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Thomas dachte: Dieser blonde, kesse kleine Partisanenblaustrumpf sieht mich so böse an. Warum eigentlich? Oder soll das nicht böse sein, sondern sinnlich? Ein unheimliches Frauenzimmer! Der Töpfer, der einen Vollbart und wallendes Haupthaar trug, gab bekannt: »Ich habe vor neun Monaten geschworen, daß ich mein Haar erst schneiden lassen werde, wenn die Hitlerbrut vernichtet ist.«

»Wir dürfen nicht zu optimistisch sein, Monsieur Rouff. So vor ein, zwei Jahren werden Sie wohl nicht zum Friseur kommen.«

Thomas wandte sich an das junge Mädchen: »Und wer sind Sie, Mademoiselle?«

»Yvonne Dechamps, Assistentin von Professor Débouché.«

»Débouché?« Thomas blickte auf. »Der berühmte Physiker?«

»Man kennt ihn auch in England, nicht wahr«, sagte die blonde Yvonne stolz.

Und man kennt ihn auch in Deutschland, dachte Thomas. Aber das darf ich nicht sagen. Er forschte: »Ich dachte, der Professor unterrichtet an der Universität Strasbourg?«

Auf einmal stand der hagere Bellecourt vor ihm, seine Stimme klang flach und tonlos: »Die Universität Strasbourg wurde nach Clermont-Ferrand verlagert – weiß man das nicht in London, mon capitaine?«

Verflucht, dachte Thomas, das kommt davon. Ich schwätze zuviel. Er sagte kalt: »Sicherlich weiß man das. Ich wußte es nicht. Bildungslücke. Sorry.«

Danach entstand eine Pause, eine kalte, leblose Pause. Thomas dachte: Jetzt hilft nur Frechheit. Er sah den Leutnant hochmütig an und sagte kurz: »Wir haben wenig Zeit. Wohin gehen wir?« Der Leutnant erwiderte seinen Blick ruhig. Er sagte langsam: »Wir gehen zu Professor Débouché. Er erwartet uns. In der Moulin de Gargilesse.«

»In den Orten hockt zu viel Vichy-Miliz«, sagte Yvonne. Sie wechselte einen kurzen Blick mit dem Leutnant, der Thomas überhaupt nicht gefiel. Der Bürgermeister und der Töpfer sind harmlos, dachte er. Der Leutnant und Yvonne sind gefährlich. Er fragte: »Wer ist der Funker Ihrer Gruppe?« Schmallippig erwiderte die Blonde: »Ich.«

Natürlich. Das auch noch.

11

Professor Débouché sah aus wie Albert Einstein: ein kleiner, untersetzter Mann mit einem gewaltigen Gelehrtenschädel. Weiße Löwenmähne. Gütige, traurige Augen. Riesiger Hinterkopf. Er blickte Thomas Lieven schweigend lange an. Thomas zwang sich, diesen ruhigen, durchdringenden Blick zu ertragen. Ihm wurde heiß und kalt dabei. Fünf Menschen standen schweigend um ihn herum.

Plötzlich legte der Professor beide Hände auf Thomas Lievens Schulter und sagte: »Seien Sie willkommen!« Sie standen im Wohnraum der Mühle von Gargilesse.

Zu den andern sagte der Professor: »Der capitaine ist in Ordnung, meine Freunde. Ich erkenne einen guten Menschen, wenn ich ihn sehe.«

Von einer Sekunde zur andern wechselte das Betragen der vier. Eben waren sie noch förmlich und schweigsam gewesen. Nun redeten sie alle durcheinander, schlugen Thomas auf die Schulter und lachten und waren seine Freunde.

Yvonne trat vor Thomas. Ihre Augen leuchteten hell, sie waren meergrün und sehr schön. Sie legte die Arme um Thomas und küßte ihn. Ihm wurde heiß, denn Yvonne küßte mit der Leidenschaft einer Patriotin, die einen nationalen Dank abstattet. Danach sagte sie strahlend: »Professor Débouché hat sich noch nie in der Beurteilung eines Menschen geirrt. Wir vertrauen ihm. Er ist der liebe Gott für uns.« Der alte Mann hob abwehrend die Hände. Yvonne stand noch immer dicht vor Thomas. Sie sagte, und ihre Stimme klang aufreizend rauh: »Sie haben Ihr Leben eingesetzt für unsere Sache. Wir haben Ihnen mißtraut. Das muß Sie gekränkt haben. Verzeihen Sie uns. Bitte!«

Thomas sah den weißhaarigen, gütigen Gelehrten an, den Urzeitmenschen Rouff, den wortkargen Leutnant, den fetten, komischen Bürgermeister, sie alle, die sie ihr Land liebten, und er dachte: Verzeiht mir, ihr alle. Ich schäme mich so. Was sollte ich tun? Was konnte ich tun? Ich wollte und will versuchen, euer Leben zu retten – und meines.

Original britische Armeekonserven hatte Thomas mitgebracht, original englische Zigaretten und Pfeifentabak, schottischen Whisky mit dem aufgeklebten Etikett »For Members Of His Majesty’s Royal Air Force Only«. Alle diese schönen Dinge stammten aus Beutebeständen der Deutschen Wehrmacht.

Die Partisanen öffneten eine Flasche und feierten ihn als Helden, und er dachte noch immer: Herrgott, ich schäme mich so.

Um britischer zu wirken, rauchte er Pfeife, er, der Nichtraucher war. Der Tabaksqualm kratzte ihn im Hals. Der Whisky schmeckte ölig. Ihm war elend, weil sie ihn nun alle wie einen Freund ansahen, wie einen Kameraden. Voller Verehrung. Voller Bewunderung. Und vor allem, weil Yvonne ihn so ansah, die kühle, intellektuelle Yvonne, deren Augen nun feucht glänzten, deren Lippen nun halb geöffnet waren …

»Was wir dringend brauchen«, sagte der langhaarige Töpfer, »das ist Dynamit und Munition für unsere Waffen!«

»Ihr habt Waffen?« fragte Thomas beiläufig.

Leutnant Bellecourt gab bekannt, daß die Mitglieder des »Maquis Crozant« – etwa 65 Leute – zwei französische und ein deutsches Waffenlager geplündert hatten. »Wir besitzen«, sagte er nicht ohne Stolz, »dreihundertfünfzig französische Lebel-Karabiner, Kaliber siebenkommafünf, achtundsechzig britische Maschinenpistolen, Marke ›Sten‹, dreißig deutsche Fünfzig-Millimeter-Granatwerfer, fünfzig Maschinengewehre Modell FN und vierundzwanzig der französischen Armee.«

Gesegnete Mahlzeit, dachte Thomas.

»Und nicht zu vergessen: neunzehn Dreifuß-Maschinengewehre, Marke ›Hotchkiss‹.«

»Aber keine Munition dafür«, sagte der Bürgermeister von Crozant.

Das klingt schon wieder besser, dachte Thomas.

Der alte Professor sagte: »Wir werden alles nach London melden. Bitte, erklären Sie uns nun den Code und den Sender, mon capitaine.«

Thomas begann zu erklären. Yvonne begriff das Code-System sofort. Es beruhte auf mehrfachen Buchstabenverschiebungen und dem Einsetzen von Buchstabengruppen für Einzelbuchstaben. Thomas Lieven wurde immer trauriger. Er dachte: Das habe ich alles ausgeheckt. Jetzt funktioniert es. Ich habe gehofft, daß es funktioniert. Und nun …

Er schaltete das Gerät ein. Er sagte: »Es ist jetzt fünf Minuten vor zwei. Punkt zwei erwartet London unseren ersten Funkspruch. Auf der Frequenz siebzehnhundertdreiundsiebzig Kilohertz.« Auf diese Frequenz hatten deutsche Techniker den Sender eingestellt. Thomas sagte: »Sie melden sich immer als ›Nachtigall siebzehn‹. Sie rufen Zimmer zweihunderteinunddreißig im War Office London. Dort sitzt Colonel Buckmaster von der Special Operation Branch.« Er stand auf. »Bitte, Mademoiselle Yvonne.«

Sie hatten eine erste Botschaft gemeinsam verschlüsselt. Nun sahen sie alle auf ihre Uhren. Die Sekundenzeiger umliefen die letzte Minute vor zwei Uhr früh. Noch fünfzehn Sekunden. Noch zehn. Noch fünf. Noch eine …

Jetzt!

Yvonne begann zu morsen. Dicht gedrängt umstanden sie die Männer: der dicke, komische Bürgermeister, der hagere Leutnant, der alte Professor, der Töpfer mit dem langen Haar.

Thomas stand etwas abseits.

So geht das also, dachte er. Und ist nicht mehr aufzuhalten. Gott schütze euch alle. Gott schütze auch mich …

12

»Na, alsdann«, sagte der Gefreite Schlumberger aus Wien, »da san s’ ja.« Er hatte Kopfhörer auf und saß vor einem Funkgerät. Am Nebentisch saß der Gefreite Raddatz und betrachtete mit dem Interesse des Kenners ein französisches Aktmagazin.

Schlumberger winkte ihn herbei. »Hör auf mit de Weiba. Kumm her!«

Seufzend wandte der Gefreite Raddatz aus Berlin-Neukölln den Blick von einer schwarzhäutigen Schönheit und setzte sich neben seinen Kollegen. Während er Kopfhörer aufsetzte, knurrte er: »Noch ’n paar so Scheißtricks, und wa ham den Endsieg in der Tasche!«