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Dann fing das Ganze von vorne an.

Als der Bus ohne Fenster ihn am 12. Dezember wieder einmal nach Paris brachte, da war Thomas Lieven am Ende. Er konnte es nicht mehr ertragen, gequält zu werden. Er dachte: Ich springe aus dem Fenster. Eicher verhört mich jetzt immer oben im dritten Stock. Ja, ich springe aus dem Fenster. Wenn ich Glück habe, bin ich tot. Ach, Chantal, ach, Bastian, ich hätte euch so gern wiedergesehen …

Thomas Lieven wurde gegen zehn Uhr am 12. Dezember 1942 in das Büro von Herrn Eicher geführt. Ein Mann, den Thomas noch nie gesehen hatte, stand neben dem Sturmbannführer: groß, hager, weißhaarig. Der Mann trug die Uniform eines Obersten der Deutschen Wehrmacht mit vielen Ordensspangen und unter dem Arm einen umfangreichen Aktendeckel, auf dem Thomas Lieven das Wort GEKADOS entziffern konnte.

Eicher machte einen verärgerten Eindruck.

»Das ist der Mann, Herr Oberst«, sagte er mürrisch und hustete.

»Ich werde ihn gleich mitnehmen«, sagte der Oberst mit den vielen Auszeichnungen.

»Da es eine ›Gekados‹ ist, kann ich Sie nicht daran hindern, Herr Oberst. Bitte quittieren Sie die Übernahme.«

Um Thomas Lieven begann sich alles zu drehen, der Raum, die Männer, alles. Er stand schwankend da in seinem elenden Gefangenenanzug. Er taumelte und würgte und rang nach Luft und dachte an die Worte, die er einmal in einem Buch des Philosophen Bertrand Russell gelesen hatte: »In unserem Jahrhundert geschieht nur noch das Unvorhergesehene …«

2

Die Hände gefesselt, saß Thomas Lieven neben dem weißhaarigen Oberst in einer Wehrmachtslimousine. Sie fuhren durch die Pariser City, die sich seit den Tagen des Friedens kaum verändert hatte. Frankreich schien die Okkupation zu ignorieren. Die Straßen waren erfüllt von hektischem Leben. Elegante Frauen, eilige Männer sah Thomas Lieven, und zwischen ihnen, seltsam unbeholfen und verloren, deutsche Landser.

Der Oberst schwieg, bis sie den Villenvorort Saint-Cloud erreicht hatten, dann sagte er: »Ich höre, Sie kochen gerne, Herr Lieven.«

Mit seinem richtigen Namen angeredet, erstarrte Thomas. Überreizt und übermißtrauisch geworden durch die Torturen der letzten Wochen, arbeitete sein Gehirn.

Was bedeutet das? Was ist das für eine neue Falle? Er sah den Offizier neben sich von der Seite an. Gutes Gesicht. Klug und skeptisch. Buschige Brauen. Adlernase. Sensibler Mund. Na und? In meinem Vaterland spielen viele Mörder Bach!

Thomas Lieven sagte: »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

»Doch, doch, Sie wissen es«, sagte der Offizier. »Ich bin Oberst Werthe von der militärischen Abwehr Paris. Ich kann Ihnen das Leben retten – oder nicht, es hängt allein von Ihnen ab.«

Und damit hielt der Wagen vor einer hohen Mauer, die ein großes Grundstück umgab.

Der Fahrer hupte dreimal. Ein schweres Tor öffnete sich, ohne daß ein Mensch sichtbar wurde. Der Wagen fuhr an und hielt wieder vor der kiesbestreuten Auffahrt zu einer Villa mit gelben Mauern, französischen Fenstern und grünen Fensterläden.

»Heben Sie Ihre Hände«, sagte der Oberst, der sich Werthe nannte.

»Warum?«

»Damit ich Ihnen die Handschellen abnehmen kann. Mit den Schellen können Sie doch wohl nicht kochen. Ich würde gerne Kalbsschnitzel Cordon bleu essen, wenn es Ihnen recht ist. Und Crêpes Suzette. Ich bringe Sie in die Küche. Nanette, das Mädchen, wird Ihnen helfen.«

»Cordon bleu«, sagte Thomas schwach. Um ihn begann sich wieder alles zu drehen, während Oberst Werthe die Stahlschellen aufschloß.

»Ja, bitte.«

Noch lebe ich, dachte Thomas, noch atme ich. Was wird sich daraus noch machen lassen? Er sagte, indessen seine Lebensgeister wieder ein wenig erwachten: »Na schön. Dann wollen wir dazu vielleicht gefüllte Auberginen machen.«

Eine halbe Stunde später erklärte Thomas dem Mädchen Nanette, wie man Auberginen zubereitet. Nanette war ein schwarzhaariges, ungemein appetitliches Mädchen, das über einem ungemein engen schwarzen Wollkleid eine weiße Schürze trug. Thomas saß neben Nanette am Küchentisch. Oberst Werthe hatte sich zurückgezogen. Immerhin: Das Küchenfenster war vergittert …

Immer wieder kam Nanette ganz nahe an Thomas heran. Einmal streifte ihr nackter Arm seine Wange, einmal berührte ihre pralle Hüfte seinen Arm. Nanette war eine gute Französin; sie ahnte, wen sie da vor sich hatte. Und Thomas sah trotz der Qual und Entbehrung, die er hinter sich hatte, noch immer aus wie das, was er war: ein richtiger Mann.

»Ach, Nanette«, seufzte er schließlich.

»Ja, Monsieur?«

»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Sie sind so hübsch. Sie sind so jung, unter anderen Umständen säße ich nicht so da. Aber ich bin fertig. Ich bin kaputt …«

»Pauvre Monsieur«, flüsterte Nanette. Und dann gab sie ihm einen Kuß, ganz schnell, ganz flüchtig, und errötete dabei.

Das Essen fand in einem großen, dunkel getäfelten Raum statt, durch dessen Fenster man in den Park hinaussah. Der Oberst trug jetzt Zivil – einen ausgezeichnet geschnittenen Flanellanzug.

Nanette servierte. Immer wieder glitt ihr mitleidiger Blick über den Mann in der zerdrückten, schmutzigen Zuchthauskleidung, der sich doch betrug wie ein englischer Aristokrat. Er mußte mit der linken Hand essen, an der rechten waren zwei Finger verbunden …

Oberst Werthe wartete, bis Nanette die Auberginen serviert hatte, dann sagte er: »Delikat, wirklich delikat, Herr Lieven. Womit ist das überbacken, wenn ich fragen darf?«

»Mit geriebenem Käse, Herr Oberst. Was wollen Sie von mir?« Thomas aß wenig. Er fühlte, daß er nach den Hungerwochen, die er hinter sich hatte, seinen Magen nicht überfordern durfte.

Oberst Werthe aß mit Appetit. »Sie sind ein Mann von Prinzipien, höre ich. Sie wollen sich lieber totschlagen lassen, als dem SD etwas zu verraten oder gar für diese Sch …, diese Organisation zu arbeiten.«

»Ja.«

»Und für die Organisation Canaris?« Der Oberst nahm noch eine Aubergine.

Thomas fragte leise: »Wie haben Sie mich bei Eicher herausbekommen?«

»Ach, das war ganz einfach. Wir haben hier in der Abwehr einen guten Mann sitzen, Hauptmann Brenner. Der verfolgt Ihre Laufbahn schon lange. Sie haben sich allerhand geleistet, Herr Lieven.«

Thomas senkte den Kopf.

Menu • Paris, 12. Dezember 1942

Dabei schloß Thomas Lieven

den Pakt mit des Teufels Admiral.

Gefüllte Auberginen

Kalbsschnitzel Cordon bleu mit kleinen Erbsen

Crêpes Suzette

Gefüllte Auberginen: Man nehme große, feste Auberginen, bei uns auch Eierfrüchte genannt, schäle sie dünn und halbiere sie der Länge nach. Man höhle sie vorsichtig aus und drehe das Fruchtfleisch mit Rind- und Schweinefleisch, einer Zwiebel und einer eingeweichten Semmel ohne Rinde durch den Wolf. – Man verarbeite die Masse mit einem Ei, Salz, Pfeffer, Paprika und etwas Sardellenpaste zu einer pikanten Farce. Man fülle damit die Auberginen. – Man gieße etwas Fleischbrühe auf den Boden einer gut gebutterten Auflaufform, setzte die gefüllten Auberginen hinein, bestreue sie mit geriebenem Käse und Butterflöckchen und backe sie bei mittlerer Hitze eine halbe Stunde lang.

Cordon bleu: Man nehme zarte Kalbsschnitzel, klopfe sie gut und belege die Hälfte eines jeden mit einer Scheibe Schinken, darauf eine Scheibe Emmentaler Käse, so daß ein etwa fingerbreiter Rand frei bleibt. – Man bepinsle dann die Ränder des Schnitzels rundum mit Eiweiß und klappe die unbelegte Hälfte über die belegte, drücke die Ränder fest an. – Nun wälze man das Fleisch in Mehl, leicht gesalzenem und gepfeffertem Eigelb und Semmelbröseln und brate es dann in der Pfanne in reichlich Butter auf beiden Seiten schön goldbraun. – Man reiche dazu feine grüne Erbsen, die man leicht mit Salz und gehackter Petersilie bestreut.