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Und am 11. November gab das Oberkommando der Wehrmacht bekannt:

Deutsche Truppen haben heute früh zum Schutze des französischen Territoriums gegen die bevorstehenden amerikanisch-britischen Landungsunternehmen in Südfrankreich die Demarkationslinie zum unbesetzten Frankreich überschritten. Die Bewegungen der deutschen Truppen verlaufen planmäßig …

3. Kapitel

1

Das Zentralgefängnis von Frèsnes lag achtzehn Kilometer vor Paris. Hohe Mauern umgaben den schmutzigen mittelalterlichen Bau, der in drei Haupttrakte mit zahlreichen Nebenflügeln aufgegliedert war. Einsam und massig stand das Gefängnis in einer trostlosen Ebene mit verkrüppelten Bäumen, verfaulenden Wiesen und ungepflügten Äckern.

Im ersten Trakt saßen deutsche Gefangene, politische und Deserteure. Im zweiten Trakt saßen französische und deutsche Widerstandskämpfer. Im dritten Trakt saßen nur Franzosen.

Das Gefängnis von Frèsnes wurde von einem deutschen Hauptmann der Reserve geleitet. Das Personal war gemischt. Es gab französische Wärter und deutsche – durchweg ältere Unteroffiziere aus Bayern, Sachsen und Thüringen.

Im Flügel C von Trakt I gab es nur deutsche Wärter. Dieser Flügel C war für den SD Paris reserviert. Tag und Nacht brannte hier das elektrische Licht in den Einzelzellen. Niemals durften die Gefangenen zum Spaziergang in den Hof geführt werden. Die Gestapo hatte eine einfache Methode gefunden, ihre Gefangenen unerreichbar für jede noch so mächtige Behörde werden zu lassen: Die Insassen des Flügels C wurden in den Büchern einfach nicht geführt. Es waren tote Seelen, sie existierten praktisch schon nicht mehr …

Reglos saß in den Morgenstunden des 12. November ein junger Mann mit schmalem Gesicht und klugen schwarzen Augen auf seiner Pritsche in Zelle 67 des Flügels C. Thomas Lieven sah elend aus. Grau war seine Haut, eingefallen waren seine Wangen. Er trug einen alten Sträflingsanzug. Der Anzug war ihm viel zu groß. Thomas fror. Die Zellen waren unbeheizt.

Über sieben Wochen saß er nun in dieser scheußlichen, stinkenden Zelle. In der Nacht vom 17. zum 18. September hatten ihn seine Entführer bei Chalon-sur-Saône zwei Gestapo-Agenten übergeben. Diese hatten ihn nach Frèsnes gebracht. Und seither wartete er darauf, daß jemand kam, um ihn zu verhören. Er wartete umsonst. Das Warten fing an, ihn um seine Fassung zu bringen.

Thomas hatte versucht, Kontakt mit den deutschen Wachen aufzunehmen – umsonst. Er hatte mit Charme und Bestechung versucht, besseres Essen zu erhalten – umsonst. Es gab Wassersuppe mit Kohl, Tag für Tag. Er hatte versucht, einen Kassiber an Chantal durchzuschmuggeln. Umsonst.

Warum kamen sie nicht endlich und stellten ihn an die Mauer? Sie kamen jeden Morgen um vier und holten Männer aus den Zellen, und dann hörte man das Trampeln von Stiefeln und die Befehle und das ohnmächtige Schreien und Wimmern der Fortgeschleppten. Und die Schüsse, wenn die Gefangenen erschossen wurden. Und gar nichts, wenn sie erhängt wurden. Meistens hörte man gar nichts. Thomas fuhr plötzlich auf. Stiefel trampelten heran. Die Tür flog auf. Ein deutscher Feldwebel stand draußen – und neben ihm zwei Riesenkerle in Uniformen des SD.

»Hunebelle?«

»Jawohl.«

»Mitkommen zum Verhör!«

Nun ist es soweit, dachte Thomas, nun ist es also soweit …

Er wurde gefesselt in den Hof geführt. Hier stand ein riesiger Omnibus ohne Fenster. Ein SD-Mann stieß Thomas in einen düsteren, schmalen Gang, der durch den Bus führte und viele Türen hatte. Hinter den Türen gab es winzige Zellen, in denen man nur mit verkrampften Muskeln sitzen konnte.

In eine solche Zelle wurde Thomas geschoben. Die Tür flog zu und wurde versperrt. Den Geräuschen nach waren auch alle anderen Zellen besetzt. Es stank nach Schweiß und Angst.

Der Bus holperte los über eine Straße voller Schlaglöcher. Die Fahrt dauerte eine halbe Stunde. Dann hielt der Wagen. Thomas hörte Stimmen, Schritte, Flüche. Dann wurde seine Zelle aufgesperrt. »Rauskommen!«

Hinter einem SD-Mann her taumelte Thomas, schwindlig vor Schwäche, ins Freie. Er sah sofort, wo er sich befand: in der vornehmen Avenue Foch in Paris. Thomas wußte, daß der SD hier viele Häuser beschlagnahmt hatte.

Der SD-Mann führte Thomas durch die Halle des Hauses Nr. 84 in ein zum Büro umgewandeltes Bibliothekszimmer.

Zwei Männer saßen darin, beide in Uniform. Der eine war untersetzt, jovial und rotgesichtig, der andere sah blaß und ungesund aus. Der eine war der Sturmbannführer Walter Eicher, der andere war sein Adjutant Fritz Winter.

Stumm trat Thomas vor sie hin.

Der SD-Mann erstattete Meldung und verschwand.

In reichlich schlechtem Französisch bellte der Sturmbannführer los: »Na, Hunebelle, wie wär’s mit einem Kognak?«

Thomas war speiübel. Aber er sagte: »Danke nein, ich habe leider nicht die richtige Unterlage dafür im Magen.«

Sturmbannführer Eicher kam nicht ganz mit, was Thomas da auf französisch gesagt hatte. Sein Adjutant übersetzte es. Eicher lachte auf. Winter fuhr mit dünnen Lippen fort: »Ich glaube, wir können uns mit diesem Herrn auch deutsch unterhalten, nicht wahr?«

Thomas hatte beim Hereinkommen auf einem Tischchen einen Aktendeckel mit der Aufschrift HUNEBELLE erblickt. Es hatte keinen Sinn zu leugnen. »Ja, ich spreche auch Deutsch.«

»Na, wundervoll, wundervoll. Vielleicht sind Sie sogar ein Landsmann, wie?« Der Sturmbannführer drohte neckisch mit dem Finger. »Na? Sie kleiner Schelm! Nun sagen Sie es schon!«

Er blies Thomas eine Wolke Zigarrenrauch entgegen. Thomas schwieg.

Der Sturmbannführer wurde ernst: »Sehen Sie, Herr Hunebelle – oder wie Sie heißen mögen –, Sie glauben vielleicht, es macht uns Spaß, Sie einzusperren und zu verhören. Greuelmärchen hat man Ihnen über uns erzählt, nicht wahr? Wir tun unseren schweren Dienst nicht gerne, das kann ich Ihnen versichern. Deutsche Menschen, Herr Hunebelle, sind für so was nicht gebaut.« Eicher nickte voll Wehmut. »Aber der Dienst an der Nation verlangt es. Wir haben uns dem Führer verschworen. Nach dem Endsieg wird unser Volk die Führung aller anderen Völker der Erde zu übernehmen haben. So etwas will vorbereitet sein. Da braucht es jeden Mann.«

»Auch Sie«, warf Adjutant Winter ein.

»Bitte?«

»Sie haben uns doch beschissen, Hunebelle. In Marseille. Mit dem Gold, dem Schmuck und den Devisen.« Der Sturmbannführer lachte kehlig. »Nicht widersprechen, wir wissen es doch. Muß sagen, Sie haben es schick gemacht. Kluger Junge.«

»Und weil Sie so ein kluger Junge sind, werden Sie uns jetzt erzählen, wie Sie wirklich heißen und wo die ganzen Sachen von Lesseps und Bergier hingekommen sind«, sagte Winter leise.

»Und mit wem Sie zusammengearbeitet haben«, sagte Eicher, »das natürlich auch. Wir haben Marseille bereits besetzt. Können wir Ihre Kollegen gleich kassieren.« Thomas schwieg.

»Na?« sagte Eicher.

Thomas schüttelte den Kopf. Das alles hatte er sich so vorgestellt.

»Sie wollen nicht reden?«

»Nein.«

»Bei uns redet jeder!« Auf einmal war die leutselige Gutmütigkeit, auf einmal war das Grinsen von Eichers Gesicht weggewischt. Seine Stimme klang heiser: »Sie Scheißkerl, Sie kleiner! Habe mich schon viel zu lange unterhalten mit Ihnen!« Er stand auf, wippte in den Knien, warf die Zigarre in den Kamin und sagte zu Winter: »Los, macht ihn fertig.«

Winter führte Thomas in einen überheizten Keller hinab. Hier rief er nach zwei Männern in Zivil. Sie banden Thomas am Kessel der Zentralheizung fest. Dann machten sie ihn fertig.

So ging das drei Tage hintereinander. Omnibusfahrt von Frèsnes nach Paris. Verhör. Fertigmachen im Keller. Fahrt zurück in die ungeheizte Zelle.

Das erstemal begingen sie den Fehler, ihn zu schnell und zu brutal zu schlagen. Thomas wurde ohnmächtig.

Das zweitemal begingen sie diesen Fehler nicht mehr. Und auch nicht das drittemal. Nach dem drittenmal fehlten Thomas zwei Zähne, der Körper war an vielen Stellen wund geschlagen. Nach dem drittenmal wurde er für zwei Wochen ins Krankenhaus von Frèsnes gelegt.