GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT
Eine laute geschlossene Gesellschaft war das! Endlich öffnete sich die Tür, und die Kaffeehausgäste (per saldo 500 Jahre Zuchthaus, kulant gerechnet) sahen den ihnen allen wohlbekannten Bastian Fabre in eine Telefonzelle neben der Theke treten. Er machte einen verstörten Eindruck …
Bastian wählte die Nummer des Restaurants »Chez Papa«. Olive, der Wirt, meldete sich. Bastian wischte sich den Schweiß von der Stirn, zog nervös an seiner schwarzen Zigarre und sagte hastig: »Hier Bastian. Ist der Mann bei dir, der mich gestern nachmittag besucht hat?« Er hatte Thomas aufgefordert, den Ausgang der Sitzung in »Chez Papa« abzuwarten.
Olives Stimme klang überschattet. »Der ist da, ja. Spielt Poker mit meinen Gästen am Stammtisch. Gewinnt dauernd.«
»Ruf mir den Mann mal an den Apparat.« Bastian nahm einen tiefen Zug aus der Zigarre und öffnete die Zellentür, um den Rauch hinauszulassen. Dieser verdammte Pierre – er verdiente es einfach nicht, daß man sich um ihn Sorgen machte.
Vor vierundzwanzig Stunden erst hatte der Kerl diese Brüder vom Geheimdienst herbeigerufen, und die ganze schöne Sore war abgeholt worden. Gott sei Dank, nicht die ganze schöne Sore, dachte Bastian. Während Thomas ans Telefon gegangen war, hatte er mit Chantal schnell noch ein paar Pretiosen und eine erkleckliche Menge Goldmünzen beiseite geräumt … Aber was war das schon, verglichen mit dem millionenschweren Rest? Man durfte gar nicht daran denken …
»Hallo, Bastian! Na, mein Alter, wie steht’s?«
Bastian hörte voller Grimm, wie gleichmütig die Stimme dieses vertrottelten Kerls klang. Er sagte: »Pierre, ich bin dein Freund – trotz allem. Darum einen Rat: Verschwinde. Aber augenblicklich. Es ist keine Minute zu verlieren.«
»Nanu, warum denn?«
»Hier auf der Betriebsversammlung geht alles hinten hinaus. Chantal hat ihren Rücktritt angeboten.«
»Um Gottes willen!«
»Sie hat geweint …«
»Ach, Bastian, wenn du wüßtest, wie peinlich mir das alles ist …«
»Unterbrich mich nicht, Trottel. Sie hat gesagt, daß sie dich liebt – daß sie dich versteht … Darauf ist ein großer Teil der Bande weich geworden …«
»Ah, l’amour! Vive la France!«
»… aber nicht alle. Da ist eine Gruppe um den hinkenden François. Du kennst ihn doch, Pferdefuß nennen wir ihn …«
Thomas kannte ihn nicht, er hatte aber von ihm gehört. »Pferdefuß« war das älteste Mitglied der Bande, er verdankte den Namen zu gleichen Teilen seinem Hinken, seiner Gewalttätigkeit und seinen Methoden bei der Eroberung eines weiblichen Wesens.
»… Pferdefuß ist dafür, dich umzulegen …«
»Charmant.«
»… er hat nichts gegen dich, sagt er, aber dein Einfluß auf Chantal ist verheerend. Du weichst sie auf …«
»Na, na!«
»… du bist der Untergang unserer Bande. Um Chantal zu schützen, sagt er, muß man dich umlegen … Pierre, hau ab! Mach, daß du wegkommst.«
»Im Gegenteil.«
»Was?«
»Hör mal genau zu, Bastian«, sagte Thomas Lieven. Das tat sein Freund, kopfschüttelnd zuerst, zweifelnd sodann, einverstanden zuletzt. Er knurrte: »Na schön, wenn du dir das zutraust. Also dann in zwei Stunden. Aber alles auf deine Verantwortung!« Er hängte auf und ging zurück in das verqualmte Hinterzimmer, in welchem der hinkende François, genannt Pferdefuß, gerade leidenschaftlich dafür plädierte, diesen Jean Leblanc oder Pierre Hunebelle, oder wie er auch immer heißen mochte, in ein besseres Jenseits zu befördern.
»… im Interesse von uns allen«, sagte er eben und stieß dabei die Spitze eines ungemein dünnen, ungemein scharfen Klappmessers in die Tischplatte. Dann fuhr er Bastian an: »Wo warst du?«
»Ich habe mit Pierre telefoniert«, antwortete dieser ungerührt. »Er lädt uns alle zum Essen ein. In zwei Stunden. In meiner Wohnung. Er meint, wir könnten dann alles in Ruhe besprechen.«
Chantal schrie auf. Plötzlich redeten alle durcheinander. »Ruhe!« brüllte der hinkende François. Es wurde still.
»Mut hat der Kerl«, sagte François beeindruckt. Dann lächelte er böse. »Na schön, Kollegen, laßt uns hingehen …«
10
»Meine Herren, ich begrüße Sie«, sagte Thomas Lieven. Er küßte der bleichen Bandenchefin, die am Ende ihrer Nervenkraft angelangt war, die Hand.
Die fünfzehn Ganoven drängten in Bastians Wohnung, grinsend zum einen Teil, verbissen und drohend zum anderen. Sie erblickten eine festlich gedeckte Tafel. Mit Hilfe von Olive hatte Thomas sie errichtet – auf Bastians großem Eisenbahntisch. Die Berge, Täler, Brücken, Flüsse und Bahnhöfe hatte er entfernt, aber ein Schienenstrang lief auch noch auf dem weißen Tischtuch von einem Ende der Tafel zum andern, vorbei an Gläsern, Tellern und Bestecken.
»Wohlan«, sprach Thomas händereibend. »Wenn ich die Herrschaften bitten dürfte, Platz zu nehmen. Chantal an der Tête, ich muß aus bestimmten Gründen am anderen Ende der Tafel sitzen. Bitte, meine Herren, machen Sie es sich gemütlich. Verschieben Sie Ihre Mordabsichten noch ein Weilchen.«
Miteinander flüsternd, murmelnd und noch sehr argwöhnisch setzten sich die Männer. Vor Chantals Platz stand eine Vase mit roten Treibhausrosen.
Thomas hatte an alles gedacht …
Olive und zwei seiner Kellner servierten den ersten Gang, Käsesuppe. Thomas hatte sie in der Küche von »Chez Papa« zubereitet. Auch das Geschirr und das Besteck stammten aus der Kneipe. »Gesegnete Mahlzeit«, wünschte Thomas. Er saß am Ende des Tisches. An seinem Platz standen geheimnisvolle Gegenstände. Niemand konnte sie erkennen, da Servietten darüber gedeckt waren. Unter diesen Tuchhügeln endete der Schienenstrang.
Schweigsam verzehrten die Herren die Suppe. Immerhin: Sie waren Franzosen, und sie wußten gutes Essen zu würdigen.
Menu • 8. Dezember 1940
Ein groteskes Essen rettet Thomas Lievens Leben.
Käsesuppe
Kaninchenragout mit breiten Nudeln
Überraschungspastete mit Champignonsauce
Käsesuppe: Man nehme reichlich geriebenen Parmesankäse, weiche ihn in Milch ein und verquirle ihn gründlich. – Man rühre den geriebenen Käse dann vorsichtig, weil er leicht gerinnt, in kochende Fleischbrühe ein, nehme die Suppe vom Feuer und ziehe sie mit Eigelb ab.
Kaninchenragout: Man nehme ein großes junges, gut abgehäutetes Kaninchen und zerhacke es in mittlere Portionsstücke. – Man zerlasse in einer Kasserolle 125 Gramm gewürfelten, durchwachsenen Speck, lasse die Fleischstücke darin von allen Seiten anbraten, füge die Leber, einige kleine Schalotten und feingeschnittene Zwiebeln sowie eine zerdrückte Knoblauchzehe hinzu. – Man streue, sobald alles bräunt, etwas Mehl darüber, verrühre es gut und gieße allmählich mit einem halben Liter kochendem Wasser oder Fleischbrühe auf. Man würze mit Salz, Pfeffer, Gewürzkörnern, Wacholderbeeren und etwas Zitronenschale, gieße die Hälfte einer halben Flasche Rotwein hinzu. – Man lasse das Gericht auf kleiner Flamme schmoren, bis das Fleisch ganz weich ist, gebe dann den Rest des Rotweins hinzu und lasse noch kurz dämpfen. – Man reiche dazu breite Nudeln, die in Salzwasser gekocht und nach dem Abtropfen in Butter geschwenkt wurden.
Überraschungspastete: Man nehme je ein entsprechend der Personenzahl großes Stück Kalbs-, Schweine- und Rinderfilet, die in ihrer Länge dem halben Durchmesser einer großen Tortenform entsprechen.
Man häute das Fleisch gut ab und brate es dann in Butter auf allen Seiten leicht an, salze und pfeffere es. – Man lege Boden und Rand der Tortenform mit Blätterteig aus und ordne die abgekühlten Fleischstücke so an, daß ihre schmalen Enden in die Mitte kommen. – Man nehme die Verteilung des Fleisches so vor, daß möglichst je ein Drittel des Bodens mit einer Fleischsorte belegt ist. – Man markiere oben am Teigrand die Stelle, an der eine Fleischsorte aufhört und die andere anfängt, und übertrage die Markierung gleich auf den daraufgelegten Blätterteigdeckel. Von diesen Stellen aus führe man eine Teigblättchenverzierung zur Mitte hin, so daß eine äußerliche Dreiteilung der Pastete entsteht. – Man schneide zudem aus dem Teig ein Schwein, ein Kalb und ein Rind aus und verziere damit die entsprechenden Drittel, so daß man weiß, welches Fleisch darunter liegt. – Man bestreiche die Pastete mit Eigelb und backe sie bei mittlerer Hitze, bis sie eine schöne goldfarbene Bräunung hat. Man reiche dazu eine Champignonsauce, die folgendermaßen zubereitet wird: Man nehme einige feingehackte Schalotten, dünste sie in Butter leicht an, lasse dann reichlich blätterig geschnittene Champignons mitschmoren. Man streue etwas Mehl darüber, verrühre es gut und fülle dann mit Fleischbrühe auf. Man lasse auf kleiner Flamme dünsten, bis die Pilze weich sind, gebe dann Sahne an die Sauce, die hell geblieben sein muß, würze mit Salz, Pfeffer und etwas Zitronensaft und ziehe mit Eigelb ab. – Man kann nach Belieben noch einen Schuß Weißwein dazugeben.