Bastian und Thomas stritten weiter. Sie regten sich immer mehr auf dabei. Chantal hingegen wurde immer ruhiger, gefährlich ruhig.
Die Arme in die Seiten gestemmt, die Daumen im Ledergürtel, so wippte sie mit dem rechten Schuh, und ihr linker Nasenflügel zitterte. Sehr leise fiel sie zuletzt Bastian ins Wort: »Reg dich nicht auf. Das ist deine Wohnung. Der kleine Idiot muß hier mal erst rauskommen – und Cousteau und Siméon rein.«
Thomas zuckte die Schultern und ging zur Tür. Mit einem Sprung stand Bastian vor ihm. Er hielt einen schweren Revolver in der Hand. »Wo willst du hin?«
»Chez Papa. Telefonieren.«
»Noch einen Schritt, und ich leg’ dich um.« Bastians Atem kam rasselnd. Klick, machte der Sicherungshebel der Waffe.
Thomas trat zwei Schritte vor. Nun berührte der Lauf des Revolvers seine Brust. Er machte noch zwei Schritte.
Bastian stöhnte und wich zwei Schritte zurück. »Kleiner – sei vernünftig … Ich – ich leg’ dich wirklich um …«
»Laß mich gehen, Bastian.« Thomas machte noch einen Schritt. Bastian stand nun mit dem Rücken gegen die Tür. Thomas griff nach der Klinke.
Bastian ächzte: »Warte doch! – Was werden die Schweine denn machen mit der schönen Sore? Vertun und verschieben und verpulvern – Polizei – Staat – Geheimdienst – Vaterland … Was denn, das sind doch alles nur Ganoven!«
Thomas drückte die Klinke herab; hinter Bastian schwang die Tür auf. Bastian war jetzt kreidebleich. Er starrte Chantal an und ächzte: »Chantal, tu doch was – hilf mir doch … Ich – ich kann ihn doch nicht umlegen …«
Thomas hörte ein Geräusch und drehte sich um. Chantal war auf den Rand des Bettes gesunken. Mit ihren kleinen Fäusten schlug sie auf die Barren, auf das Kruzifix, die Münzen.
Ganz hoch, gebrochen, kam ihre Stimme: »Laß ihn gehen, den Idioten, laß ihn gehen …« Tränen liefen über ihr schönes Katzengesicht, sie weinte verzweifelt. Schluchzend sah sie zu Thomas auf. »Geh schon … Ruf Siméon … Er kann alles holen … Oh, du Schuft, hätt’ ich dich doch nie getroffen – und ich hab’ mich so furchtbar gefreut …«
»Chantal! «
»… ich wollte Schluß machen mit allem – wegziehen mit dir – weit weg, in die Schweiz. Ich hab’ doch nur an dich gedacht … Und jetzt …«
»Chantal, Liebling –«
»Nenn mich nicht Liebling, du Scheißkerl!« schrie sie auf. Dann fiel sie kraftlos vorwärts. Ihre Stirn traf mit einem häßlichen Geräusch den Münzenberg. So blieb Chantal liegen. Sie weinte und weinte, als ob sie niemals mehr würde aufhören können.
7
»Ziehen Sie sich aus«, sagte zu dieser Zeit der hübsche junge Justizwachtmeister Louis Dupont. Er stand im Einlieferungsraum des Polizeigefängnisses in der Präfektur von Marseille. Zwei Gefangene waren eben zu ihm gebracht worden, der rosige, wohlgepflegte und wohlparfümierte Jacques Bergier und der jüngere, hagere Paul de Lesseps.
»Was sollen wir?« fragte Lesseps böse. Seine eiskalten Haifischaugen schlossen sich zu Schlitzen, die Lippen waren zwei blutleere Striche.
»Sie müssen sich ausziehen«, sagte Dupont. »Ich will sehen, was Sie in den Kleidern haben. Und am Körper.«
Bergier kicherte: »Was glauben Sie denn, was wir am Körper haben, junger Freund?« Er trat vor und öffnete seine Weste. »Kommen Sie, durchsuchen Sie mich mal nach Waffen!« Er nahm die Krawatte ab und knöpfte das Hemd auf. Dupont half ihm aus den Ärmeln.
Bergier kreischte: »Nicht doch, junger Freund, ich bin ja so kitzlig!«
»Schluß jetzt«, sagte Paul de Lesseps.
»Eh?« Dupont drehte sich um.
»Ich habe jetzt genug. Rufen Sie den Gefängnisdirektor her. Augenblicklich.«
»Hören Sie mal, in dem Ton …«
Paul de Lesseps’ Stimme war fast nur noch ein Flüstern. »Maul halten. Können Sie lesen? Da!« Er hielt dem jungen Beamten einen Ausweis hin. Es war ein Ausweis in deutscher und französischer Sprache, und das Dokument besagte, daß Herr Paul de Lesseps im Auftrag des deutschen Reichssicherheitshauptamtes arbeitete.
»Ach, bei dieser Gelegenheit«, sagte Bergier und holte mit gezierten Bewegungen aus seiner Gesäßtasche eine malvenfarbene Brieftasche hervor, die nach Juchten duftete. Derselben entnahm er ebenfalls einen Ausweis. Beide Dokumente waren ausgestellt von einem gewissen Walter Eicher, Sturmbannführer, SD Paris.
Hochmütig sprach de Lesseps: »Der Herr Sturmbannführer ist von unserer Verhaftung umgehend in Kenntnis zu setzen. Wenn Sie das nicht augenblicklich in die Wege leiten, haben Sie sich alle Folgen selber zuzuschreiben.«
»Ich – ich verständige meinen Vorgesetzten«, stotterte Louis Dupont. Seit er die Ausweise gesehen hatte, waren ihm die beiden Kerle noch widerlicher geworden. Marseille lag im unbesetzten Frankreich. Aber immerhin … SD … Gestapo … Dupont wollte keinen Ärger. Er griff nach dem Telefonhörer.
8
– 7 dez 1940 – 17 uhr 39 – fs von präfektur marseille an kriminalpolizei paris – heute 15 uhr 30 bahnhof saint charles festgenommen 1) paul de lesseps und 2) jacques bergier – wegen gold- und devisenschmuggels – 1) zeigt deutschen sd-Ausweis nr 456 832 serie rot und 2) deutschen sd-ausweis nr 11 165 serie blau – beide ausgestellt von sd-sturmbannführer walter eicher – bitte sofort feststellen ob verhaftete tatsächlich im auftrag des sd arbeiten – ende – ende –
9
»De Lesseps? Bergier?« Sturmbannführer Walter Eicher lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und lief rot an. Wütend brüllte er in den Telefonhörer, den er am Ohr hielt: »Jawohl, ich kenne die beiden! Jawohl, sie arbeiten für uns! Geben Sie nach Marseille durch, daß man die Herren festhalten soll. Wir kommen und holen sie ab.«
Der französische Beamte am anderen Ende der Leitung bedankte sich höflich für die Auskunft.
»Nichts zu danken. Heil Hitler!« Eicher knallte den Hörer in die Gabel und brüllte: »Winter!«
Aus dem Nebenzimmer kam sein Adjutant gestürzt. Die Herren gingen ihrer makabren Tätigkeit im vierten Stock einer pompösen Villa der Avenue Foch zu Paris nach. Der Mann, der Winter hieß, schnarrte: »Sturmbannführer?«
»De Lesseps und diese alte Tunte, Bergier, sind in Marseille hochgegangen«, fauchte der Mann, der Eicher hieß.
»Um Gottes willen, wieso?«
»Weiß ich noch nicht. Zum Verzweifeln ist das. Arbeiten wir hier eigentlich nur mit Idioten? Stellen Sie sich vor, wenn Canaris etwas davon erfährt! Das wäre doch ein Fressen für ihn! SD kauft das unbesetzte Frankreich aus!«
Das Reichssicherheitshauptamt und die Abwehrorganisation des Admirals Canaris haßten einander wie ein böser Hund eine böse Katze. Die Befürchtungen des Sturmbannführers Eicher bestanden zu Recht. Er knurrte: »Lassen Sie den schwarzen Mercedes nachsehen, Winter. Wir fahren nach Marseille runter.«
»Heute noch?«
»In einer Stunde, Mensch. Damit wir morgen früh da sind! Wir müssen die beiden Idioten rausholen, bevor sie quatschen!«
»Jawohl, Sturmbannführer!« brüllte Winter. Er schmiß die Tür hinter sich ins Schloß. Immer derselbe Ärger. Ein Scheißberuf ist das. Jetzt kann ich wieder der süßen Zouzou absagen. Zwölf Stunden mit dem Ollen im Wagen. Die Nacht um die Ohren. Zum Heulen.
Vierundzwanzig Stunden später hielt Chantal Tessier in Marseille im Hinterzimmer des Cafés »Brûleur de Loup« eine Betriebsversammlung ihrer Bande ab, bei der es, gelinde gesagt, stürmisch zuging.
Die französischen Schleichhändler und spanischen Paßfälscher, die leichten Mädchen aus Korsika und die Verschwörer und Totschläger aus Marokko, die alle in den vorderen Lokalitäten ihren Geschäften nachgingen, blickten immer wieder mißbilligend zu der Tür im Hintergrund, an welcher eine Tafel mit der Aufschrift baumelte: