Über den Pernod-Gläsern fragte Werthe dann kopfschüttelnd: »Warum sind Sie bloß so verrückt mit Ihrer Brücke, Lieven?«
Still antwortete Thomas: »Weil ich davon überzeugt bin, daß viele Menschen, die sonst sterben müßten, am Leben bleiben werden, wenn ich die Brücke finde. Deutsche und Franzosen, Herr Oberst. Darum.«
Oberst Werthe drehte den Kopf zur Seite: »Ach, Lieven, Sie sind ein netter Kerl.« Er sah aus der kleinen Bar hinaus auf den sommerlichen Boulevard mit seinen Blumen, Bäumen, jungen Frauen. Plötzlich ballte er eine Hand zur Faust: »Dieser verfluchte Krieg«, sagte Oberst Werthe.
3
Am nächsten Morgen irrte Thomas Lieven durch eine Dienststelle des Reichsarbeitsdienstes in Paris. Er verlief sich auf der Suche nach der Abteilung, die für Brücken zuständig war, vollkommen und landete in einem Büro, das er sofort fluchtartig wieder verlassen wollte. Zwei Gründe gab es für seine Panik: vier Bilder an der Wand und die Dame hinter dem Schreibtisch.
Die Bilder zeigten Hitler, Goebbels, Göring und den Reichsarbeitsführer Hierl. Die Dame war außerordentlich hager und groß, ihr Brust war platt, die Hände waren knochig. Das farblose Haar trug sie zu einem Knoten hochgenommen. An ihrer weißen Bluse saß über der linken Brust ein goldenes Parteiabzeichen und am Kragen eine schwere, gehämmerte Brosche. Sie trug einen braunen Rock, braune Wollstrümpfe und braune, flache Schuhe. Sie sah streng aus, sie war streng gekleidet, und es roch streng in ihrem Büro.
Thomas war schon wieder halb aus dem Büro entwichen, da traf ihn ihre harte, brüchige Stimme: »Einen Moment!«
Er drehte sich um und lächelte verzerrt. »Ich bitte um Verzeihung, ich habe mich verlaufen. Guten Tag!«
Mit drei Schritten war die Frau hinter ihrem Schreibtisch vorgeschossen. »Was heißt hier ›guten Tag‹? ›Heil Hitler‹ lautet unser Gruß!« Sie war fast zwei Köpfe größer als Thomas. »Ich verlange Antwort. Wer sind Sie? Wie heißen Sie?«
Er sagte gepreßt: »Sonderführer Lieven.«
»Was für ein Sonderführer? Zeigen Sie den Ausweis!«
»Wie komme ich dazu? Ich weiß ja auch nicht, wer Sie sind.«
»Ich«, antwortete die Hagere, die sich offenbar mit Lysolseife wusch, »bin die Stabshauptführerin Mielcke. Seit vier Wochen hier. Persönlicher Auftrag von Reichsarbeitsführer Hierl. Ich habe alle Vollmachten. Hier ist mein Ausweis. Wo ist Ihrer?«
Stabshauptführerin Mielcke studierte den Ausweis Thomas Lievens genau. Dann rief sie bei Oberst Werthe an und erkundigte sich, ob er einen Sonderführer Lieven kenne. Erst danach bot sie Thomas Platz an: »Der Feind steht überall. Man muß wachsam sein. Also, was wollen Sie?«
»Wirklich, Frau Mielcke –«
»Stabshauptführerin. Das ist mein Rang.«
»Wirklich, Frau Stabshauptführerin –«
»Nicht Frau. Nur Stabshauptführerin.«
Da hast du recht, Zimtzicke, nicht Frau, dachte er und sagte mühsam freundlich: »Wirklich, Stabshauptführerin, ich glaube nicht, daß Sie die richtige Instanz für mein Problem sind.«
»Bin ich. Reden Sie also nicht lange herum. Sprechen Sie!«
In Thomas kroch langsam eine Welle siedendheißer Wut hoch. Noch beherrschte er sich. »Mein Auftrag ist geheim. Ich kann darüber nicht sprechen.«
»Ich verlange es von Ihnen. Als Bevollmächtigte des Reichsarbeitsführers habe ich das Recht dazu. Ich lasse Sie festnehmen, wenn Sie nicht sofort …«
Thomas brüllte los: »Stabshauptführerin, ich verbitte mir diesen Ton …«
»Sie haben sich überhaupt nichts zu verbitten! Ich werde noch heute einen Bericht abfassen. Über frontfähige junge Leute, die sich hier unter dem Deckmantel ›Abwehr‹ im Pariser Sündensumpf herumdrücken. Ich werde persönlich dem Reichsarbeitsführer berichten!«
Jetzt hatte Thomas genug, jetzt konnte er nicht mehr. Er schrie sie an: »Und ich werde meinen Bericht abfassen! An den Admiral Canaris persönlich. Sie sind wohl wahnsinnig geworden? Wie reden Sie denn mit mir? Auf so was wie Sie haben wir hier gerade gewartet!« Er wurde tückisch: »Stabshauptführerin entspricht dem Rang eines Obersten, was? Da ist ein Admiral doch wohl immer noch ein bißchen mehr, wie?« Er schlug auf den Tisch und schrie: »Sie werden sich vor Admiral Canaris zu verantworten haben, verstanden?«
Sie starrte ihn mit schmalen Augen an, die wäßrig waren, blau und nordisch. Sie sagte langgedehnt und lächelnd und feige: »Was regen Sie sich denn so auf, Sonderführer? Ich tue doch nur meine Pflicht.« Sie schluckte.
Thomas dachte: Jetzt hat sie Angst. Jetzt will sie mich versöhnen. Aber ich kann nicht mehr. Ich ersticke, wenn ich hier noch eine Minute bleibe. Er sprang auf, riß den rechten Arm hoch und brüllte: »Heil Hitler, Stabshauptführerin!« »So warten Sie doch …«
Aber er war schon bei der Tür, riß sie auf und warf sie dröhnend hinter sich ins Schloß. Weg! Weg! An die frische Luft!
Am 11. Juli landete Thomas Lieven im Hauptquartier der Organisation Todt. Hier war er an einen Baurat namens Heinze verwiesen worden. HEINZE stand auch an der Tür des Büros, welche Thomas gegen 11 Uhr morgens an diesem Tage öffnete. Zwei große Zeichentische standen darin. Zwei große Männer stritten davor. Sie stritten so heftig, daß sie Thomas Lievens Erscheinen nicht zur Kenntnis nahmen. Die Männer trugen beide weiße Mäntel über ihren Uniformen und schrien.
DER EINE: »Ich lehne die Verantwortung ab! Jeder Panzer, der drüber rollt, kann das Ding zum Einsturz bringen!«
DER ANDERE: »Wie stellen Sie sich das vor, Mensch, die nächste Brücke geht bei Argenton über die Creuze!«
DER EINE: »Das ist mir piepegal, dann müssen die Herren eben den Umweg fahren! Ich erkläre: Die ›Pont noir‹ bei Gargilesse ist eine Gefahr! Meterlange Risse auf der Fahrbahnunterseite! Meine Statiker hat vor Schreck fast der Schlag gerührt!«
DER ANDERE: »Verstärken Sie die Konstruktion mit Bewehreisen!«
DER EINE: »Erlauben Sie – das ist doch der letzte Dreck!«
Thomas dachte: Brücke bei Gargilesse. Phantastisch. Absolut phantastisch. Es ist, als wäre die Wirklichkeit hinter meinen Wünschen und Träumen hergelaufen. Jetzt hat sie mich eingeholt …
DER ANDERE: »Denken Sie an das E-Werk! Die Staumauer! Wenn wir die Brücke sprengen, wird doch die Stromversorgung gestört!«
DER EINE: »Nicht, wenn wir sie sprengen! Dann können wir vorher Umschaltungen und Abschaltungen vornehmen. Aber wenn das Ding morgen von selber einstürzt – dann dürfen Sie von Stromstörungen reden! Ich – was wollen Sie hier?«
Thomas Lieven war endlich entdeckt worden. Er verneigte sich und sprach sanft: »Ich hätte gerne Baurat Heinze gesprochen.«
»Das bin ich«, sagte der eine. »Was gibt’s?«
»Herr Baurat«, sagte Thomas, »ich glaube, wir werden wundervoll zusammenarbeiten …«
Die Zusammenarbeit war tatsächlich wundervoll. Bereits am 15. Juli hatte man die Pläne der Organisation Todt und der Organisation Canaris betreffend der Zukunft der »Pont noir« südlich von Gargilesse völlig koordiniert. Nun erteilte Thomas dem »Maquis Crozant« als »Colonel Buckmaster, War Office, London« über Funk den Auftrag:
»stellen sie unverzüglich eine liste der wichtigsten brücken im gebiet ihres maquis zusammen – melden sie art und dichte der truppenbewegungen.«
Tagelang, nächtelang lagen französische Widerständler auf der Lauer. Sie hockten unter Brückenbögen, in Baumkronen, in den Dachböden alter Windmühlen und Bauernhäuser. Sie hatten Feldstecher, Papier und Bleistift bei sich. Sie zählten deutsche Panzer, Lastkraftwagen, Motorräder. Und allabendlich um 21 Uhr meldeten sie ihre Beobachtungen nach »London«. Da war die Brücke bei Feurs. Die Brücke bei Macon. Die bei Dompierre. Die bei Nevers. Und die große »Pont noir« südlich Gargilesse, vor der Staumauer des E-Werkes bei Eguzon.