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Thomas schüttelte den Kopf: »Das ist meine Sache.«

Der Professor sah ihn seltsam an. »Ich wollte Sie nicht verletzen …«

Dieser Mann, dachte Thomas, dieser bewunderungswürdige Mann, beginnt zu begreifen, beginnt mich zu verstehen … Wenn ich Glück habe – wenn wir alle Glück haben …

»Ich habe Oberst Werthe vor Augen geführt, daß die Aktion der Gebirgsjäger zweifellos Opfer kosten wird – Opfer auf beiden Seiten. Unsere Leute werden entschlossen vorgehen. Ihre Leute werden sich verzweifelt verteidigen. Blut wird fließen. Menschen werden sterben. Deutsche und Franzosen. Die Gestapo wird die Gefangenen foltern. Sie werden ihre Kameraden verraten.«

»Niemals!« rief Yvonne.

Thomas fuhr herum. »Halten Sie den Mund!«

Der alte Mann sagte: »Es gibt furchtbare Foltern.« Er sah Thomas plötzlich an, weise und traurig wie ein Prophet des Alten Testaments. »Sie wissen das, Herr Lieven – nicht wahr? Ich glaube, ich begreife nun vieles. Ich fühle, daß es immer noch stimmt. Erinnern Sie sich? Ich sagte einmal, daß ich Sie für anständig halte …«

Thomas schwieg. Yvonnes Atem kam rasselnd.

»Was haben Sie Ihrem Oberst noch gesagt, Herr Lieven?« fragte der Professor.

»Ich habe ihm einen Vorschlag gemacht. Der Vorschlag wurde inzwischen von Admiral Canaris gebilligt.«

»Wie lautet dieser Vorschlag?«

»Sie sind der geistige Führer des Maquis. Die Leute tun, was Sie sagen. Sie rufen die Gruppe bei der Mühle von Gargilesse zusammen und erklären das Unausweichliche der Lage. Dann können die Gebirgsjäger die Männer dort gefangennehmen, ohne daß ein Schuß fällt.«

»Und weiter?«

»In diesem Fall steht Admiral Canaris mit seinem Ehrenwort dafür ein, daß Sie alle nicht dem SD ausgeliefert werden, sondern als reguläre Kriegsgefangene in ein Wehrmachtslager kommen.«

»Das ist schlimm genug.«

»Unter den Umständen ist es von allen verbleibenden Möglichkeiten die beste. Der Krieg wird nicht ewig dauern.«

Professor Débouché antwortete nicht. Mit gesenktem Kopf stand er vor seinen Büchern.

Thomas dachte: Gib, Gott, daß dieser Krieg jetzt wirklich bald zu Ende geht. Es ist so furchtbar schwer, unter den Nazis ein anständiger Mensch zu bleiben. Laß diese Brut verrecken, endlich verrecken. Und laß mich in Frieden leben, endlich.

Es waren Wünsche, die noch lange, sehr lange nicht in Erfüllung gehen sollten …

Der Professor fragte: »Wie komme ich nach Gargilesse?«

»Mit mir im Wagen. Die Zeit drängt, Professor. Wenn Sie den Vorschlag nicht annehmen, beginnt um acht Uhr die Aktion der Gebirgsjäger ohne uns.«

»Und – Yvonne? Sie ist die einzige Frau der Gruppe … Eine Frau, Herr Lieven …«

Thomas lächelte traurig. »Mademoiselle Yvonne werde ich als meine persönliche Gefangene – bitte, lassen Sie mich ausreden – auf der Stadtpräfektur in eine Zelle setzen. Dort wird sie bleiben, bis die Aktion vorüber ist. Damit sie in ihrem patriotischen Drange kein Unheil anrichten kann. Dann werde ich sie holen, um sie nach Paris zu bringen. Und auf dem Weg dorthin wird sie mir entkommen.«

»Was?« Yvonne starrte ihn an.

»Es wird Ihnen gelingen zu fliehen«, sagte Thomas leise. »Das ist die zweite Vergünstigung, die ich von Oberst Werthe erhalten habe. Es ist sozusagen eine von der Deutschen Abwehr genehmigte Flucht.«

Yvonne trat dicht an Thomas heran. Sie keuchte vor Erregung: »Wenn es einen Gott gibt, wird er Sie bestrafen … Zugrunde sollen Sie gehen, langsam und elend … Ich werde nicht fliehen! Und Professor Débouché wird Ihren Vorschlag nie annehmen, nie! Wir werden kämpfen und sterben – alle.«

»Natürlich«, sagte Thomas müde. »Und jetzt setzen Sie sich wieder hin und halten endlich den Mund, Sie Heldenweib.«

7

geheim – 14.35 Uhr – 9 august – von abwehr paris an chef abwehr berlin – gebirgsjäger-bataillon raum clermont-ferrand unter sonderführer lieven nahm gegen 22 uhr am 7 august das maquis crozant gefangen – die mitglieder des maquis unter führung professor débouché leisteten keinen widerstand – verhaftet wurden 67 (siebenundsechzig) männer – die festgenommenen wurden weisungsgemäß in das wehrmachtskriegsgefangenenlager 343 gebracht – ende –

8

Am 27. September 1945 sagte Professor Débouché vor einem alliierten Untersuchungsausschuß in Paris wörtlich:

»Sämtliche Mitglieder des ›Maquis Crozant‹ wurden in dem Wehrmachtslager 343 human behandelt. Sie haben alle den Krieg überlebt und sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Ich muß betonen, daß wir alle unser Leben wohl nur dem Mut und der Humanität eines Deutschen verdanken, der uns zuerst als britischer Captain täuschte und der mich am 6. August 1943 in Clermont-Ferrand aufsuchte. Er sagte damals, sein Name wäre Sonderführer Thomas Lieven …«

Beamte des alliierten Untersuchungsausschusses machten sich daraufhin auf die Suche nach diesem »Sonderführer Lieven«. Sie fanden ihn nicht. Denn im Herbst 1945 waren ganz andere Organisationen als ein alliierter Untersuchungsausschuß hinter Thomas Lieven her, und aus diesem Grunde hatte er gerade … Doch halt, wir wollen ordentlich der Reihe nach erzählen. Noch schreiben wir August 1943.

9

Am 17. August 1943 gab das Oberkommando der Wehrmacht die – natürlich planmäßige – Räumung der Insel Sizilien bekannt. Außerdem hieß es, am mittleren Donez wären die Sowjets nach heftiger Artillerievorbereitung zum – natürlich lang erwarteten – Angriff angetreten.

In einer Großkundgebung der Landesgruppe Frankreich der NSDAP sprach Gauleiter Sauckel am gleichen Tag in Paris. Er führte unter anderem aus, daß das deutsche Volk im Augenblick seine größte und strahlendste Epoche erlebe. Der Endsieg, erklärte Sauckel, sei gewiß. Deutschland stehe im vierten Kriegsjahr ganz anders da als seinerzeit im Ersten Weltkrieg. Eher stürze darum die Welt ein, als daß Deutschland diesen Krieg verlieren könne.

Zur gleichen Zeit, da Gauleiter Sauckel dem Führer mit einem dreifachen Sieg-Heil dafür dankte, daß er das deutsche Volk zu solch einsamer Höhe und Größe geführt hatte, rief Oberst Werthe in seinem Büro im Hotel »Lutetia« den Hauptmann Brenner und den Sonderführer Lieven zu sich.

»Meine Herren«, sprach der Oberst, »ich habe soeben aus Berlin die entsprechenden Weisungen erhalten. Hauptmann Brenner, für Ihre Verdienste um die Liquidierung des ›Maquis Crozant‹ werden Sie rückwirkend zum 1. August zum Major befördert. Im Namen des Führers und Obersten Befehlshabers verleihe ich Ihnen ferner das Kriegsverdienstkreuz Erster Klasse mit Schwertern.«

Das war des kleinen Hauptmanns Brenner große Stunde! Seine Augen leuchteten hinter den blitzenden Brillengläsern wie die eines glücklichen Kindes am Heiligen Abend. Er stand stramm, Bauch hinein, Brust heraus!

»Bravo!« sagte der Zivilist Lieven, der an diesem Tag einen hervorragend geschnittenen blauen Sommeranzug, ein weißes Hemd und eine matt grau-rosa gestreifte Krawatte trug. »Ich gratuliere, Herr Major!«

Der neugebackene Major Brenner sagte beschämt: »Natürlich verdanke ich das alles nur Ihnen.«

»Unsinn!«

»Nein, kein Unsinn, Ihnen allein! Und ich gestehe, daß ich oft gegen Sie gewesen bin bei dieser Operation, daß ich die ganze Sache für verrückt hielt, daß ich kein Vertrauen zu Ihnen hatte …«

»Wenn Sie von nun an Vertrauen zu mir haben, dann ist alles gut«, sagte Thomas versöhnlich. In der Tat: Von Stund an verfügte Thomas in Major Brenner über einen ergebenen Bewunderer, der vor den verrücktesten und gewagtesten Operationen seines seltsamen Sonderführers nicht mehr zurückschrecken sollte. Oberst Werthe hatte die Spange zum Eisernen Kreuz Erster Klasse erhalten. »Das Kreuz habe ich schon aus dem Ersten Weltkrieg«, erklärte er.

»Sehen Sie«, sagte Thomas zu dem frischgebackenen Major Brenner, »wir haben zwei Weltkriege so knapp nacheinander begonnen, daß ein kräftiger, gesunder Mensch durchaus das Glück haben kann, sie beide in ihrer heroischen Größe zu erleben.«