Suchend glitt sein Blick über den Bahnsteig. Dann sah er den rundlichen, auffällig gekleideten Anwalt Bergier, der neben einem kleinen Koffer stand.
Paul de Lesseps hob eine Hand.
Jacques Bergier hob eine Hand.
Der Zug hielt. Bergier eilte auf den Waggon seines Freundes zu. Danach ging alles sehr schnell. Ehe ein einziger Passagier aussteigen konnte, traten aus der Menge dreißig Kriminalbeamte in Zivil von beiden Seiten an die Waggons heran und hoben zwei lange Seile auf, die zu beiden Seiten der Schienen gelegen hatten. So konnte keine Tür des Zuges mehr geöffnet werden, wenn die Beamten es nicht wollten.
Ein Kriminalkommissar sprach Bergier an und verhaftete den kreidebleichen Anwalt unter dem dringenden Verdacht des Gold- und Devisenschmuggels. Den Koffer mit den sieben Goldbarren hielt Bergier noch in der Hand.
Indessen waren zwei weitere Beamte von beiden Enden in den Waggon gestürmt und nahmen Paul de Lesseps in seinem Abteil fest.
Zur gleichen Zeit schritten drei Hausdiener in der grünen Uniform ihres Standes durch einen Gang im vierten Stock des »Hôtel Bristol«. Zwei von ihnen sahen aus wie Leute aus Chantal Tessiers Bande, der dritte sah aus wie Thomas Lieven. Die Uniformen paßten ihnen nicht besonders gut.
Ohne Schwierigkeit öffnete der Hausdiener, der aussah wie Thomas Lieven, die Tür eines bestimmten Appartements. Mit einer bei Angehörigen ihres Standes selten zu erlebenden Hurtigkeit holten die Herren drei riesige Koffer aus dem Schlafzimmer des Appartements, schleppten sie zum Personalaufzug, fuhren mit ihrer Last in den Hof hinab, wuchteten die Koffer in den Laderaum eines Lieferautos der Großwäscherei »Salomon« und fuhren ungehindert davon. Allerdings nicht zu der erwähnten Großwäscherei, sondern zu einem Haus in der Rue Chevalier à la Rose …
Eine Stunde später betrat ein freudestrahlender Thomas Lieven, wieder normal gekleidet, die Wohnung von Jacques Cousteau am Boulevard de la Corderie. Cousteau und Siméon erwarteten ihn. Aus der Aktentasche des lieblichen Herrn Bergier zog Thomas jene Listen, auf denen Spitzel, Kollaborateure und Seelenverkäufer mit genauen Namen und Adressen angeführt waren. Er schwenkte die Blätter triumphierend durch die Luft. Unverständlicherweise rührten Cousteau und Siméon sich kaum.
Beunruhigt fragte Thomas: »Was ist denn los? Haben Sie die beiden?«
Cousteau nickte. »Im Präsidium.«
»Die sieben Barren?«
»Haben wir auch.«
»Na und?«
»Aber sonst haben wir nichts, Monsieur Hunebelle«, sagte Cousteau langsam. Seine Augen ließen Thomas nicht mehr los. Auch Oberst Siméon musterte Thomas sehr seltsam.
»Was heißt das: sonst haben Sie nichts? Lesseps muß doch ein Vermögen an Gold, Devisen und sonstigen Wertsachen bei sich gehabt haben!«
»Ja, das sollte man glauben, nicht wahr?« Cousteau knabberte an seiner Unterlippe.
»Er hatte nichts bei sich?«
»Nicht ein Gramm Gold, Monsieur Hunebelle. Nicht einen Dollar, keine Pretiosen. Ist das nicht drollig?«
»Aber – aber – er wird es versteckt haben! Im Waggon oder sonstwo im Zug. Er wird mit Eisenbahnern zusammengearbeitet haben. Sie müssen den Zug untersuchen! Alle Passagiere!«
»Das haben wir getan. Wir haben sogar die Kohle aus dem Tender schaufeln lassen. Es kam nichts zum Vorschein.«
»Wo ist der Zug jetzt?«
»Weitergefahren, wir konnten ihn nicht länger aufhalten.«
Siméon und Cousteau bemerkten, daß Thomas plötzlich ingrimmig zu lächeln begann, den Kopf wiegte und lautlos die Lippen bewegte. Hätten Siméon und Cousteau sich aufs Lippenlesen verstanden, so hätten sie auch verstanden, was Thomas hauchte, nämlich: »So ein verdammtes Luder!«
Siméon verstand es nicht. Er reckte sich auf, blähte seine Brust und fragte düster, ironisch und drohend: »Na, Lieven – haben Sie vielleicht eine Idee, wo das Gold sein kann?«
»Ja«, sagte Thomas Lieven langsam, »ich glaube, ich habe eine Idee.«
4
Brennendheiße Wut im Leibe, kämpfte Thomas Lieven mit zusammengepreßtem Kiefer und vorgeneigten Schultern gegen einen eiskalten Nordoststurm an, als er in der Dämmerstunde des 7. Dezember 1940 in die Rue de Paradis zu Marseille einbog.
Dieses Luder von einer Chantal!
Dieser Halunke von einem Bastian!
Der Sturm wurde immer ärger. Er orgelte und pfiff, stöhnte und dröhnte durch die Straßen – gerade das richtige Wetter für Thomas Lievens düstere Stimmung.
Neben der alten Börse erhob sich in der Rue de Paradis ein schmutziges, mehrstöckiges Haus. In diesem Haus befand sich im ersten Stock ein gastliches Etablissement, das sich »Chez Papa« nannte. »Chez Papa« gehörte einem Herrn, dessen Familiennamen kein Mensch kannte und den die ganze Stadt »Olive« nannte. Olive war rosig und fett wie die Schweine, die er schwarz schlachtete.
Dicke Rauchschwaden hingen in den Räumen von »Chez Papa«, fluoreszierend schillerte das Licht der Lampen. Zu dieser frühen Abendstunde besprachen Olives Gäste bei einem Apéritif ihre Geschäfte und bereiteten sich seelisch auf ein Schwarzmarkt-Abendessen vor.
Eine Zigarette im Mundwinkel, lehnte Olive hinter der nassen Theke, als Thomas Lieven eintrat. Seine kleinen Augen blinzelten gutmütig: »Bonsoir, Monsieur. Was soll es sein? Ein kleiner Pastis?«
Es war Thomas Lieven zu Ohren gekommen, daß Olive seinen Schnaps selber herstellte, und zwar mit einem etwas unheimlichen Ausgangsprodukt, nämlich mit Spiritus aus dem Anatomischen Institut. Nichts gegen Spiritus! Aber angeblich wurde solcher verwendet, der im Anatomischen Institut bereits zu Konservierungszwecken von Leichenteilen gedient hatte, bevor er gestohlen worden war. Es hieß, daß Olives »Pastis« bei einzelnen Konsumenten akute Anfälle von Irrsinn hervorgerufen hätte.
So sagte Thomas: »Geben Sie mir einen doppelten Kognak, aber echten!«
Er bekam ihn.
»Hören Sie, Olive, ich muß mit Bastian sprechen.«
»Bastian? Kenne ich nicht.«
»Klar kennen Sie ihn. Er hat seine Wohnung hinter Ihrem Lokal. Ich weiß, daß man nur durch Ihre Kneipe zu ihm kommen kann. Ich weiß auch, daß er sich jeden Besucher durch Sie annoncieren läßt.«
Olive blies die Hamsterbacken auf, und seine Augen wurden plötzlich tückisch: »Bist wohl so ein kleiner Scheißer von der Polente, wie? Hau bloß ab, Junge, ich habe hier ein Dutzend Kameraden an der Hand, die dir die Fresse massieren, wenn ich bloß pfeife.«
»Ich bin nicht von der Polente«, sagte Thomas und trank einen Schluck aus dem Kognakglas. Dann zog er seine geliebte Repetieruhr heraus. Er hatte sie durch alle Fährnisse, ja sogar vor der costaricanischen Konsulin gerettet, hatte sie aus Portugal über Spanien glücklich nach Marseille gebracht. Jetzt ließ er sie schlagen.
Der Wirt schaute erstaunt zu. Dann fragte er: »Woher weißt du denn, daß er hier wohnt?«
»Von ihm selber. Los, sag ihm, sein lieber Freund Pierre will ihn sprechen. Und wenn er seinen lieben Freund Pierre nicht sofort empfängt, dann ist in fünf Minuten was los hier …«
5
Mit ausgebreiteten Armen und einem strahlenden Lächeln kam Bastian Fabre auf Thomas Lieven zu. Jetzt standen sie sich gegenüber in dem engen Gang, der die Kneipenküche mit Bastians Wohnung verband. Mit seinen Riesenpfoten schlug er Thomas auf die Schulter. »Ist das aber eine Freude, mein Kleiner! Ich wollte dich gerade suchen gehen!«
»Nimm sofort deine Flossen weg, du Gauner«, sagte Thomas böse. Er stieß Bastian zur Seite und ging in die Wohnung hinein.
Im Vorzimmer sah es ziemlich wüst aus. Autoreifen, Benzinkanister und Zigarettenkartons lagen herum. Im nächsten Zimmer gab es einen großen Tisch und darauf eine komplette elektrische Spielzeugeisenbahn mit gewundenen Schienen, Übergängen, Bergen, Tälern, Tunnels und Brücken.
Höhnisch fragte Thomas: »Hast du hier einen Kindergarten?«