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Am 4. April 1943, kurz nach Mitternacht, überflog ein britisches Flugzeug des Typs »Blenheim« in einer Höhe von 250 Metern ein einsames Waldgebiet zwischen Limoges und Clermont-Ferrand. Es beschrieb einen gewaltigen Bogen und überflog das Waldgebiet zum zweitenmal. Darauf flammten in der Tiefe zwei Feuer auf, dann drei rote Lichtpunkte und endlich ein weißes Taschenlampensignal.
In der Kanzel des Flugzeuges mit den blau-weiß-roten RAF-Kreisen saßen zwei deutsche Luftwaffenpiloten und ein deutscher Luftwaffenfunker. Hinter ihnen stand ein Mann in erdbraunem Overall, made in England, einen Fallschirm englischen Fabrikats umgeschnallt.
Der Mann besaß hervorragend gefälschte britische Personalpapiere auf den Namen Robert Almond Everett, ebenso einen Militärpaß, dem zufolge er den Rang eines Captains hatte. Er trug einen Walroßschnauzbart und lange, dichte Koteletten. Zudem hatte er bei sich: englische Zigaretten, englische Konserven und englische Medikamente.
Der Flugzeugführer sah sich nach ihm um und nickte. Thomas Lieven zog seine altmodische goldene Repetieruhr aus der Kombination und ließ den Deckel aufspringen. 0.28 Uhr.
Mit Hilfe des Funkers warf er ein umfangreiches Paket an einem Lastenfallschirm aus der offenen Sprungluke. Dann trat er selbst in die Luke. Der Funker gab ihm die Hand.
Und dann, während er sich duckte, wie er es gelernt hatte, tat Thomas einen Schwur: Wenn ich davonkomme, wenn ich Dantes Villeforte noch einmal begegne auf dieser Welt, dann will ich dich rächen, Chantal, dann will ich dich rächen. Er sagte sinnlos vor sich hin: »Ich hab’ dich so lieb, Chantal.«
Dann warf er die Arme auseinander und sprang, auf die linke Tragfläche zu, hinaus in die dunkle Nacht …
In den ersten zehn Sekunden seines Sturzes dachte er folgendes: Junge, Junge, Junge! Also, wenn ich das jemals in meinem Londoner Club erzähle, bringen sie mich sofort in die Klapsmühle! Es ist nicht zu fassen. Beinahe vier Jahre lebe ich nun schon in dieser Welt des Wahnsinns. Den englischen, deutschen und französischen Geheimdienst habe ich übers Ohr gehauen – ich, ausgerechnet ich, ein Mann, der immer nur den Wunsch hatte, in Frieden zu leben, gut zu essen und schöne Frauen zu verehren! In Lissabon habe ich Pässe fälschen gelernt. In Marseille habe ich eine Universität für Ganoven gegründet. Der Not gehorchend, nicht der eigenen Tugend. Junge, Junge, Junge.
Unter sich sah Thomas auf einer kleinen Lichtung zwei Feuer lodern und die roten Punkte von drei Taschenlampen.
Während der zweiten zehn Sekunden seines Sturzes dachte er folgendes: In dem Dreieck zwischen den roten Punkten muß ich landen. Da ist die Lichtung frei von Bäumen. Wenn ich nicht in dem Dreieck lande, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß ich einen Eichenast in den … Mein Gott, und ich werde in diesem Monat erst vierunddreißig! Bißchen mit den Armen rudern. Na prima. Wieder über dem Dreieck. Ordentliche französische Partisanen sind das, die da unten die roten Taschenlampen halten. Sie glauben, ich werde von Colonel Buckmaster aus London zu ihnen geschickt. Wenn sie eine Ahnung hätten, daß ich von Admiral Canaris aus Berlin zu ihnen geschickt werde …
In den letzten zehn Sekunden seines Sturzes dachte er folgendes: So ein Walroßschnurrbart ist aber wohl das Widerlichste, was es gibt! Also wahrhaftig! Dauernd kommen einem die Haare in den Mund. Und dazu noch lange Koteletten. Die Brüder von der Abwehr haben mich gezwungen, mir beides wachsen zu lassen. Walroßbart und Koteletten. Typisch Geheimdienst! Damit ich englisch aussehe. Als ob ein echter englischer Captain, wenn er die Absicht hätte, in geheimer Mission über dem von den Deutschen besetzten Frankreich abzuspringen, sich nicht schleunigst Koteletten und Walroßbart abschneiden würde, um weniger englisch auszusehen. Trottel alle miteinander. Sollen sie mir doch …
Schmerzhaft knallte Thomas Lieven, alias Captain Everett, auf der Erde auf. Er fiel aufs Gesicht, bekam eine ordentliche Portion Schnurrbarthaare in den Mund und besann sich im allerletzten Augenblick darauf, daß er englisch fluchen mußte, nicht deutsch.
Dann richtete er sich langsam auf. Beleuchtet von den beiden flackernden Holzfeuern standen vier Menschen vor ihm, drei Männer und eine Frau. Sie trugen alle Windjacken.
Eine hübsche junge Frau war das. Blondes Haar, streng nach hinten genommen. Hohe Backenknochen, schräge Augen. Schöner Mund. Von den drei Männern war einer klein und fett, einer groß und hager und einer behaart wie ein Steinzeitmensch.
Der kleine Fette sprach Thomas englisch an: »Wie viele Kaninchen spielen im Garten meiner Schwiegermutter?«
Darauf erwiderte Thomas mit brillantem Oxford-Akzent: »Zwei weiße, elf schwarze, ein geschecktes. Sie sollen bald zu Fernandel kommen. Der Friseur wartet schon auf sie.«
»Lieben Sie Tschaikowsky?« fragte ihn die strenge Schönheit französisch. Ihre Augen funkelten, ihre Zähne glänzten im Widerschein des nahen Feuers, und sie hielt eine schwere Pistole schußbereit in der Hand.
Gehorsam antwortete er in englisch akzentuiertem Französisch mit dem Satz, den Oberst Werthe in Paris ihm auf den Weg mitgegeben hatte: »Ich bevorzuge Chopin.« Das schien die Blonde zu beruhigen, denn sie steckte das Mordwerkzeug ein.
Der kleine Fette fragte: »Können wir Ihre Papiere sehen?«
Thomas zeigte den vieren seine falschen Papiere. Der große, hagere Partisan sagte mit befehlsgewohnter Stimme: »Das genügt. Willkommen, Captain Everett.«
Sie schüttelten ihm alle markig die Hand.
So einfach geht die Sache also, dachte Thomas. Wenn ich mir an der Londoner Börse einen einzigen Tag lang solche Kinderspiele erlaubt hätte, wäre ich abends pleite gewesen. Aber wie!
10
Allzu schwierig war die Sache in der Tat nicht gewesen. Die Deutsche Abwehr hatte erfahren, daß sich in dem wildromantischen Waldgebiet über dem Tal der Creuze eine neue, starke Résistance-Gruppe der Franzosen gebildet hatte, das »Maquis Crozant«, so genannt nach dem kleinen Ort Crozant südlich von Gargilesse. Das »Maquis Crozant« fieberte darauf, mit London in Verbindung zu treten und nach englischen Weisungen gegen die Deutschen zu kämpfen. Die Gruppe war deshalb so gefährlich, weil sie in einem praktisch unkontrollierbaren Gebiet voller wichtiger Eisenbahnlinien, Straßen und Elektrizitätswerke operierte. Schluchten und felsige Hügel verhinderten jede größere Gegenaktion der Deutschen, etwa mit Panzern.
Die neue Gruppe hatte Verbindung zu »Maquis Limoges«. Dieser Verband besaß ein Funkgerät und stand in Kontakt mit London. Der Funker war allerdings ein Doppelagent, der auch für die Deutschen arbeitete. So erfuhr die Abwehr Paris vom Wunsche des »Maquis Crozant« nach einem eigenen Funkgerät.
Der verräterische Funker, der zwar nicht London, wohl aber die Deutschen verständigt hatte, nahm nun Funksprüche auf, die angeblich aus London, in Wahrheit aber von der Deutschen Abwehr Paris kamen. Darin wurde das »Maquis Limoges« gebeten, dem »Maquis Crozant« mitzuteilen, daß ein Captain namens Robert Almond Everett am 4. April 1943, kurz nach Mitternacht, über einer Lichtung in den Wäldern von Crozant abspringen würde … »Wo ist der Fallschirm mit dem Funkgerät?« fragte Thomas Lieven, alias Captain Everett, nun. Er war besorgt um dieses Gerät. Deutsche Funktechniker hatten lange daran gearbeitet.
»Schon geborgen«, sagte die strenge Schönheit, die niemals die Augen von Thomas nahm. »Darf ich Ihnen meine Freunde vorstellen.« Sie sprach schnell und sicher. Sie beherrschte die Männer, so wie Chantal die Ganoven ihrer Bande beherrscht hatte. Anstelle von Leidenschaft und Temperament operierte die Blonde mit intellektueller Kälte.
Der kleine Fette erwies sich als Robert Cassier, Bürgermeister von Crozant. Der hagere, schweigsame Mann mit dem klugen Gesicht erwies sich als ehemaliger Leutnant Bellecourt. Den dritten Mann stellte die seltsame Blonde als Emile Rouff vor, Töpfer aus Gargilesse.