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Pommes frites: Man nehme roh geschälte Kartoffeln, schneide sie in halbfingerlange, bleistiftdicke Stäbchen, wasche sie und trockne sie mit einem Tuch gut ab. – Man gebe sie in kleinen Mengen in einen Topf mit heißem Schmalz oder Öl und nehme sie mit einem Sieb heraus, sobald sie sich zu färben beginnen, lasse sie abtropfen und abkühlen. – Man mache kurz vor dem Anrichten das Fett wieder sehr heiß, lege die Kartoffelstifte nochmals hinein und lasse sie jetzt schön goldgelb fertigbacken. Man lasse sie auf Löschpapier gut abtropfen, bestreue sie mit feinem Salz und richte sie an.

Sachertorte: Man nehme 125 Gramm Butter und rühre sie schaumig, gebe 150 Gramm Zucker, 150 Gramm Mehl, fünf Eigelb, etwas Vanille und zuletzt 150 Gramm im Wasserbad geschmolzene Schokolade dazu. – Man verrühre alles sehr gut, ziehe den Schnee der fünf Eiweiß darunter, fülle die Masse in eine Tortenform und lasse sie eine halbe Stunde bei mittlerer Hitze backen. – Man nehme für den Tortenguß 90 Gramm geschmolzene Schokolade, 125 Gramm Puderzucker und zwei Eßlöffel heißes Wasser, die man auf dem Feuer tüchtig verrührt. – Man bestreiche die fertig gebackene Torte mit Aprikosenmarmelade, gieße die Glasur darüber und lasse sie eine Minute im heißen Ofen erhärten. Die Torte muß gut ausgekühlt sein, ehe man sie serviert.

»Erlauben Sie einen Tip«, sprach Thomas freundlich. »Wenn es Ihnen schon nicht möglich ist, die Spaghetti mit der Gabel auf zudrehen, dann spießen Sie mit der Gabel zunächst nur einen Mundvoll auf, nehmen mit der linken Hand den Löffel und drücken die Gabelzinken gegen seine Innenseite. So.« Thomas demonstrierte. »Nun drehen Sie die Gabel. Sehen Sie, wie gut das geht?«

Fred machte es nach. Es funktionierte.

»Meine Herren«, sagte Thomas, »in der Tat wird es notwendig sein, daß wir uns ausführlich über gute Manieren unterhalten. Gute Manieren sind das A und O jedes ordentlichen Betruges. Haben Sie schon einmal einen Bankier mit schlechten Manieren erlebt?« – Einen Bankier! Lieber Gott, ich darf gar nicht daran denken. Meine Bank in London. Mein Club. Mein schönes Heim. Vorbei. Vorbei. Vom Winde verweht.

»Gute Manieren, jawohl«, sagte Chantal gebieterisch. »Hier weht jetzt überhaupt ein anderer Wind, kapiert? Mein Partner und ich haben alles besprochen. Wir holen uns die Sore … ich meine, unsere Aktionen gelten nicht mehr jedem x-beliebigen …«

»Sondern?«

»Sondern nur noch Schweinen, die’s verdienen. Nazis, Kollaborateuren, Geheimagenten, egal welchen. Als ersten nehmen wir also diesen Pissoladière …«, begann Chantal und unterbrach, weil Olive, der dicke Wirt, persönlich das Hauptgericht brachte.

Olive liebte Thomas für dessen Kochkünste und strahlte ihn an: »Die Pommes frites selbstverständlich zweimal ins Öl geworfen, Monsieur Pierre!«

»Das habe ich auch nicht anders erwartet«, sagte Thomas herzlich. – Großer Gott, mehr und mehr gefällt mir diese Unterwelt. Wie soll das weitergehen mit mir, wenn das so weitergeht?

Thomas verteilte die Koteletts und hob sofort die Augenbrauen. »Monsieur de la Rue, Sie benützen ja die Tortengabel!«

»Da soll sich aber auch einer auskennen mit dem ganzen Teufelsbesteck!«

»Was das Besteck betrifft, meine Herren«, sagte Thomas, »so arbeite man sich stets von außen nach innen. Was man an Besteck zum letzten Gang benötigt, liegt dem Teller am nächsten.«

»Die Rattenkeller möchte ich sehen, in denen ihr aufgewachsen seid«, sagte Chantal hoheitsvoll. Und ganz fein zu Thomas: »Sprich bitte weiter, chéri.«

»Meine Herren, in Verfolgung unserer geänderten Statuten haben wir, wie gesagt, als ersten den Juwelier auf dem Kieker, will sagen, vorgemerkt. Einen ganz üblen Burschen … Monsieur Meyer – also es ist vollkommen unmöglich, daß Sie das Kotelett in die Hand nehmen und den Knochen abnagen! Wo bin ich stehengeblieben?«

»Pissoladière«, soufflierte Chantal. Jetzt sah sie Thomas sehr verliebt an. Manchmal liebte sie ihn, manchmal haßte sie ihn. Ihre Gefühle wechselten jäh, sie kannte sich selbst nicht mehr ganz genau aus. Ganz genau wußte sie nur, daß sie ohne diesen Hund, diesen elenden Hund, nicht mehr leben wollte.

»Pissoladière, richtig.« Thomas erklärte, was für ein übler Bursche der Juwelier war. Dann fuhr er fort: »Ich hasse Gewalt. Blutvergießen lehne ich ab. Einbruch durch die Decke, Überfall mit vorgehaltener Pistole und so weiter kommen also überhaupt nicht in Frage. Glauben Sie mir, meine Herren: Die neue Zeit verlangt neue Methoden. Nur die Phantasievollen werden überleben. Die Konkurrenz ist einfach zu groß. Monsieur de la Rue, man nimmt die Pommes frites nicht in die Hand, man benützt die Gabel.«

Fred Meyer erkundigte sich: »Und wie holen wir dem Pissoladière also die Sore raus?«

»Mit Hilfe von zwei Regenschirmen.«

Olive brachte den Nachtisch.

»Damit die Herren sich gleich daran gewöhnen«, sagte Thomas, »Torte wird mit der kleinen Gabel gegessen und nicht mit dem Löffel.«

Chantal sagte: »Ihr zwei werdet ordentlich ochsen müssen in den nächsten Tagen. Da ist nichts mit Sauferei und Zocken und Weibern, verstanden?«

»Herrgott, Chantal, wenn wir schon einmal in Marseille sind …«

»Erst der Coup, dann das Vergnügen, meine Freunde«, sagte Thomas. »Sie müssen lernen, wie sich Herren anziehen, wie Herren gehen, stehen und sprechen. Möglichst ohne Akzent! Und Sie müssen lernen, wie man Gegenstände unauffällig verschwinden läßt.«

»Wird kein Honiglecken sein, das kann ich euch sagen!« rief Chantal. »Ihr steht meinem Partner von morgens bis abends zur Verfügung …«

»Nur nicht nachts«, sagte Thomas und küßte ihre Hand. Sofort wurde sie dunkelrot und ärgerlich und schlug nach ihm und rief: »Ach, laß das doch – vor den Leuten, Mensch! Unausstehlich, diese Handküsserei!« Und die Bestie Chantal funkelte ihn an.

Tja, das wäre eigentlich alles. Nun können wir ohne Bedenken zum 14. Januar 1941 und jenem Augenblick zurückkehren, in welchem ein unfaßbar veränderter Fred Meyer im Juweliergeschäft des Marius Pissoladière seinen Schirm neben den Schirm eines unfaßbar veränderten Paul de la Rue hängte …

14

Danach ging eigentlich alles sehr schnell.

Der Juwelier legte Fred Meyer am unteren Ende des Ladentisches eine Reihe von Uhrbändern vor. Am oberen Ende des Ladentisches stand Paul de la Rue, über die neun funkelnden Brillanten-Bracelets geneigt. Die beiden Schirme hingen neben ihm.

So wie er es stundenlang unter der Aufsicht von Thomas Lieven geübt hatte, ergriff er nun geräuschlos das Armband, dessen Erwerb drei Millionen Franc kosten sollte, neigte sich vor und ließ es geräuschlos in den leicht geöffneten Schirm seines Freundes Meyer fallen. Die Schirmstreben waren vorher natürlich mit Watte umwickelt worden. Dann ergriff er noch zwei weitere Brillantarmbänder und verfuhr mit ihnen in der gleichen Weise.

Danach wanderte er weit von den Schirmen fort bis zum Ende des Ladens, wo es goldene Armreifen zu bewundern gab. Paul de la Rue bewunderte sie. Dabei strich er mit der rechten Hand über sein neuerdings gepflegtes Haar.

Auf dieses vereinbarte Zeichen hin entschloß sich Fred Meyer ungemein rasch zum Erwerb eines Uhrenarmbandes im Wert von 240 Franc. Er zahlte mit einem Fünftausendfrancschein.

Juwelier Pissoladière schritt zur Kasse. Er registrierte den Preis, holte Wechselgeld heraus und rief dabei zu Paul de la Rue hinüber: »Ich stehe sofort wieder zu Ihren Diensten, Monsieur!«

Pissoladière gab dem Uhrenarmbandkäufer heraus, dieser nahm seinen Regenschirm und verließ den Laden. Hätte der Juwelier ihm nachgeschaut, dann hätte er bemerkt, daß der Uhrenarmbandkäufer trotz strömenden Regens seinen Schirm nicht aufspannte. Vorerst wenigstens …