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»Entschuldigen Sie mich einen Moment«, bat Bergier und verschwand mit weibisch gezierten Bewegungen im Schlafzimmer.

»Hast du den Abdruck?« fragte Thomas.

»Klar.« Bastian nickte. »Sag mal, ist der Kleine etwa …«

»Du merkst aber auch alles«, sagte Thomas.

Bergier kam zurück. Er trug eine Aktentasche mit vier Schlössern, die er umständlich aufsperrte. Dann holte er mehrere Listen hervor, auf denen viele Namen und Adressen standen. Er zückte eine goldene Füllfeder. Thomas Lieven gab seinen falschen Namen und eine falsche Adresse an. Bergier notierte beides.

»Und nun das Geld«, sagte Thomas.

Bergier lachte: »Keine Angst, es kommt schon. Darf ich Sie bitten, mir ins Schlafzimmer zu folgen …«

Im Schlafzimmer nebenan standen drei riesige Schrankkoffer. Aus einem von ihnen zog der Anwalt eine schmale Schublade. Sie erwies sich bis zum Rand gefüllt mit gebündelten 1000- und 5000-Franc-Scheinen. Es war Thomas klar, daß die Herren Bergier und de Lesseps große Mengen an Bargeld mit sich führen mußten. Ohne Zweifel war auch in den anderen Schubladen der Koffer Geld. Und so beobachtete Thomas höchst gespannt, wo Bergier die Mappe mit den Listen verstaute …

Für den Barren bezahlte Bergier 360 000 Franc, die im Wert etwa 18 000 Reichsmark entsprachen, für sieben Barren also insgesamt 2 520 000 Franc.

Während er die Geldbündel vor Thomas hinlegte, lächelte Bergier werbend und verheißungsvoll und suchte dessen Blick. Thomas aber zählte die vor ihm liegenden Francs …

Endlich sagte Bergier: »Wann sehen wir uns wieder, mein Freund?«

Erstaunt fragte Thomas: »Wieso? Fahren Sie nicht nach Paris zurück?«

»O nein, nur Lesseps. Er kommt morgen nachmittag mit dem Expreß um 15 Uhr 30 hier durch.«

»Durch?«

»Ja, er fährt mit der Ware aus Bandol nach Paris. Ich werde ihm Ihr Gold an den Waggon bringen. Aber nachher könnten wir doch zusammen speisen, wie wär’s, mein Freund?«

2

»15 Uhr 30, Bahnhof St. Charles«, sagte Thomas eine Stunde später in der Bibliothek einer großen, alten Wohnung am Boulevard de la Corderie. Die Wohnung gehörte einem Mann namens Jacques Cousteau, der viele Jahre später als Tiefseeforscher und mit seinem Buch und seinem Film »Die schweigende Welt« berühmt werden sollte.

Im Jahre 1940 war dieser ehemalige Major der Marineartillerie ein wichtiger Mann des eben wieder entstehenden französischen Geheimdienstes: ein junger, energiegeladener Mensch mit schwarzem Haar und schwarzen Augen, durchtrainiert und sportlich.

Cousteau saß in einem alten Lehnsessel vor einer in satten Farben schimmernden Bücherwand und rauchte eine alte Pfeife, die er – faute de mieux – mit wenig Tabak gefüllt hatte.

Oberst Siméon saß neben ihm. Erbarmungswürdig glänzten die Ellbogen und Knie seines schwarzen Anzugs. Wenn er die Beine übereinanderschlug, sah man, daß er ein Loch in der linken Schuhsohle hatte.

Lächerlicher, armer, erbarmungswürdiger französischer Geheimdienst, dachte Thomas. Ich, ein Außenseiter, zur Agententätigkeit gezwungen, bin momentan reicher als das ganze »Deuxième Bureau«!

Elegant und gepflegt stand er da, dieser Thomas Lieven, und neben ihm stand das Köfferchen, in dem die Goldbarren zu Monsieur Bergier gebracht worden waren. Jetzt lagen 2 520 000 Franc in dem Köfferchen …

Thomas Lieven sagte: »Sie müssen sehr aufpassen, wenn der Expreß einläuft. Ich habe nachgesehen. Er hält nur acht Minuten.«

»Wir werden aufpassen«, sagte Cousteau. »Keine Sorge, Monsieur Hunebelle.«

Siméon zupfte an seinem Menjoubärtchen und erkundigte sich mit hungrigen Augen: »Und Sie glauben, daß de Lesseps viel Ware bei sich hat?«

»Nach Bergiers Berichten eine Riesenmenge an Gold, Devisen und sonstigen Werten. Er hat tagelang im Süden eingekauft. Er muß viel bei sich haben, sonst würde er nicht nach Paris fahren. Bergier wird ihm meine sieben Barren übergeben. Ich glaube, es ist das beste, wenn Sie die beiden in dem Augenblick verhaften lassen …«

»Alles schon vorbereitet. Wir haben Freunden bei der Polizei einen Wink gegeben«, sagte Cousteau.

Siméon fragte Thomas: »Aber wie kommen Sie an die Listen heran?«

Lächelnd antwortete Thomas: »Zerbrechen Sie sich nicht Ihren Kopf, Siméon. – Sie könnten mir übrigens helfen. Ich brauche drei Hausdiener in Uniformen des ›Hôtel Bristol‹.«

Siméon sperrte Mund und Augen auf. Man sah, daß er angestrengt nachdachte. Bevor ihm aber etwas einfiel, sagte Cousteau: »Das wird sich machen lassen. Das Bristol läßt in der Großwäscherei Salomon arbeiten. Auch die Uniformen reinigen. Der zweite Direktor in der Wäscherei ist ein Mann von uns.«

»Na fein«, sagte Thomas.

Er sah den mageren Siméon mit der durchlöcherten Schuhsohle und dem abgestoßenen Anzug an. Er sah Cousteau an, der sparsam an der abgekauten Pfeife sog und nur wenig Tabak im Beutel hatte. Er sah sein Köfferchen an. Und dann beging unser Freund eine rührende Handlung, die zeigte, daß er noch immer nicht gelernt hatte, nach den herzlosen Spielregeln einer herzlosen Welt zu leben, in die ein grausames Geschick ihn gestürzt hatte …

3

Als Thomas Lieven eine halbe Stunde später das Haus am Boulevard de la Corderie verließ, sah er, daß sich aus einer Mauernische ein Schatten löste und ihm durch die diesige Dunkelheit folgte. Thomas bog um eine Straßenecke und blieb jäh stehen. Der Mann, der ihm folgte, rannte prompt in ihn hinein.

»Oh, pardon«, sagte er höflich und zog einen alten, speckigen Hut. Thomas erkannte ihn. Es war einer von Chantals Leuten. Er murmelte etwas Unverständliches und schlurfte davon.

In ihrer Wohnung in der Rue Chevalier à la Rose überfiel Thomas Lievens schwarzhaarige, katzenhafte Geliebte ihren Freund mit stürmischen Umarmungen und Küssen. Sie hatte sich für ihn besonders schön gemacht. Kerzen brannten, Champagner stand im Eis. »Endlich, chéri! Ich hatte schon solche Sehnsucht nach dir.«

»Ich war noch …«

»Bei deinem Oberst, ich weiß, Bastian hat es mir erzählt.«

»Wo ist denn Bastian?«

»Seine Mutter ist plötzlich erkrankt, er mußte zu ihr fahren, er kommt morgen wieder.«

»Morgen, aha«, sagte Thomas arglos und öffnete den kleinen Koffer, der noch immer recht voll, aber nicht mehr ganz so voll war wie zu Anbeginn, als Bergier ihn gefüllt hatte.

Chantal pfiff erfreut durch die Zähne.

»Pfeif nicht zu früh, chérie«, sagte er. »Es fehlt eine halbe Million.«

»Was?«

»Ja. Ich habe sie Cousteau und Siméon geschenkt. Die Leute sind pleite. Zum Teufel, sie haben mir leid getan, weißt du … Laß uns sagen, daß die halbe Million mein Anteil war. Hier, der ansehnliche Rest von zwei Millionen und zwanzigtausend Franc ist für dich und deine Mitarbeiter …«

Chantal küßte ihn auf die Nasenspitze. Sie überwand seinen Anfall von Menschenliebe eigentlich mit verdächtiger Leichtigkeit: »Mein Gentleman! Bist du süß … Jetzt hast du gar nichts mehr von der Chose!«

»Ich habe dich«, sagte er freundlich. Und übergangslos: »Chantal, warum läßt du mich beschatten?«

»Beschatten? Ich? Dich?« Sie riß die Katzenaugen auf. »Chéri, was ist das für ein Unsinn?«

»Einer deiner Kerle ist direkt in mich hineingerannt.«

»Oh, sicher nur Zufall … Mein Gott, warum bist du bloß so furchtbar mißtrauisch? Was soll ich denn noch tun, damit du mir endlich glaubst, daß ich dich liebe?«

»Einmal die Wahrheit sagen, du Luder. Aber ich weiß, das ist ein ganz und gar unerfüllbares Ansinnen«, antwortete er.

Als der Paris-Expreß pünktlich um 15 Uhr 30 am 7. Dezember 1940 auf Gleis III in den Gare St. Charles einlief, sah ein Mann von 37 Jahren aus dem herabgelassenen Fenster eines Erstklaßabteils. Paul de Lesseps hatte ein mageres Gesicht mit scharfen Zügen, kalte Haifischaugen und aschblondes, schütteres Haar.