»Und Rolleeeee rückwärts!«
Schon heftig schwitzend und mit schmerzenden Knochen kugelte Thomas Lieven wieder nach hinten. Den beiden Indern neben ihm rutschten die Turbane über die Augen.
Ihr dämlichen Hunde, dachte Thomas. Ich muß – aber ihr? Ihr habt euch freiwillig gemeldet, ihr Armleuchter! Der Italiener war ein Abenteurer. Der Norweger, der Ukrainer und die Deutschen waren offensichtlich Idealisten, und die beiden Inder waren Vettern des Politikers Subhas Chandra Bose, der vor zwei Jahren aus seiner Heimat nach Deutschland geflohen war.
»So, Schluß mit Rollen! Sprung auf, marsch, maaaarsch! An die Hochrecks! Bißchen dalli, ihr faulen Säcke, wird’s bald?«
Außer Atem, mit Seitenstechen und Herzbeschwerden, rasten zwölf Mann in Drillichanzügen durcheinander und begannen zu den Reckstangen emporzuklettern, die sich unter der Hallendecke, fünf Meter über dem Boden, befanden.
»Schwingen! Werdet ihr wohl ordentlich schwingen, ihr vollgefressenen Drückeberger?«
Thomas Lieven schwang.
Er kannte das alles bereits, es war ein Teil der sogenannten Bodenübungen. Man mußte lernen, sich fallen zu lassen. Aus einem Flugzeug herauszuspringen war offensichtlich kein Kunststück. Mit heilen Knochen auf dem Boden zu landen war, schien es, das schwerste.
»Noch zehn Sekunden – noch fünf Sekunden – fallen lassen!« brüllte Feldwebel Bieselang.
Zwölf Mann ließen die Hochreckstangen los und ließen sich fallen. Die Knie weich, ganz weich, der Körper elastisch, so, wie eine Katze fällt – das war der Trick. Wenn man sich steif fallen ließ, brach man sich die Knochen.
Thomas Lieven brach sich fast die Knochen, als er auf dem Hallenboden aufknallte. Er fluchte leise und rieb seine Beine.
Sofort tobte Bieselang los: »Zu dämlich zum Runterfallen, Nummer sieben, was?« Sie hatten hier alle Nummern, es wurden keine Namen genannt. »Was glauben Sie, Sie lahmer Sack, was mit Ihnen passiert, wenn Sie erst bei ’ner ordentlichen Böe mit ’m Schirm runterkommen, Mensch? Habe ich es denn nur mit Idioten zu tun?«
»Schon gut«, knurrte Thomas, sich mühsam erhebend. »Ich lerne es schon noch. Ich habe das größte Interesse daran, es zu lernen.«
Feldwebel Bieselang schrie: »Auf die Barren, marsch, maarsch! Wollt ihr wohl machen, ihr elenden, faulen Zivilisten … He, Nummer zwei, los, eine Ehrenrunde um die Halle, aber auf den Knien!«
»Ich bringe ihn um«, flüsterte der norwegische Quisling, neben Thomas hochkletternd, »ich schwöre, ich bringe ihn noch einmal um, diesen elenden Leuteschinder!«
Indessen Thomas kletterte, schwang und stand, bohrten in ihm trübe Gedanken: Keine Nachricht aus Marseille. Kein Wort von Chantal. Kein Wort von Bastian. Das Herz tat Thomas weh, wenn er daran dachte. Was für eine Zeit. War Überleben wirklich das Äußerste und Beste, was man noch verlangen durfte?
Die Deutschen hatten Marseille besetzt. Was war mit Chantal geschehen? Lebte sie noch? War sie deportiert worden, verhaftet? Gefoltert vielleicht wie er?
Schlaflos lag Thomas Lieven, wenn er aus solchen Angstträumen emporfuhr, lag da in der widerlichen Kasernenstube, in der sechs Mann schnarchten und stöhnten. Chantal – ach, und wir wollten gerade in die Schweiz fliehen und in Frieden leben – in Frieden, lieber Gott …
Thomas hatte schon vor Wochen versucht, Briefe an Chantal auf den Weg zu bringen. Noch in Paris, im Hotel »Lutetia«, hatte Oberst Werthe versprochen, einen Brief für ihn zu besorgen. Einen anderen Brief hatte Thomas in der Sprachenschule einem Dolmetscher mitgegeben, der nach Marseille fuhr. Doch Thomas hatte in den letzten Wochen andauernd die Adresse gewechselt. Wie sollte ihn ein Brief Chantals überhaupt erreichen? Der rasende Feldwebel Bieselang drillte seine zwölf Mann unbarmherzig weiter. Nach den Bodenübungen kamen die Übungen auf den betonhart gefrorenen, reifüberkrusteten Äckern. Hier wurde den Schülern ein geöffneter Fallschirm umgeschnallt. Ein auf einem Sockel montierter Flugzeugmotor wurde eingeschaltet. Der Schirm blähte sich in den gewaltigen Luftwirbeln auf und riß den Prüfling unbarmherzig übers Gelände. Er mußte lernen, ihn zu umlaufen und sich auf ihn fallen zu lassen, damit die Luft aus ihm entwich.
Es gab Schrammen und Wunden, geprellte Knie und verstauchte Gelenke. Feldwebel Bieselang hetzte seine zwölf Mann von morgens sechs bis abends sechs. Dann ließ er sie durch eine nachgebaute Ju-52-Flugzeugkabinentür aus großer Höhe in Tücher springen, die vier Schüler festhielten.
»Knie durch, Sie Trottel! Knie durch!« brüllte er.
Wenn man die Knie nicht ganz durchdrückte, traf man unten mit dem Gesicht auf – oder man verriß sich alle Muskeln. Feldwebel Bieselang lehrte seine Schüler alles, was sie wissen mußten – er lehrte nur zu grausam.
Am Abend vor dem ersten richtigen Fallschirmabsprung ließ er sie alle ihr Testament verfassen und in einem Umschlag versiegeln. Auch ihre Sachen mußten sie vor dem Schlafengehen packen: »Damit wir sie euren Angehörigen schicken können, wenn ihr morgen auf die Plauze fallt und abnibbelt!«
Bieselang redete sich ein, daß dies eine psychologische Falle war: Mal sehen, wer von den Kerlen sich ins Bockshorn jagen ließ! Sie ließen sich alle ins Bockshorn jagen – bis auf einen. Bieselang tobte: »Wo ist Ihr Testament, Nummer sieben?«
Sanft wie ein Lamm erwiderte Thomas: »Ich brauche keines. Ein Mann, der Ihre Ausbildung genossen hat, Herr Feldwebel, wird jeden Absprung unbeschädigt überstehen!«
Am nächsten Tag überschritt Feldwebel Bieselang dann endgültig seine Befugnisse. Mit den zwölf Mann der Gruppe stieg er gegen neun Uhr morgens in einer uralten, klapprigen Ju-52 auf. In zweihundert Meter Höhe flog die Maschine über das Absprunggelände. An Reißleinen aufgefädelt, standen die zwölf im Rumpf der Maschine hintereinander. Das Boschhorn des Piloten ertönte. »Fertigmachen zum Absprung!« brüllte Bieselang, der im Windschatten der offenen Luke stand. Sie trugen jetzt alle Stahlhelme, die beiden Inder trugen sie unter den Turbanen. Sie hielten alle schwere Maschinenpistolen in den Händen.
Nummer eins war der Italiener. Er trat vor. Bieselang schlug ihm auf die Schulter, der Mann breitete weit die Arme aus und sprang in Richtung auf die linke Tragfläche zu ins Leere hinaus. Die Leine, die an einer Stahlschiene eingehakt war, spannte sich und riß dem Springenden den Schutzüberzug vom Fallschirm. In der Luft wurde der Italiener sofort nach unten und hinten weggerissen.
Nummer zwei sprang. Nummer drei. Thomas dachte: Wie trocken meine Lippen sind. Ob ich in der Luft ohnmächtig werde? Ob ich zu Tode falle? Komisch, ich habe plötzlich so fürchterlichen Appetit auf Gänseleber. Ach, warum konnte ich nicht bei Chantal bleiben. Wir waren so glücklich miteinander …
Dann war Nummer sechs an der Reihe – der Ukrainer. Der Ukrainer wich plötzlich vor Bieselang zurück, stieß gegen Thomas und kreischte in jäher Panik: »Nein – nein – nein …«
Angstkoller. Typischer Angstkoller. Nicht unverständlich, registrierte Thomas Lievens Gehirn. Niemand durfte gezwungen werden zu springen – so lautete die Ausbildungsvorschrift. Wenn jemand bei zwei Flügen den Absprung verweigerte, schied er endgültig aus.
Allein, Feldwebel Adolf Bieselang kümmerte sich einen Dreck um Vorschriften. Er brüllte: »Du Scheißhund, du feige Sau, wirst du wohl …«, packte den Zitternden, riß ihn zu sich – und trat ihn wuchtig in den Hintern. Aufkreischend flog der Ukrainer hinaus.
Ehe Thomas sich noch von der Empörung über diese Szene erholt hatte, fühlte er sich schon selbst vorgerissen. Der Stiefel des Feldwebels traf auch ihn, und er stürzte, stürzte, stürzte hinein ins Leere.
5
Thomas überstand den ersten Fallschirmabsprung seines Lebens heil. Auch alle anderen landeten unbeschadet. Nur der Ukrainer brach sich das Bein. Mit der Fraktur und einem Nervenschock wurde er ins Lazarett gebracht. An diesem Nachmittag – sie übten in einer Hangarhalle das Schirmpacken – ging ein Raunen und Flüstern durch die Gruppe.