Sein Ziel an diesem frühen Morgen: Professor Débouché, geistiger Führer der Résistance in Mittelfrankreich. Er lebte in einer Dienstwohnung der ausgedehnten »Cité Universitaire«. Vor dem Hauptportal in der Avenue Carnot stieg Thomas aus. Er sagte: »Fahren Sie um die Ecke, und warten Sie auf mich.«
Dann ging er auf das Tor der Universität zu. Lieber Gott, hilf mir jetzt, dachte er. Hilf uns jetzt allen …
Es dauerte eine Ewigkeit, und Thomas mußte immer wieder läuten, bis endlich der alte Pedell fluchend auftauchte, in Pantoffeln und Nachthemd, einen Mantel übergeworfen. »Nom de Dieu, sind Sie wahnsinnig geworden? Was wollen Sie?«
»Professor Débouché sprechen.«
»Jetzt? Hören Sie mal …« Der Pedell brach ab. Eine Fünftausendfrancnote hatte den Besitzer gewechselt. »Na ja, es wird wohl dringend sein. Wen darf ich dem Herrn Professor melden?«
»Haben Sie Telefon in der Wohnung?«
»Ja, Monsieur …«
»Ich spreche selbst mit ihm.«
In der vollgeräumten Souterrainwohnung des Pedells trat Thomas Schweiß auf die Stirn, während er, Hörer am Ohr, vernahm, wie bei Professor Débouché das Telefon schrillte.
Die Frau des Pedells war aufgestanden, sie drückte sich neben ihren Mann und flüsterte mit ihm, und beide betrachteten Thomas erschrocken. Dann hörte Thomas eine Stimme, die er kannte: »Débouché. Was ist los?«
Krächzend sagte Thomas: »Everett.«
Er hörte den Professor Atem holen. »Everett? Wo – wo sind Sie?«
»In der Universität. In der Wohnung des Pedells.«
»Er soll Sie zu mir führen – augenblicklich … Ich – ich erwarte Sie …«
Thomas hängte ein. Der Pedell sagte: »Kommen Sie, Monsieur.« Im Hinausgehen nickte er seiner Frau zu, das sah Thomas noch. Er sah nicht mehr, daß die verblühte, ergraute Frau daraufhin zum Telefon trat und den Hörer abnahm …
6
»Was, um Himmels willen, hat Sie zu der Wahnsinnstat veranlaßt hierherzukommen, Captain Everett?« Der berühmte Physiker, der aussah wie Albert Einstein, stand Thomas in der Bibliothek seiner Wohnung vor einer riesigen Bücherwand gegenüber.
»Herr Professor, das ›Maquis Crozant‹ hat die Brücke bei Gargilesse gesprengt.«
»Weisungsgemäß, ja.«
»Haben Sie Ihre Leute seither gesehen?«
»Nein. Ich bin mit meiner Assistentin schon seit einer Woche hier. Ich hatte Vorlesungen zu halten.«
»Sie wissen aber, daß an Stelle von Leutnant Bellecourt der Bürgermeister Cassier und der Töpfer Rouff die Sprengung geleitet haben?«
»Gute Leute, brave Leute.«
»Schlechte Leute, dumme Leute«, sagte Thomas erbittert. »Eitle Leute, Herr Professor! Verantwortungslose Leute!«
»Mon capitaine, also hören Sie …«
»Wissen Sie, was diese gottverdammten Narren gestern abend getan haben? Sie setzten sich ans Funkgerät und gaben Namen und Adressen der Mitglieder des ›Maquis Crozant‹ durch! Cassier! Rouff! Professor Débouché! Yvonne Dechamps! Leutnant Bellecourt. Über dreißig Namen und Adressen …«
»Aber warum denn, um Himmels willen?« Der alte Mann war bleich geworden.
»Um sich anzupreisen. Damit General de Gaulle auch bestimmt weiß, wer die tapfersten Helden waren, die die größten Orden verdienen … Dummköpfe haben Sie da oben in den Bergen sitzen, Herr Professor!«
Der alte Mann sah Thomas lange an. Dann sagte er: »Gewiß, es war falsch, die Namen durchzugeben. Aber war es ein Verbrechen? Ist London dadurch in Gefahr gebracht worden? Doch wohl kaum … Das also kann nicht der Grund sein, weswegen Sie herkommen und Ihr Leben riskieren …« Nah, ganz nah trat Professor Débouché an Thomas heran. Groß und forschend waren die Augen des Gelehrten, als er heiser flüsterte: »Wofür riskieren Sie Ihr Leben, Captain Everett?«
Thomas holte tief Atem. Und wenn er mich umlegt, dachte er. Und wenn ich diesen Tag nicht überlebe. Dann bin ich wenigstens bei dem Versuch gestorben, in dieser schmutzigen Zeit ein anständiger Mensch zu bleiben. Er fühlte sich plötzlich ganz ruhig, wie damals, als er den Entschluß gefaßt hatte, sich weiteren Gestapo-Verhören durch Selbstmord zu entziehen.
Er sagte stilclass="underline" »Weil ich nicht Captain Everett heiße, sondern Thomas Lieven.« Der alte Mann schloß die Augen.
»Weil ich nicht für London arbeite, sondern für die Deutsche Abwehr.«
Der alte Mann öffnete die Augen wieder und sah Thomas an mit einem Ausdruck abgründiger Traurigkeit.
»Und weil das ›Maquis Crozant‹ seit Monaten nicht mit London in Funkverbindung steht, sondern mit den Deutschen.«
Danach blieb es still in der Bibliothek. Die Männer sahen einander an.
Endlich flüsterte Débouché: »Das wäre zu furchtbar. Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben.«
In diesem Moment flog die Tür auf. Débouchés Assistentin Yvonne Dechamps stand im Rahmen, außer Atem, ungeschminkt, unter einem blauen Regenmantel nur wenig bekleidet. Das blonde Haar fiel ihr lose und breit auf die Schultern. Entsetzt aufgerissen waren die meergrünen Augen. Der schöne Mund zuckte. »Es ist wahr … Captain Everett … Sie sind es wirklich …«
Mit drei Schritten war sie bei Thomas. Débouché machte eine heftige Bewegung. Sie starrte Thomas an. Ihre Worte überstürzten sich: »Die Frau des Pedells rief mich an … Ich wohne auch hier … Was ist geschehen, Captain Everett, was ist geschehen?«
Thomas preßte die Lippen zusammen und schwieg. Plötzlich griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest mit beiden Händen. Und erst jetzt wurde ihr bewußt, daß Débouché gebrochen dasaß, greisenhaft, verzweifelt.
»Was ist geschehen, Professor?« rief Yvonne in jäh hochschießender Panik.
»Mein Kind. Der Mann, dessen Hand du hältst, ist ein deutscher Agent …«
Langsam, ganz langsam trat Yvonne Dechamps von Thomas zurück. Sie schwankte, als wäre sie betrunken. Nun sank sie in einen Sessel. Professor Débouché berichtete mit heiserer Stimme, was ihm Thomas erzählt hatte.
Yvonne lauschte, ohne den Blick von Thomas zu nehmen. Immer dunkler wurden ihre grünen Augen, Haß und Verachtung erfüllten sie zuletzt. Die Lippen bewegten sich kaum, als sie sprach: »Ich denke, Sie sind das Gemeinste und Schmutzigste, was es gibt, Herr – Lieven. Ich denke, Sie sind der größte Schuft, Sie sind wahrhaft hassenswert.«
»Es ist mir egal, was Sie von mir denken«, sagte Thomas. »Ich bin nicht schuld daran, daß es nicht nur bei uns, sondern auch bei Ihnen so eitle, selbstsüchtige Idioten wie diesen Rouff und diesen Cassier gibt. Monatelang ging alles gut …«
»Gut nennen Sie das, Sie Schwein?«
»Ja«, sagte Thomas. Er fühlte, wie er immer ruhiger wurde. »Das nenne ich gut. Es wurde niemand erschossen in dieser Gegend seit Monaten. Kein Deutscher. Kein Franzose. Es hätte so weitergehen können. Ich hätte Sie alle beschützen können bis zum Ende dieses verfluchten Krieges …«
Yvonne schrie plötzlich, hoch und hysterisch wie ein Kind, sprang taumelnd auf und spuckte Thomas ins Gesicht. Der Professor riß sie heftig zurück.
Thomas fuhr sich mit einem Taschentuch über die Wange. Er sah Yvonne schweigend an. Sie hat recht, dachte er. Von ihrem Standpunkt aus hat sie recht. Alle haben recht, von ihren Standpunkten aus – auch ich. Denn ich will gegen alle anständig sein …
Yvonne Dechamps wollte zur Tür stürzen. Thomas riß sie zurück. Sie flog krachend gegen die Wand. Die Zähne gefletscht, keuchte sie ihn an.
»Sie bleiben hier.« Thomas stellte sich vor die Tür. »Als gestern abend die Namen durchkamen, verständigte die Abwehr sofort Berlin. Einsatz der Gebirgsjägereinheit, die vor der Stadt liegt, wurde angedroht. Daraufhin habe ich noch einmal mit dem Chef der Abwehr Paris gesprochen …«
»Warum?« fragte Professor Débouché.