An der Seite des riesigen Bastian Fabre, der einen Handkarren mit den gekauften Utensilien schob, ging Thomas nun durch die winkeligen, schmutzigen Gassen des »Alten Viertels« und dachte: Kann ich Chantal, diesem Biest, trauen? Hat sie mich nicht schon einmal belogen und betrogen? Sie hat etwas vor. Aber was?
Darauf hätte Bastian Fabre erschöpfend antworten können. An der Seite des schlanken, eleganten Thomas Lieven den Karren durch die winkeligen, schmutzigen Gassen des »Alten Viertels« schiebend, überlegte Bastian: Gefällt mir gar nicht, der junge Herr. Wohnt bei Chantal. Völlig klar, was da los ist. Haben schon manche Herren bei Chantal gewohnt. Aber bei diesem Pierre Hunebelle, da muß es tiefer sitzen. Bei dem geht die Chefin mehr aus sich heraus als je. Verdammt noch mal!
Bastian erinnerte sich der Worte, die Chantal auf der Betriebsversammlung ihrer Bande im Café »Le Brûleur de Loup« über den jungen Herrn verloren hatte: »Genialer Kopf. Keiner von euch Hornochsen kann ihm das Wasser reichen.«
»Na, na«, hatte Bastian zu bemerken gewagt.
Wie eine Rakete war Chantal auf ihn losgeschossen: »Ta gueule! Du wirst von heute an alles tun, was er dir aufträgt!«
»Also, Moment mal, Chantal …«
»Maul halten! Das ist eine Order, verstanden? Du wirst mit ihm zu Boule gehen und die falschen Goldbarren herstellen! Und ihr andern, ihr werdet sofort einen ständigen Überwachungsdienst einrichten. Ich muß wissen, was er macht, bei Tag und bei Nacht!«
»Bei Nacht solltest du es doch am besten wissen.«
»Noch ein Wort, und ich klebe dir eine! Das ist meine Liebe, kapiert? Der Junge ist nur zu anständig. Wenn er jetzt mit den beiden Gestapo-Schweinen verhandelt, müssen wir für ihn denken. Er weiß nicht, was für ihn gut ist …«
Also hatte Chantal gesprochen.
Neben Thomas durch das »Alte Viertel« trottend, dachte Bastian ergrimmt: Ich habe das Gefühl, der Junge weiß ganz genau, was für ihn gut ist.
Also dachte Bastian. Aber er sagte nicht, was er dachte. Sondern er sagte: »Wir sind da.« Und blieb stehen vor dem Haus 14 in der Rue d’Aubagne. Rechts vom Eingang gab es eine alte, abgesplitterte Emailtafel mit der Inschrift:
DR. RENÉ BOULE
ZAHNARZT
9–12 und 15–18 Uhr
Sie betraten das Haus und klingelten an einer Tür. Die Tür ging auf.
»Da seid ihr ja endlich«, sagte Dr. René Boule. Er war der kleinste Mann, den Thomas Lieven in seinem Leben gesehen hatte, und der zierlichste. Er trug einen weißen Mantel und einen goldgefaßten Zwicker und ein funkelndes, einmalig schönes falsches Gebiß. »Kommt rein, Jungs.« Der Doktor hängte eine Tafel an den Türknauf, darauf stand:
HEUTE KEINE SPRECHSTUNDE!
Dann schloß er die Tür und ging durch einen Ordinationsraum mit Drehsessel und blitzenden Geräten voraus in ein Laboratorium, das neben einer kleinen Küche lag. Daselbst machte Bastian die Herren flüchtig miteinander bekannt. Er erklärte Thomas: »Der Doktor arbeitet ständig für uns. Steht bei der Chefin im Exklusivvertrag.«
»Ja, aber nur für falsches Gold. Wenn ihr Brüder was mit den Zähnen habt, geht ihr woandershin«, brummte der Kleine und betrachtete Thomas.
»Komisch, daß wir uns noch nie gesehen haben. Sie sind neu bei der Bande?«
Thomas nickte.
»Kommt gerade aus dem Knast«, erläuterte Bastian Fabre gemütvoll. »Die Chefin hat ’nen Affen an ihm gefressen. Die Arbeit geht auf ihre private Rechnung.«
»In Ordnung. Habt ihr die Formen mitgebracht? Fein, fein. Kann ich gleich sieben Barren auf einmal machen und brauche nicht jedesmal zu warten, bis der Dreck auskühlt.« Dr. Boule packte die Kuchenformen aus und stellte sie nebeneinander. »Die Länge stimmt«, meinte er. »Ihr wollt doch Kilobarren, wie? Dachte ich mir.« Er wandte sich an Thomas. »Wenn es Sie interessiert, können Sie zusehen, junger Mann. Man weiß nie, wozu man so etwas noch braucht.«
»Da haben Sie recht«, sagte Thomas und hob, sich selber anklagend, die Augen zum Himmel.
Bastian brummte: »Ich habe das schon hundertmal gesehen, ich werde mal gehen und uns was zu fressen holen.«
»Aber bitte etwas Kräftiges«, sagte der Zahnarzt, »die Schmelzerei strengt an.«
»Zahlt alles die Chefin. Was soll’s denn sein?«
Der kleine Mann schmatzte: »Henri unten im Haus hat ein paar schicke Enten vom Land reinbekommen, die verschiebt er schwarz, bevor der Kerl von der ›Contrôle économique‹ sie erwischt. Süße, kleine Enten. Wenig Fett und zarte Knochen. Wiegt eine höchstens drei Pfund.«
»Na, dann will ich mal gehen und uns zwei unter den Nagel reißen«, meinte Bastian und verschwand.
Dr. René Boule sprach: »Die Schwierigkeit bei der Herstellung von falschen Goldbarren liegt darin, daß Gold und Blei sehr verschiedene Schmelzpunkte und sehr verschiedene spezifische Gewichte haben. Blei schmilzt schon bei 327 Grad Celsius, Gold erst bei 1063 Grad. Eine so hohe Temperatur würden die Kuchenformen nicht aushalten. Wir müssen sie daher mit Schamotte auslegen.«
Der kleine Mann maß die Formen genau aus, dann zeichnete er Böden und Seitenwände der Kuchenwannen auf die Schamotteplatte, raspelte die Linien mit einer Feile an und brach die Stücke mühelos heraus.
Während er arbeitete, dozierte er: »Nun werden wir uns aus Gips ziegelsteinähnliche Formen herstellen, die gerade so groß sind, daß sie in die mit Schamotte ausgekleideten Kuchenformen passen und dabei an allen Seiten noch drei Millimeter Zwischenraum lassen. Auf der Grundfläche werden wir, solange der Gips noch weich ist, vier Füßchen anbringen, indem wir Streichhölzer in die Masse drücken. Die Hölzchen stehen dann auf der unteren Schamottefläche auf, so daß auch hier der Gips von der Schamotte drei Millimeter entfernt bleibt … Wollen Sie sich nicht Notizen machen?«
»Ich habe ein gutes Gedächtnis.«
»So? Na schön … Wenn die Gipsziegel in der Schamotteauslegung ruhen, können wir darangehen, Gold in einem Tiegel zu schmelzen.«
»Wie erreichen Sie die hohe Temperatur?«
»Mit Hilfe eines Schneidbrenners und der Propangasflasche, die Sie mitgebracht haben, junger Mann.«
»Und was für Gold verwenden Sie?«
»Zweiundzwanzigkarätiges selbstverständlich.«
»Wo bekommt man das?«
»In jeder Scheideanstalt. Ich sammle Bruchgold, und dann tausche ich das Zeug gegen zweiundzwanzigkarätiges um. Wenn das Gold geschmolzen ist, gießen wir die Räume zwischen Schamotteplatten und Gips damit aus und lassen es auf natürlichem Wege erkalten. Nicht etwa mit Wasser abschrecken. – Sie sollten sich doch Notizen machen. – Zuletzt hebe ich den Gipskern heraus und habe nun eine Wanne aus dünnem Goldblech vom Ausmaß eines Einkilogoldbarrens. Und diese Form nun fülle ich mit Blei.«
»Moment mal«, sagte Thomas, »aber Blei ist doch leichter als Gold.«
»Junger Mann, ein Kilo bleibt ein Kilo dem Gewicht nach. Nur das Volumen ändert sich. Und ich gestatte mir kleine Änderungen des Barrens in der Breite. Das ist bei Barren aus Scheideanstalten nicht weiter auffällig …«
22
Bastian kam zurück. Er brachte zwei kleine, feste Enten und zwei Pfund Kastanien mit und begab sich in die Küche.
Thomas sah noch eine Weile dem begabten Zahnarzt zu, wie er die Gipsziegel herstellte. Dann ging er in die Küche, um hier zuzusehen. Dabei erstarrte er vor Widerwillen. Von Goldbarrenfälschung verstand er nichts. Von Enten verstand er eine ganze Menge. Und was hier mit einer Ente geschah, empörte seinen Feinschmeckerstolz.
Menu • 5. Dezember 1940
Thomas Lievens Ente begründet eine
sagenhafte Freundschaft.
Ente chinesisch mit gekochtem Reis