.«
»Du hast ja einen Vogel! Deutscher Idealismus, was? Zum Heulen. Bitte, dann dreh dir das Ding aber auch alleine! Stell dir selber dein Gold her, Mensch; von meinen Leuten hilft dir keiner!«
Tja, so war die Lage vor drei Tagen gewesen. Mittlerweile schien Chantal sich jedoch alles grundsätzlich anders überlegt zu haben. Sie war so zärtlich und leidenschaftlich wie noch nie. In einer der wenigen stillen Minuten der vergangenen Nacht hatte sie in Thomas Lievens Armen zugegeben: »Du hast ganz recht, du mußt dein Versprechen halten …« Kuß. »Ach, ich liebe dich ja noch viel mehr für deine Anständigkeit …« Zwei Küsse. »Du kannst auch Bastian haben … Du kannst alle meine Leute haben …«