»Wie teuer – hm – ist das hier?«
»Drei Millionen, Monsieur.«
Drei Millionen Franc waren 1941 etwa 150 000 Mark. Das Armband stammte von der Gattin eines jüdischen Bankiers aus Paris. Pissoladière hatte es für 400 000 Franc erhandelt, besser: herausgepreßt.
»Drei Millionen ist zuviel«, sagte der Herr.
Pissoladière erkannte daran sogleich den versierten Schmuckkäufer. Nur Laien akzeptieren den Preis widerspruchslos, den ein Juwelier ihnen zuerst nennt. Ein gewaltiges Handeln begann, ein zähes Hin und Her.
Da öffnete sich die Ladentür. Pissoladière sah auf. Ein zweiter Gentleman kam herein. Weniger wohlhabend gekleidet als der erste – aber immerhin, immerhin. Zurückhaltend. Dezent in Kleidung und Auftreten. Fischgrätenmustermantel. Gamaschen. Hut. Regenschirm.
Eben wollte Pissoladière den zweiten Herrn ersuchen, ein wenig zu warten, da sagte dieser: »Ich brauche nur ein neues Armband für meine Uhr.« Und damit hängte er seinen Regenschirm, so dicht es ging, neben den Regenschirm des Herrn im Stadtpelz, den er scheinbar noch nie im Leben gesehen hatte.
Und in diesem Moment war Marius Pissoladière sozusagen bereits verloren, verraten und verkauft …
13
Die beiden Herren, die einander am Vormittag des 14. Januar 1941 in Pissoladières Juweliergeschäft so fremd gegenübertraten, waren in Wirklichkeit uralte Freunde. Sie hatten sich nur in den letzten zwei Wochen äußerlich und innerlich von Grund auf verwandelt.
Vor zwei Wochen noch pflegten die beiden Herren wie Droschkenkutscher zu fluchen, auf den Boden zu spucken, knallgelbe Schuhe und Jacken mit übertrieben auswattierten Schultern zu tragen.
Bis vor zwei Wochen waren ihre Fingernägel immer schwarz und ihre Haare immer zu lang gewesen. Einen halben Monat zuvor hatten sich die beiden Herren noch als deutliche Angehörige jener geheimnisumwobenen asozialen Kaste durchs Leben bewegt, die der gute Bürger gemeinhin schaudernd »die Unterwelt« nennt.
Wem wohl fiel das Verdienst zu, in so kurzer Zeit und im Rahmen eines allerdings anstrengenden Schnellkurses aus zwei alten Ganoven zwei neue Herren zu machen – wem wohl?
Der geneigte Leser hat es erraten: einem gewissen Pierre Hunebelle, alias Jean Leblanc, alias Thomas Lieven.
Um die beiden Ganoven zunächst seelisch auf den geplanten Fischzug bei dem Juwelier Pissoladière vorzubereiten, hatte Thomas Lieven zwei Wochen zuvor ein Essen gegeben.
Das Mahl wurde in einem Hinterzimmer bei »Chez Papa« serviert, dem berühmt-berüchtigten Schwarzschlächterlokal in der Rue de Paradis, neben der Börse. Außer Thomas Lieven und seiner Geliebten, der schönen Bandenchefin Chantal Tessier, erschienen zu dem Essen nur die erwähnten beiden Ganoven – in ihrer ursprünglichen Gestalt und unter ihrem richtigen Namen: Fred Meyer und Paul de la Rue.
Sie gehörten seit Jahren zu der Bande, aber sie waren im Außendienst beschäftigt, in Toulouse. Chantals Organisation hatte Filialen. Es war ein gesund aufgebautes Unternehmen.
Paul de la Rue, Hugenotten-Nachfahre, war groß und schlank und von Beruf gelernter Bilderfälscher. Er sprach mit südfranzösischem Akzent. Trotz aller Ungepflegtheit hatte sein schmaler Schädel etwas Aristokratisches.
Fred Meyers erlernter Beruf war der eines Kassenschränkers. Er hatte auch auf den Fachgebieten Einbruch, Hoteldiebstahl und Zollbetrug dilettiert, und er sprach ebenfalls mit dem Akzent südfranzösischer Volksgenossen.
Händereibend und grinsend waren Paul und Fred zu Thomas und Chantal gekommen. Der Hugenotten-Abkomme rülpste: »Wollen wir noch ’nen kleinen Pastis trinken vorm Fressen, wie?«
»Vor dem Essen«, erwiderte Thomas Lieven eisig, »werden die Herren keinen kleinen Pastis trinken, sondern sich hinunter zum Friseur begeben. Rasieren. Haare schneiden. Hals und Hände waschen. In einem derartigen Zustand geht man nicht zu Tisch.«
»Ta gueule«, knurrte Fred, der, ebenso wie Paul, diesen Pierre Hunebelle noch nicht näher kannte. »Du kannst uns mal, Chantal ist die Chefin.«
Mit schmalen Lippen antwortete Chantal darauf: »Ihr tut, was er sagt. Geht zum Friseur. Sauerei, wie ihr ausseht.« Knurrend zogen die beiden ab.
Allein mit Thomas, bewies Chantal, daß sie ihm zuliebe zwar gewisse Eigentümlichkeiten der Kleidung aufgegeben hatte, sich aber im Inneren treu geblieben war. Wie eine Wildkatze fauchte sie ihn an: »Ich wollte dich nicht bloßstellen. Das wäre nämlich das Ende meiner Autorität vor den Brüdern, wenn es auch noch heißt, ich krache mich mit dir! Aber das ist immer noch meine Bande, kapiert?«
»Tut mir leid, dann wollen wir die Sache lieber lassen.«
»Was soll das heißen?«
»Ich bin nicht dein Angestellter. Wir sind entweder gleichberechtigte Partner – oder gar nichts.«
Sie sah ihn aus halbgeschlossenen Augen an. Sie murmelte etwas Unverständliches. Dann stieß sie mit der Faust gegen seine Schulter und knurrte, halb gereizt, halb belustigt: »Also gut – du verfluchter Hund!« Und hastig: »Bilde dir bloß keine Schwachheiten ein – von wegen, daß ich mich in dich verknallt habe oder so! Da müßte ich aber wirklich lachen. Ich brauche einfach noch ’nen guten Mann, das ist alles. Klar?«
»Klar«, sagte Thomas. Und blinzelte. Und dann tranken sie einen uralten Kognak zur Versöhnung.
Nach einer Dreiviertelstunde kamen Paul und Fred zurück. Sie sahen jetzt viel manierlicher aus. Bei der Vorspeise erklärte Chantaclass="underline" »Mal herhören. Wer gegen Pierre was sagt, kriegt es mit mir zu tun, verstanden?«
»Was denn, Chantal, du hast doch noch nie …«
»Schnauze! Pierre ist mein Partner.«
»Oh, heilige Neune, Puppe, dich hat’s aber bös erwischt«, bemerkte der Schränker. Im nächsten Moment hatte er eine schallende Ohrfeige weg, und Chantal zischte: »Kümmere dich um deinen Mist!«
»Man wird doch noch reden dürfen«, maulte Fred.
»Einen Dreck darf man dürfen!« Chantal hatte trotz ihrer Widerspenstigkeit schon einiges von Thomas gelernt: »Friß lieber anständig, du Ferkel! Hat man Töne? Zerschneidet der Kerl die Spaghetti mit dem Messer!«
»Wenn mir das Zeug doch immer wieder von der verflixten Gabel rutscht!«
Menu • 3. Januar 1941
Mit Eßkultur »organisierte« Thomas Lieven
Edelsteine und Platin …
Spaghetti Bolognese
Koteletts Robert mit Pommes frites
Sachertorte
Spaghetti Bolognese: Man nehme auf ein Pfund Spaghetti ein halbes Pfund Fleisch, am besten Rind, Schwein und Kalb gemischt, und schneide es in Würfelchen. – Man nehme die gleiche Menge in feine Ringe geschnittene Zwiebeln, dünste sie in Öl oder Butter an und lasse dann das Fleisch, eine zerdrückte Knoblauchzehe und gehackte Suppenkräuter mitschmoren. Wenn alles gut angebraten ist, füge man enthäutete und entkernte Tomaten oder Tomatenmark hinzu und lasse alles zusammen auf kleinster Flamme möglichst lange dünsten, bis eine sämige Sauce entstanden ist. – Dann lasse man die in Salzwasser nicht zu weich gekochten, auf einem Seiher mit kaltem Wasser überspülten, gut abgetropften Spaghetti in der mit Salz und Pfeffer abgeschmeckten Sauce heiß werden. – Man reiche geriebenen Parmesankäse zu dem Gericht.
Koteletts Robert: Man nehme mittelstarke Schweinekoteletts, kerbe den Fettrand etwas ein und klopfe sie. Man lege sie ohne Fetteingabe in eine sehr heiß gemachte Eisenpfanne. Man lasse die Koteletts auf jeder Seite etwa drei Minuten braten, salze und pfeffere sie, gebe ein großes Stück Butter in die Pfanne und lasse sie darin auf jeder Seite noch eine Minute braten. Man nehme die Koteletts heraus und lege sie auf eine vorgewärmte Platte. – Inzwischen hat man zu gleichen Teilen Rotwein und saure Sahne mit einem Eßlöffel scharfem Senf verrührt. Nun gieße man das Gemisch in eine Pfanne und koche den Bratfond kurz damit auf. – Man gieße diese Sauce über die fertigen Koteletts und serviere sie sofort mit Pommes frites.