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Eilenden Fußes kehrte Pissoladière zu seinem aristokratischen Kunden zurück. Er sprach: »Und nun, Monsieur …« Aber er sprach nicht weiter. Er sah mit einem Blick, daß drei der wertvollsten Bracelets fehlten.

Zunächst glaubte der Juwelier noch an einen Scherz. Degenerierte Aristokraten haben manchmal solche Anwandlungen makabren Humors. Er lächelte Paul de la Rue schief an, machte: »Haha«, und sagte: »Monsieur, haben Sie mich erschreckt!«

Von Thomas Lieven ausgezeichnet trainiert, hob Paul unnachahmlich seine Augenbrauen und forschte: »Wie meinen Sie? Ist Ihnen nicht gut?«

»Nicht doch, Monsieur, Sie treiben den Scherz zu weit. Bitte, legen Sie die drei Armbänder wieder aufs Tablett.«

»Sagen Sie mal, sind Sie betrunken? Sie meinen, ich hätte drei Armbänder … Ach so, tatsächlich, wo sind denn die drei schönen Stücke?«

Jetzt lief Pissoladière blaurot an. Seine Stimme wurde schrilclass="underline" »Mein Herr, wenn Sie nicht sofort die Stücke hier auf den Tisch legen, muß ich die Polizei alarmieren!«

Daraufhin fiel Paul de la Rue etwas aus seiner Rolle. Er begann zu lachen.

Das Gelächter nahm dem Juwelier den letzten Rest von Beherrschung. Mit einem Griff hatte er jene Taste unter dem Ladentisch erreicht, die den Diebesalarm auslöste. Krachend fielen vor den Auslagen, der Eingangstür und dem Hinterausgang schwere Stahlgitter herab.

Marius Pissoladière hatte plötzlich einen großen Revolver in der Hand und kreischte: »Hände hoch! Keinen Schritt … Keine Bewegung!«

Lässig antwortete Paul de la Rue, die Hände hochnehmend: »Sie armer Irrer, das wird Ihnen noch leid tun.«

Wenig später erschien das Überfallkommando.

In größter Seelenruhe präsentierte Paul de la Rue einen französischen Reisepaß, lautend auf den Namen Vicomte René de Toussant, Paris, Square du Bois de Boulogne. Es war ein einwandfrei gefälschter Paß, die besten Kräfte des »Alten Viertels« hatten sich um ihn bemüht. Trotzdem zogen die Kriminalbeamten Paul de la Rue bis auf die Haut aus, durchsuchten seine Kleider und trennten die Nähte des Mantels auf.

Es war alles umsonst. Nichts kam zutage, nicht ein einziger Brillant, nicht ein einziger Splitter der drei verschwundenen Bracelets.

Die Beamten verlangten von dem falschen Vicomte den Nachweis, daß er überhaupt in der Lage gewesen wäre, drei Millionen zu bezahlen.

Lächelnd bat der Verdächtige, den Direktor des »Hôtel Bristol« anzurufen. Der Direktor des »Hôtel Bristol« bestätigte, daß der Vicomte im Hotelsafe einen Betrag von sechs Millionen deponiert hätte! Kunststück! Paul de la Rue war natürlich wirklich im »Bristol« abgestiegen und hatte sechs Millionen – Bandenkapital – im Safe deponiert!

Die Kriminalbeamten wurden nun schon bedeutend höflicher.

Als schließlich die Pariser Polizei auf ein entsprechendes Fernschreiben antwortete, am Square du Bois de Boulogne residiere tatsächlich ein Vicomte René de Toussant, sehr vermögend, Verbindungen zu den Nazis und zu der Vichy-Regierung, zur Zeit abwesend von Paris, wahrscheinlich in Südfrankreich, da ließ die Polizei Paul de la Rue mit vielen Entschuldigungen frei.

Völlig gebrochen, kalkweiß im Gesicht, stammelte auch der Juwelier Marius Pissoladière sein Bedauern hervor.

Der unauffällige Uhrenarmbandkäufer, von dem Pissoladière nur eine sehr schlechte Beschreibung geben konnte, war und blieb verschwunden …

All dies hatte Thomas Lieven vorausgesehen, als er Paul de la Rue seiner Erscheinung wegen aussuchte und einen Paß auf den Namen des Vicomtes fälschen ließ.

Mitgeholfen allerdings hatte der »Perpignan-Bote« vom 2. Januar 1941. Denn unter der Rubrik AUS DEN LANDKREISEN hatte Thomas ein Bild des nazifreundlichen Aristokraten und diesen Bericht gefunden:

»Vicomte René de Toussant, Industrieller aus Paris, ist zur Kur in dem malerischen Städtchen Font Romeu an der Pyrenäengrenze eingetroffen …«

Die Sache mit dem Regenschirm war in Marseille natürlich nicht mehr zu wiederholen. So etwas spricht sich ja schließlich herum. Dafür wurde es in Bordeaux, Toulouse, Montpellier, Avignon und Béziers lebendig. In diesen Städten machten in der nächsten Zeit Juweliere und Antiquitätenhändler trübe und verlustreiche Erfahrungen mit beschirmten Herren. Aber merkwürdigerweise stets nur solche, die einen ähnlich trüben und schäbigen Charakter wie Marius Pissoladière aufwiesen.

Dies, wir sagten es schon, war das gemeinsame Symptom aller Anschläge: Die Geschädigten taten keinem Menschen leid. Im Gegenteil! Im Süden des Landes begann man zu flüstern, daß hier eine ganz eigenwillige Art von Untergrundbewegung am Werk sei, angeführt von einer Art Robin Hood.

Durch eine Verkettung von Umständen geriet die Polizei auf eine falsche Spur, woran Thomas Lieven nicht ganz schuldlos war. Die Polizei glaubte, die Urheber der frechen Juwelendiebstähle wären in den Reihen der »Glatzenbande« zu suchen.

Eine der alteingesessenen Organisationen von Marseille wurde von einem gewissen Dantes Villeforte angeführt, einem Korsen, der aus naheliegenden Gründen den Spitznamen »Die Glatze« erhalten hatte.

Dann passierte die Sache mit den Flüchtlingstransporten nach Portugal. Auch Villeforte und seine Leute waren da ins Geschäft eingestiegen. Aber nun aktivierte Chantal ihr »Transportunternehmen« plötzlich enorm. Doch was sie machte, widersprach allen Regeln der Zunft. Sie verfuhr nach der völlig zu Unrecht veralteten Devise: Kleine Preise – großer Umsatz – guter Gewinn. Beziehungsweise sogar: Fliehen Sie gleich – bezahlen Sie später.

Man kann verstehen, daß »Die Glatze« nicht eben besserer Laune wurde, als Chantal ihm völlig das Geschäft verdarb. Denn zu ihr strömten nun die Kunden, zur »Glatze« kam kaum einer mehr.

Dann hörte »Die Glatze« plötzlich, daß all diese Neuerungen dem Weitblick und der Intelligenz von Chantals Geliebtem zuzuschreiben seien. Diesem Mann vertraute Chantal vollkommen. Dieser Mann war angeblich das Gehirn der Bande – ein vorzügliches Gehirn, wie es schien.

»Die Glatze« beschloß, sich um diesen Mann von nun an ein wenig zu kümmern.

15

Thomas Lieven residierte weiter im »Alten Viertel« von Marseille bis zu einem unheilvollen Gewitterabend im September des Jahres 1942. Er lebte bei Chantal Tessier. Die seltsame Haßliebe dieser beiden Menschen wurde immer leidenschaftlicher, immer intensiver.

Stürmisch um den Hals beispielsweise fiel die schöne Bestie ihrem kochgewandten Freund nach einem gelungenen Coup – dasselbe Hotel zweimal an deutsche Aufkäufer verkauft – im Februar 1941. Jedoch nur, um im nächsten Atemzug zu versichern: »Du widerst mich an mit deinem überlegenen Lächeln! Diese Überheblichkeit! Glaubst du, du hast alles allein gemacht, was? Wir sind bloß kleine, idiotische Kröten! Ich will dir mal was sagen: Dein Grinsen reicht mir jetzt! Ich will dich nie mehr sehen, nie mehr, hau ab!«

Also zog Thomas gottergeben zu seinem Freund Bastian. Kaum war er zwei Stunden in dessen Wohnung, da rief Chantal an. »Ich habe hier Blausäure, Veronal und einen Revolver. Wenn du nicht sofort zu mir kommst, bin ich morgen früh eine Leiche.«

»Aber du hast doch gesagt, du willst mich nie mehr sehen!«

»Du Hund – du verfluchter Hund, ich krieg’ keine Luft mehr, wenn du nicht da bist …«

Thomas kehrte umgehend heim in die Rue Chevalier à la Rose. Es gab eine Versöhnung, von der er sich zwei Tage lang erholen mußte. Danach widmete sich unser Freund mit voller Kraft der selbstgestellten Aufgabe, die Bösen im Lande zu schädigen – und dabei einen Haufen, aber wirklich einen Haufen Geld zu verdienen.

Weil das Leben Thomas Lievens so überreich angefüllt ist mit Gefahren, tollkühnen Streichen und schönen Frauen, sehen wir uns gezwungen, ökonomisch vorzugehen. Aus der Fülle seiner Unternehmungen in den Jahren 1941 und 1942 sei uns gestattet, nur drei herauszugreifen, nämlich: