Seezunge nach Grenobler Art: Man lasse die Fische vorher vom Händler abhäuten und die Filets auslösen. – Dann mindestens eine halbe Stunde mit Zitronensaft, Pfeffer und Salz marinieren, damit das Fleisch fest und weiß bleibt. Man trockne gut ab und brate schnell auf beiden Seiten in sehr heißer brauner Butter; danach auf vorgewärmter Platte ablegen. – Dann kleine Zitronenwürfel mit einigen Kapern in der Bratbutter schnell heiß werden lassen. – Diese Sauce gieße man über die angerichteten Seezungenfilets, reiche mit Petersilie bestreute Salzkartoffeln dazu.
Marillenpalatschinken: Man backe feine, dünne mittelgroße Eierkuchen. – Man bestreiche sie auf einer Seite mit Marillenkonfitüre, rolle sie zusammen und drehe sie noch einmal in der heißen Butter um. Man serviere sie sofort und bestreue sie nach Geschmack noch mit geriebenen Mandeln. – Feine Eierkuchen geraten am besten, wenn man den Teig mindestens eine Stunde vorher zubereitet hat und ruhen ließ.
»Herr Oberst, ich bitte zu bedenken«, begann Thomas und brach ab, denn er sah in die grauen Augen Werthes und wußte: Nichts, was er sagte, konnte diesen Mann jetzt noch beeindrucken.
Umsonst. Alles umsonst wegen ein paar dämlichen Hunden, die nach dem Krieg ein paar Stückchen Blech auf der Brust tragen wollten …
Fünf Minuten später wurden die Gefreiten Schlumberger und Raddatz turnusgemäß abgelöst. Sie kamen in die Halle des Hotels herunter, wo Thomas auf sie wartete.
Schlumberger machte ein Gesicht, als wollte er weinen:
»Dös Schaf hört net auf und hört net auf. Siebenundzwanzig Namen bis jetzt.«
»Aus den siebenundzwanzig kriejen se die Namen von de’ andern raus wie nischt«, sagte Raddatz.
»Wollt ihr mit mir essen gehen, Kameraden?« fragte Thomas. Sie gingen – wie häufig in den letzten Monaten – zu »Henri«. Das war ein kleines Lokal in der Rue Clément Marot, das Thomas entdeckt hatte. Der Wirt kam selber an den Tisch und begrüßte sie herzlich. Wenn er Thomas sah, bekam er jedesmal feuchte Augen.
»Henri« hatte eine jüdische deutsche Schwägerin. Diese war mit Hilfe von falschen Papieren auf dem Land untergetaucht. Die falschen Papiere hatte Thomas ihr besorgt. Im Hotel »Lutetia« gab es viele und gute Gelegenheiten, an falsche Dokumente heranzukommen. Thomas benützte sie gelegentlich. Und Oberst Werthe wußte es und schwieg.
»Etwas Leichtes, Henri«, sagte Thomas. Es war schon spät, und er mußte sich beruhigen. Sie stellten das Menü zusammen.
Schlumberger bat: »Gehn S’, Herr Lieven, übersetzen S’ eahm, er soll a paar Palatschinken machen!«
Thomas übersetzte. Henri verschwand. Schweigen senkte sich über die drei Freunde, bleiernes Schweigen. Erst als die Hammelnierenschnitten kamen, murmelte der Wiener: »Brenner hat Berlin angerufen. Spätestens morgen in der Früh gibt’s da unten a Sonderaktion. Was mit die Leut g’schieht, is’ klar.«
Thomas dachte: Professor Débouché. Die schöne Yvonne. Leutnant Bellecourt. Viele, viele andere. Noch leben sie. Noch atmen sie. Bald wird man sie verhaften. Bald werden sie tot sein.
»Junge«, sagte Raddatz, »jetzt habe ick ma vier Jahre jedrückt. Noch nich eenen Menschen habe ick jetötet. Scheißjefühl, det wa uff eenmal mit schuld sind …«
»Wir sind nicht daran schuld«, sagte Thomas. Und dachte: Ihr nicht. Aber ich? Ich, ausweglos bereits eingesponnen in Lüge und Betrug, Täuschung und Arglist. Bin ich noch unschuldig?
Schlumberger sagte: »Herr Lieven, dös is doch ausg’schlossen, daß mir jetzt den Partisanen helfen, die wo unsere Kameraden umlegen!«
»Ja«, sagte Thomas, »das ist ausgeschlossen.« Und er dachte verzweifelt: Was kann man tun? Was soll man tun? Wie bleibt man ein anständiger Mensch?
»Karli hat recht«, sagte der Berliner. »Sehen Se mal, ick bin ooch keen Nazi. Aba Hand uffs Herze: Anjenommen, diese Partisanen kriejen mir in die Mache. Würden die mir jlooben, det ick keen Nazi bin?«
»Die scheißen da wos. Die legen di um. Für die is a Deutscher a Deutscher.«
Thomas stocherte gedankenvoll an seinem Fisch herum. Plötzlich stand er auf. Er sagte: »Eine Möglichkeit gibt es doch. Eine einzige.«
»Wat for ’ne Möjlichkeit?«
»Etwas zu tun – und doch ein anständiger Mensch zu bleiben«, sagte Thomas. Er ging in eine Telefonzelle, rief das Hotel »Lutetia« an und verlangte Oberst Werthe. Der meldete sich nervös.
Thomas hörte viele Stimmen. Der Oberst schien in einer Besprechung zu sein. Schweiß rann Thomas über das Gesicht. Er dachte: Anständig bleiben. Gegen die anständigen Menschen in meinem Land. Gegen die anständigen Menschen in diesem. Kein Verräter werden. Kein Phantast. Kein Sentimentalist. Nur Leben retten … Leben retten …
Thomas sagte heiser: »Herr Oberst, hier ist Lieven. Ich habe Ihnen einen Vorschlag von größter Wichtigkeit zu machen. Sie werden allein nicht darüber entscheiden können. Ich bitte, mich anzuhören und danach sofort Herrn Admiral Canaris zu verständigen.«
»Was ist das für ein Quatsch?«
»Herr Oberst, wann beginnt die Aktion da unten?«
»Morgen früh. Warum?«
»Ich bitte Sie, mich die Aktion leiten zu lassen!«
»Lieven! Ich bin durchaus nicht zu Späßen aufgelegt. Meine Geduld ist erschöpft!«
»Hören Sie mich an, Herr Oberst«, rief Thomas. »Bitte, hören Sie, was ich Ihnen vorzuschlagen habe …«
5
Es war 4 Uhr 45 am Morgen des 6. August 1943, als ein original britisches »Lysander«-Flugzeug Kurs auf die französische Stadt Clermont-Ferrand nahm. Aus brauenden Nebelmassen stieg eben der gleißende Ball der Sonne empor.
Der Pilot, von seinem Passagier durch eine Wand getrennt, griff nach dem Bordtelefon und sprach: »Landung in zwanzig Minuten, Sonderführer!«
»Danke«, sagte Thomas Lieven und klinkte den Telefonhörer neben sich ein. Dann saß er reglos in der winzigen Kabine und blickte hinaus auf den makellos reinen Himmel und auf die weißlich-grauen Nebelschleier, die noch die schmutzige Erde mit ihren Kämpfen und Intrigen, ihrer Niedrigkeit und Dummheit verdeckten.
Thomas Lieven sah elend aus. Eingefallen war sein Gesicht, die Augen lagen in dunklen Höhlen. Er hatte die schwerste Nacht seines Lebens hinter sich und den schwersten Tag seines Lebens vor sich.
Zehn Minuten später ging der Pilot tiefer. Die »Lysander« durchbrach die morgendliche Nebeldecke. Clermont-Ferrand, Sitz eines Bischofs und einer Universität, lag unter ihnen – schlafend noch, ohne Leben, mit leeren Straßen.
Um 5 Uhr 15 trank Thomas Lieven im Dienstzimmer des Tiroler Hauptmanns Öllinger heißen Kaffee. Der stämmige kleine Kommandeur der Gebirgsjägereinheit, die vor Clermont-Ferrand ihren Standort hatte, studierte Thomas Lievens Geheimdienstausweis genau.
Er sagte: »Ich habe ein langes Fernschreiben von Oberst Werthe bekommen. Er hat vor einer Stunde auch mit mir telefoniert. Sonderführer, meine Leute stehen zu Ihrer Verfügung.«
»Zunächst bitte ich nur um einen Wagen, der mich in die Stadt bringt.«
»Ich gebe Ihnen zehn Mann mit.«
»Danke, nein. Was ich zu tun habe, muß ich allein erledigen.«
»Aber …«
»Hier ist ein versiegelter Brief. Wenn Sie bis acht Uhr nichts von mir gehört haben, öffnen Sie ihn. Er enthält alle notwendigen Anweisungen von Oberst Werthe für das, was Sie dann tun müssen. Leben Sie wohl.«
»Auf Wiedersehen …«
»Ja«, sagte Thomas und klopfte auf Holz, »das hoffe ich.«
Ein Citroën, erbeutet zwar, aber ohne deutsche Kennzeichen, holperte über den menschenleeren Platz Blaise Pascal. Thomas saß neben dem verschlafenen, schweigsamen Fahrer. Er trug einen Trenchcoat über seinem grauen Flanellanzug und einen weißen Hut.