Er führte eine Doppelkonversation, denn gleichzeitig erzählte ihm Professor Débouché, daß es in Clermont-Ferrand mit der Herstellung gefälschter Dokumente hapere: »Neuerdings verlangen die Kontrollen immer Personalausweise und Lebensmittelstammkarten. Wie, meinen Sie, capitaine, könnten wir uns besser sichern?«
»Woraus besteht denn die Beilage um das Roastbeef?« fragte gleichzeitig der verfressene Bürgermeister.
»Einer nach dem andern«, antwortete Thomas Lieven. »Der Teig besteht aus Eiern, Milch und Mehl, die man versprudelt. Ohne Roastbeef nennen wir das Gericht ›Yorkshire-Pudding‹, mit Roastbeef ›Dripping Cake‹.«
Dann wandte Thomas sich Professor Débouché zu. In den nächsten Sekunden wurde er zum Begründer einer Superfalschdokumentenzentrale. Er sagte: »Sie müssen Ihre Papiere lückenlos fälschen, Professor. Sie haben doch in allen Ämtern Ihre Leute, nicht wahr? Es muß alles zusammenpassen: Personalausweis, Wehrpaß, Soldbuch, der Zettel von der Volkszählung, die Lebensmittelkarte und die Steuerkarte. Alles auf einen falschen Namen. Und dieser falsche Name muß in allen betreffenden Ämtern eingetragen sein …«
Selbige Anregung Thomas Lievens wurde übernommen und ausgewertet in einer Weise, daß den Deutschen bald darauf die Haar zu Berge standen! Eine Lawine sogenannter »echter falscher Papiere« überschwemmte Frankreich. Viele Menschen wurden durch sie gerettet.
14
Zwischen Dämmerung und Nacht am 4. April 1943 landete eine »Lysander«-Maschine der Royal Air Force auf der kleinen Lichtung, über welcher Thomas Lieven achtzehn Stunden zuvor abgesprungen war. Ein Pilot in britischer Uniform saß in der Maschine. Der Pilot stammte aus Leipzig. Er war von der Deutschen Abwehr ausgesucht worden, weil er Englisch sprach, leider mit sächsischem Akzent.
Er sprach darum wenig und salutierte hauptsächlich, und zwar, was Thomas Lieven das Blut erstarren ließ, falsch. Zackig legte der Pilot die rechte Hand mit der Innenseite zur Wange an die Schläfe und nicht, wie Briten das taten, mit der Innenseite nach vorn.
Niemand von Thomas Lievens neugewonnenen französischen Freunden schien das bemerkt zu haben. Es gab Umarmungen und Küsse, männliche Händedrücke und gute Wünsche.
»Bonne chance!« schrien die Männer, als Thomas in die Maschine kletterte und dabei dem Luftwaffenpiloten zuzischte: »Sie Idiot, Sie dämlicher!«
Dann blickte er auf. Drüben am Waldrand stand unbeweglich Yvonne. Die Hände hatte sie in die Taschen ihrer Jacke vergraben. Er winkte ihr zu. Sie reagierte nicht. Er winkte noch einmal. Sie blieb ohne Leben.
Da wußte er, während er sich auf den Sitz fallen ließ: Diese Frau war mit ihm noch nicht fertig. Noch lange nicht!
Das Unternehmen »Nachtigall 17« lief vollkommen reibungslos an – wie Thomas es erhofft hatte.
Jeden Abend meldete sich das »Maquis Crozant« um 21 Uhr bei den Gefreiten Schlumberger und Raddatz im Hotel »Lutetia«, wartete, bis die Meldungen dechiffriert waren, und erhielt dann von »Colonel Buckmaster, Zimmer 231, Kriegsministerium London« die entsprechenden Antworten. Bei diesen Gelegenheiten waren noch zwei andere Männer anwesend: Oberst Werthe, der Thomas aus Gestapo-Haft befreite, und jener Hauptmann Brenner, der das Leben unseres Freundes schon seit langem mit so großem Interesse verfolgte.
In Hauptmann Brenner lernte Thomas den typischen Berufssoldaten kennen: nüchtern, stur, pedantisch, nicht unanständig, kein Nazi – aber eben ein »Kommißkopp«, ein Befehlsempfänger, der wie eine Maschine arbeitete, ohne Gefühle, ohne kritischen Gedanken und fast ohne Herz.
Brenner, ein kleiner Mann mit präzisem Scheitel, goldgefaßten Brillen und energischen Bewegungen, verstand denn auch von Anfang an nicht das »ganze Theater mit dieser Nachtigall siebzehn«, wie er sich ausdrückte.
Zu Anfang schickte Thomas den Leuten von »Maquis Crozant« hinhaltende Weisungen. »Nachtigall 17« indessen verlangte es nach Taten. Die Widerständler wollten losschlagen. Sie verlangten Munition für ihre Waffen!
Daraufhin brachte die deutsche Besatzung einer englischen Beutemaschine in einer warmen Mainacht über dem Waldgebiet zwischen Limoges und Clermont-Ferrand vier Fallschirme mit Munitionskisten zum Abwurf. Die Munition hatte nur einen Fehler: Sie paßte in Typ und Kaliber nicht zu den Waffen des »Maquis Crozant« …
Endloses Funkspruchwechseln war die Folge. Wieder vergingen Tage. »London« bedauerte den Irrtum. Es würde gutgemacht, sobald die richtige Munition für die Waffen, die zum Teil aus deutschem und französischem Besitz stammten, vorhanden sei.
»London« trug dem »Maquis Crozant« auf, Lebensmittelvorräte anzulegen. Es war bekannt, daß die Bevölkerung jener unzugänglichen Gegenden hungerte. Hungernde Menschen aber konnten gefährliche Amokläufer werden …
Wieder starteten Beutemaschinen mit deutschen Piloten. Diesmal warfen sie Fallschirme mit britischen Beutekonserven, britischen Beutemedikamenten, Whisky, Zigaretten und Kaffee ab. Hauptmann Brenner begriff diese Welt nicht mehr: »Wir saufen gefälschten Pernod – und diese Herren Partisanen echten Whisky! Ich rauche Gauloises – und diese Partisanen vielleicht Henry Clay! Wir päppeln die Kerle noch auf, damit sie dick und fett werden! Das ist doch Wahnsinn, meine Herren, das ist doch Wahnsinn!«
»Das ist kein Wahnsinn«, belehrte ihn Oberst Werthe. »Lieven hat recht. Es ist die einzige Möglichkeit, die Leute daran zu hindern, uns gefährlich zu werden. Wenn sie erst mal Eisenbahnlinien und E-Werke in die Luft gesprengt haben, hauen sie ab nach allen Himmelsrichtungen, und wir erwischen keinen einzigen von ihnen.«
Im Juni 1943 wurde »Nachtigall 17« so unruhig, daß Thomas seine Taktik änderte: Britische Beuteflugzeuge mit deutschen Besatzungen warfen nun über dem Partisanengebiet Munition ab, die wirklich zu den Waffen paßte.
Doch kurze Zeit darauf erhielt das »Maquis Crozant« diese Weisung:
maquis marseille zu großen sabotageakten und überfällen eingesetzt – es ist unbedingt notwendig, daß ihr eure waffen und eure munition vorübergehend den kameraden zur verfügung stellt.
Mächtiges Funkgezeter.
Aber »London« blieb hart. Dem »Maquis Crozant« wurde mit präzisen Orts- und Zeitangaben mitgeteilt, wo die Waffen zu übergeben seien.
In einer gewittrigen Nacht wechselten sie in den Wäldern neben der Landstraße, die von Belac nach Mortemart führt, dann denn auch die Besitzer. Die neuen Eigentümer, die sich sehr französisch gebärdet hatten, fuhren mit mehreren Lastwagen davon. Als sie wieder unter sich waren, unterhielten sie sich so, wie sie es gewohnt waren: im deutschen Landserjargon.
Anfang Juli erfuhr Oberst Werthe über den verräterischen Funker des »Maquis Limoges«, daß das »›Maquis Crozant‹ die Schnauze voll von London« hatte. Eine gewisse Yvonne Dechamps hetzte die Männer auf. War das überhaupt London, mit dem sie in Funkverkehr standen? Auch jener Captain Everett, unkte diese Yvonne, sei ihr nicht geheuer gewesen! Schon gar nicht der RAF-Pilot, der ihn abgeholt hatte. Der hatte nämlich wie ein »boche« salutiert.
»Verflucht«, sagte Thomas Lieven, als er das erfuhr. »Ich wußte ja, daß dies mal kommen würde. Herr Oberst, jetzt gibt es nur noch eines.«
»Nämlich?«
»Wir müssen Nachtigall 17 den Auftrag und die Möglichkeit zu einem echten und ernsten Sabotageakt bieten. Wir müssen eine Brücke, eine Eisenbahnlinie oder eine Elektrizitätszentrale opfern – um damit vielleicht viele Elektrizitätszentralen, Brücken und Eisenbahnlinien zu retten.«
Hauptmann Brenner, der diesem Gespräch beiwohnte, schloß die Augen und stöhnte: »Übergeschnappt! Sonderführer Lieven ist übergeschnappt!«
Auch Oberst Werthe war verstört: »Es hat alles Grenzen, Lieven. Also wirklich! Was verlangen Sie von mir?«