VON: ABWEHR KÖLN
AN: CHEF ABWEHR BERLIN
GEHEIM 135892/VC/40/LV
Aus Lissabon zurückgekehrt, gestatte ich mir ergebenst, Herrn Admiral den Tod des Doppelagenten und Verräters Thomas Lieven, alias Jean Leblanc, zu melden …
Lange Zeit saß Canaris reglos. Dann nahm er den Hörer ab. Die Stimme des Admirals klang sehr leise, sehr verhangen und sehr gefährlich: »Fräulein Sistig, verbinden Sie mich doch bitte mit der Abwehr Köln. Major Fritz Loos …«
12
An dieser Stelle unseres Berichtes halten wir es für richtig, völlig unwichtige Tage zu überspringen, jedoch von einem Abend zu erzählen, der harmonisch und unauffällig begann und dennoch allerschwerste Folgen haben sollte.
Am stürmischen Abend des 28. Dezember 1940 hörte Thomas Lieven die 22.30-Uhr-Nachrichten des Londoner Rundfunks in französischer Sprache. Thomas hörte jeden Abend Radio London, ein Mann in seiner Lage mußte wohlinformiert sein.
Er befand sich in Chantals Schlafzimmer. Seine schöne Freundin lag schon im Bett. Sie hatte das Haar hochgesteckt, und ihr Gesicht war ohne Schminke.
Thomas hatte sie am liebsten so. Er saß bei ihr, und sie streichelte seine Hand, während sie beide der Stimme eines Nachrichtensprechers lauschten:
»… rührt sich in Frankreich vermehrt der Widerstand gegen die Nazis. Gestern nachmittag flog auf der Strecke Nantes–Angers in der Nähe von Varades ein deutscher Truppentransport in die Luft. Die Lokomotive und drei Waggons wurden vollständig vernichtet. Mindestens fünfundzwanzig deutsche Soldaten wurden getötet, weit über hundert wurden zum Teil schwer verletzt.« Noch strichen Chantals Finger über Thomas Lievens Hand.
»… als Vergeltungsmaßnahme haben die Deutschen sofort dreißig französische Geiseln erschießen lassen …«
Chantals Finger hielten an.
»… doch der Kampf geht weiter, und er hat eben erst begonnen. Eine gnadenlose Untergrundbewegung verfolgt und jagt die Deutschen bei Tag und bei Nacht. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, fielen der Résistance in Marseille kürzlich gewaltige Mengen von Gold, Devisen und Wertgegenständen in die Hände, die aus Raub- und Plünderungsaktionen der Nazis stammen. Diese Mittel werden ausreichen, um den Kampf auszudehnen und zu erweitern. Das Attentat von Varades wird nicht das einzige bleiben …«
Thomas war bleich geworden. Er ertrug die Stimme nicht mehr; er schaltete den Apparat ab. Chantal lag still auf dem Rücken und sah ihn an. Und plötzlich konnte er auch ihren Blick nicht ertragen.
Er stöhnte auf und stützte den Kopf in beide Hände. Und in seinem Schädel dröhnte es: fünfundzwanzig Deutsche. Dreißig Franzosen. Über hundert Verwundete. Erst ein Anfang. Der Kampf geht weiter. Finanziert mit gewaltigen Mengen von Nazi-Gold und Nazi-Devisen. Erbeutet in Marseille … Unglück, Blut und Tränen. Finanziert durch wen? Durch wessen Hilfe?
Thomas Lieven hob den Kopf. Immer noch sah Chantal ihn reglos an. Er sagte leise: »Ihr hattet recht – Bastian und du. Wir hätten das Zeug behalten sollen. Ihr hattet einen feinen Instinkt. Siméon und den französischen Geheimdienst betrügen – das wäre bei weitem das kleinere Übel gewesen.«
»Bei allem, was wir bisher angestellt haben, ist noch nie ein Unschuldiger ums Leben gekommen«, sagte Chantal leise.
Thomas nickte. Er sagte: »Ich sehe ein, ich muß mein Leben ändern. Ich habe altmodische Vorstellungen. Ich habe falsche, gefährliche Begriffe von Ehre und Treue. Chantal, weißt du noch, was du mir damals in Lissabon vorschlugst?«
Sie richtete sich schnell auf. »Mein Partner zu werden.«
»Von heute an, Chantal, bin ich’s. Ohne Gnade, ohne Mitleid. Ich habe die Schnauze voll. Ran an die Sore!«
»Süßer, du sprichst ja schon wie ich!«
Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn wild.
Mit diesem Kuß wurde ein sehr seltsames Bündnis besiegelt, eine Arbeitsgemeinschaft, über die man in Marseille noch heute spricht – und mit Grund. Denn zwischen Januar 1941 und August 1942 wurde der Süden Frankreichs von einem wahren Erdbeben, von einer Sturmflut krimineller Geschehen heimgesucht, die in beinahe märchenhafter Weise eines gemeinsam hatten: Niemand empfand Mitleid mit den Geschädigten.
Das erste Opfer war der Marseiller Juwelier Marius Pissoladière. Wenn es am 14. Januar 1941 in Marseille nicht geregnet hätte, wäre diesem Herrn vielleicht der tragische Verlust von weit über acht Millionen Franc erspart geblieben. Aber ach, es goß in Strömen von morgens bis abends, und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Marius Pissoladières eleganter Laden lag an der Cannebière, der Hauptstraße von Marseille. Monsieur Pissoladière war ein steinreicher Mann, fünfzigjährig, zu Fettleibigkeit neigend, stets nach der letzten Mode gekleidet.
In früheren Jahren hatte Pissoladière seine Geschäfte mit der internationalen Gesellschaft der Riviera abgewickelt. In letzter Zeit war ein neuer Kundenkreis an ihn herangetreten – ein ebenso internationaler. Pissoladière verhandelte mit Flüchtlingen aus allen Ländern, die Hitler überfallen hatte. Pissoladière kaufte den Flüchtlingen ihren Schmuck ab. Sie brauchten Geld, um weiterfliehen, um Beamte bestechen, Einreisegenehmigungen erlangen, falsche Pässe bestellen zu können.
Zu dem Zweck, die Flüchtlinge möglichst elend zu bezahlen, operierte der Juwelier nach einem denkbar einfachen System: Er handelte Tage und Wochen mit den Verkäufern. So lange, bis die Verzweifelten unter allen Umständen Geld haben mußten. Wenn es nach Pissoladière ging, konnte der Krieg ruhig noch zehn Jahre dauern!
Nein, Herr Marius konnte wirklich nicht klagen. Die Geschäfte gingen bestens. Und alles wäre wohl weiter gutgegangen, wenn es am 14. Januar 1941 in Marseille nicht geregnet hätte …
Am 14. Januar 1941, gegen die elfte Vormittagsstunde, betrat ein Herr von etwa fünfundvierzig Jahren das Juweliergeschäft von Marius Pissoladière. Der Herr trug Homburg, kostbaren Stadtpelz, Gamaschen und dezent grau-schwarz gestreifte Hosen. Ach ja, und einen Regenschirm natürlich!
Ergreifend vornehm, dieses schmale, bleiche Aristokratengesicht, fand Pissoladière. Müder Reichtum. Uraltes Geschlecht. Genau das, was der Juwelier bei seinen Käufern liebte …
Pissoladière war allein im Laden. Händereibend, mit untertänigem Blick, verbeugte er sich vor seinem Kunden und wünschte einen guten Morgen.
Der elegante Herr erwiderte Pissoladières Gruß durch ein müdes Neigen des Kopfes und hängte seinen Schirm (mit der Bernsteinkrücke) an die Kante der Ladentheke.
Als er redete, erwies sich seine Sprache ein wenig provinziell akzentuiert. Aristokraten, überlegte Pissoladière, tun das wohl, um ihre soziale Gesinnung zu dokumentieren. Menschen wie du und ich. Großartig! Der Herr sprach: »Ich möcht’ bei Ihnen – hm, ein bißchen Schmuck kaufen. Man sagte mir im ›Bristol‹, daß Sie so was in guter Auswahl hätten.«
»Den schönsten Schmuck von Marseille, Monsieur. Und woran haben Monsieur gedacht?«
»Na ja, halt an ein – hm – Armband mit Brillanten oder so was …«
»Haben wir in allen Preislagen. Was wollen Monsieur etwa anlegen?«
»So zwischen – hm – zwei und – hm, drei Millionen«, erwiderte der Herr und gähnte.
Donnerwetter, dachte Pissoladière. Der Morgen hat es in sich! Er trat an einen großen Tresor, stellte das Kombinationsschloß ein und sagte dabei: »In dieser Preislage gibt es natürlich schon sehr schöne Stücke.«
Die dicke Stahltür schwang zurück. Pissoladière wählte neun Brillantarmbänder aus und legte sie auf ein schwarzes Samttablett. Mit diesem trat er vor den Kunden.
Die neun Armbänder glitzerten und brannten in allen Farben des Regenbogens. Der Herr betrachtete sie lange schweigend. Dann nahm er ein Bracelet in die schmale, wohlmanikürte Hand. Es war ein besonders schönes Stück mit kostbaren, flachen Baguetten und sechs zweikarätigen Steinen.