»Praktisch ausgeschlossen.« Dr. Boule schüttelte den Kopf. »Der Bleikern ist jetzt auf allen Seiten von einer drei Millimeter dicken Goldschicht umgeben. Der Käufer prüft mit einem Ölstein und mit Salzsäure. Er kratzt mit dem Stein über eine Kante des Barrens und hat danach einen Goldstrich auf seinem Stein. Den betupft er jetzt nacheinander mit verschiedenen Säurekonzentrationen, die den verschiedenen Karatgehalten entsprechen. Wenn der Goldstrich stehenbleibt, handelt es sich um zweiundzwanzigkarätiges Gold. Na, und um solches handelt es sich doch wirklich!« Plötzlich begann der Zahnarzt zu schnüffeln. »Liebe Himmelsmutter, riecht das gut! Ist das jetzt Ihre Ente oder seine?«
Das Essen nahmen die Herren eine Stunde später schweigend zu sich. Sie verspeisten zuerst die Ente vom Rost und danach die chinesische Ente. Nebenan kühlten die ersten drei Barren aus. Und still war es, andächtig still in Dr. René Boules kleinem Speisezimmer. Zuletzt wischte Bastian sich den Mund ab und sah den Zahnarzt mit zusammengekniffenen Augen an. »Also, los, René, welche war besser?«
Dr. Boule sah unglücklich von einem der Köche zum andern, von Thomas zu Bastian, von Bastian zu Thomas. Bastians Riesenpfoten öffneten und schlossen sich krampfhaft.
Der kleine Doktor stotterte: »Das kann man unmöglich in drei Worten sagen, lieber Bastian … Auf der einen Seite ist deine Ente … aber auf der andren Seite natürlich …«
»Ja-ja-ja«, sagte Bastian. »Du hast die Hosen voll, daß ich dich verkloppe, was? Dann will ich also den Schiedsrichter spielen. Die chinesische war besser!« Er grinste und schlug Thomas auf den Rücken, daß der sich verschluckte. »Ich glaube, ich bin älter. Ich trage dir das Du-Wort an für deine Ente. Ich heiße Bastian.«
»Sag Pierre zu mir.«
»Ich war ja ein lebenslanger Trottel mit meiner Ente am Rost! Pierre, Junge, daß ich dich nicht früher getroffen habe! Weißt du noch so ein paar Rezepte?«
»Einige, ja«, antwortete Thomas bescheiden.
Bastian strahlte. Plötzlich betrachtete er Thomas voller Sympathie und Hochachtung. Seine Verfressenheit hatte einen Sieg über seine Eifersucht davongetragen: »Pierre, weißt du, was ich glaube? Ich glaube, das ist der Beginn von einer prima Freundschaft!«
Bastian glaubte es zu Recht. 1957, in einer Villa an der Cecilien-Allee zu Düsseldorf, sollte diese Freundschaft noch so frisch und stark sein wie an diesem ersten Tag. In den siebzehn Jahren, die dazwischenlagen, sollten viele Mächtige unserer Erde gelernt haben, vor dieser Freundschaft zu zittern …
»Deine Ente war aber auch nicht übel, Bastian«, sagte Thomas. »Wirklich nicht. Ich habe übrigens noch Götterspeise gemacht. Bedient euch. Ich kann nicht mehr. Wenn ich noch einen Bissen esse, falle ich um und bin tot!«
Apropos tot …
Köln, 4. Dezember 1940
VON: ABWEHR KÖLN
AN: CHEF ABWEHR BERLIN
GEHEIM 135892/VC/LU
Aus Lissabon zurückgekehrt, gestatte ich mir ergebenst, Herrn Admiral den Tod des Doppelagenten und Verräters Thomas Lieven, alias Jean Leblanc, zu melden.
Derselbe wurde am 17. November 1940 um 9 Uhr 35 (Ortszeit) im Hof des Hauses Rua do Poco des Negros 16 erschossen.
Lieven trug zur Zeit seiner Ermordung die Kleidung und Maske eines gewissen Lazarus Alcoba, mit dem er im Gefängnis gesessen hatte.
Obwohl die portugiesischen Behörden verständlicherweise alles taten, um den Vorfall zu verschweigen und seine näheren Umstände in Dunkelheit zu hüllen, ist es mir doch gelungen, eindeutig festzustellen, daß Lieven von einem gekauften Berufsverbrecher auf Anweisung des britischen Geheimdienstes erschossen wurde. Wie Herr Admiral wissen, hat Lieven auch den Engländern gefälschte Listen mit Namen und Adressen französischer Agenten verkauft.
Ich bedaure, daß es mir nicht möglich war, Lieven befehlsgemäß lebend in unsere Hände zu bekommen. Andererseits bedeutet sein verdientes Ende eine Sorge weniger für unsere Dienstobliegenheiten.
Heil Hitler!
Fritz Loos,
Major und Kommandoführer.
2. Kapitel
1
Am Nachmittag des 6. Dezember 1940 suchten die Herren Hunebelle und Fabre das »Hôtel Bristol« und daselbst den rosigen, dicken Rechtsanwalt Jacques Bergier auf, der sie im Salon seines Appartements empfing. Der französische Aufkäufer im Dienste der Gestapo trug einen blauseidenen Morgenmantel, ein Seitentüchelchen in der Brusttasche und roch nach einem erfrischenden Parfüm.
Er protestierte zuerst gegen die Anwesenheit Bastians: »Was soll das, Monsieur Hunebelle? Ich kenne diesen Herrn nicht! Ich will nur mit Ihnen zu tun haben!«
»Dieser Herr ist mein Freund. Ich führe eine ziemlich kostbare Ware bei mir, Monsieur Bergier. Ich fühle mich so sicherer!«
Der Anwalt gab nach. Gekränkt ruhten seine alten Mädchenaugen auf dem eleganten Thomas. Dann gab der Vegetarier, Nichtraucher und Frauenfeind Bergier bekannt: »Mein Freund de Lesseps ist leider nicht hier, wie unangenehm.«
Wie angenehm, dachte Thomas und fragte: »Wo ist er denn?«
»Nach Bandol gefahren.« Bergier spitzte sein rosiges Mündchen, als wollte er pfeifen. »Er kauft da in der Gegend noch einen sehr großen Posten Gold, verstehen Sie. Und Devisen.«
»Ich verstehe.« Thomas gab Bastian einen Wink, dieser schwang einen kleinen Koffer auf den Tisch und ließ die Schlösser aufschnappen. Sieben Goldbarren lagen darin.
Bergier untersuchte sie genau. Er las die Stempel. »Hm. Hm. Scheideanstalt von Lyon. Sehr schön.«
Thomas gab Bastian heimlich einen zweiten Wink, Bastian sagte: »Könnte ich mir mal die Hände waschen?«
»Das Badezimmer ist da drüben.«
Bastian ging ins Badezimmer, in welchem es eine Unmenge von Flaschen und Tiegeln gab. Ein gepflegter Herr war Monsieur Bergier! Bastian drehte einen Wasserhahn auf, dann trat er geräuschlos auf den Gang, zog den Zimmerschlüssel aus dem Schloß, nahm eine alte Blechschachtel voller Bienenwachs aus der Tasche, drückte den Schlüssel von beiden Seiten in das Wachs, steckte ihn wieder ins Schloß und die Schachtel wieder in die Tasche.
Im Salon war Bergier mittlerweile darangegangen, die Goldbarren zu untersuchen. Er verfuhr dabei genau so, wie der kleine Zahnarzt es vorausgesagt hatte: Er benutzte einen Ölstein und Salzsäure von verschiedener Konzentration.
»In Ordnung«, sagte er nach Prüfung der sieben Barren. Dann sah er Thomas träumerisch an. »Was mache ich mit Ihnen?«
»Bitte?« Thomas atmete erleichtert auf, da Bastian gerade in den Salon zurückkam.
»Sehen Sie, ich muß meinen Auftraggebern über jeden einzelnen Kauf natürlich Buch legen. Wir – wir führen Listen über unsere Kunden …«
Listen! Thomas Lievens Herz schlug schneller. Das waren die Listen, die er suchte! Die Listen mit den Namen und Adressen von Kollaborateuren im unbesetzten Frankreich, von Leuten, die ihr Land an die Gestapo und oft genug noch ihre Landsleute dazu verkauften.
Bergier sprach sehr sanft: »Wir zwingen natürlich niemanden, uns Angaben zu machen … wie sollten wir auch!« Bergier lachte. »Aber wenn Sie in der Zukunft mit uns Geschäfte machen wollen, wäre es vielleicht doch zweckmäßig, daß ich mir gewisse Notizen … selbstverständlich absolut vertraulich …«
Absolut vertraulich vor der Gestapo, dachte Thomas, und er sagte: »Wie Sie wünschen. Ich hoffe, Ihnen noch öfter liefern zu können. Auch Devisen.«