»Nicht böse sein, Herr Oberst«, flötete sie, »isch ’aben immer schon wollen arbeiten in die Square du Bois de Boulogne …«
Anfang September 1943 hatte Thomas sich nach seinem Geschmack etabliert. Der Keller war gefüllt mit Schwarzmarkt-Spirituosen, die Küche mit Schwarzmarkt-Lebensmitteln. Die Bekämpfung des schwarzen Marktes konnte beginnen!
Menu • Paris, 10. September 1943
Mit einem Schinken beginnt
Thomas Lievens Schwarzmarkt-Karussell.
Schweineschinken in Rotwein
mit Selleriesalat und Salzkartoffeln
Savarin mit Früchten
Schweineschinken in Rotwein: Man nehme einen ganzen, frischen Schweineschinken, befreie ihn von der Schwarte und etwas vom Fett. – Man mache einen Brei aus geriebenen Zwiebeln, gestoßenem Pfeffer, Ingwer, Wacholderbeeren und Lorbeerblättern, reibe den Schinken mit der Hand fest damit ein, so daß er eine ganz braune Farbe bekommt. – Man lege den Schinken fünf bis acht Tage in einen Topf, übergieße ihn mit einer Flasche Rotwein und einer halben Flasche Essig, wende ihn öfters darin um. – Man reibe ihn vor dem Braten tüchtig mit Salz ein, setze ihn mit der Hälfte der Brühe aufs Feuer. Nach Einkochen der ersten Flüssigkeit stelle man den Schinken in den Bratofen, gebe dann den Rest der Brühe nach und nach zu. Man brate den Schinken zu schöner brauner Farbe, binde den Bratenfond zu einer sämigen Sauce und reiche Selleriesalat ohne Mayonnaise und Salzkartoffeln dazu. – Man rechne für den Schinken je nach Größe drei bis fünf Stunden Koch- und Bratzeit.
Savarin mit Früchten: Man nehme ein halbes Pfund Mehl, knapp ein achtel Liter Milch, 15 Gramm Hefe, 125 Gramm Butter, 30 Gramm Zucker, drei Eier und etwas Salz. – Man mache ein Hefestück mit einem Viertel des gewärmten Mehles und lasse es gehen. Man vermische es mit der geschmolzenen Butter und den übrigen Zutaten und schlage es, bis es Blasen wirft. – Man streiche eine Randform mit Butter aus, fülle sie zu drei Viertel mit dem Teig und lasse ihn aufgehen, bis sie voll ist, backe dann dreißig Minuten.
Inzwischen mache man eingemachte oder frisch geschmorte Pfirsichhälften (es können auch andere Früchte sein) heiß, ebenfalls ein achtel Pfund dicke Aprikosenmarmelade. Man stelle eine Flüssigkeit her aus: ein achtel Liter Saft der Früchte, zwei Eßlöffel Weißwein, je ein Eßlöffel Kirschwasser, Sherry, Maraschino und Zitronensaft, ein halber Teelöffel Rum und einem Stückchen gestoßener Vanille. – Man kippe den gebackenen Rand sofort auf eine vorgewärmte Schüssel, begieße ihn mit der heißen Flüssigkeit, bestreiche ihn mit der heißen Aprikosenmarmelade und bestreue ihn mit zwei Eßlöffel voll gewiegter Pistazien, richte die heißen Früchte in der Mitte hoch an. Man kann den Rand auch tags zuvor backen, muß ihn dann erwärmen, bevor man ihn begießt und verziert.
Die erste, einigermaßen mysteriöse Schlüsselfigur, auf die Oberst Werthe ihn ansetzte, war ein gewisser Jean-Paul Ferroud. Der weißhaarige Riese besaß, gleich Thomas, in Paris ein privates Bankhaus. Es schien, daß die größten und frechsten Schiebungen über ihn abgewickelt wurden.
Thomas lud den Bankier zum Essen ein.
Zweierlei taten Franzosen im Jahre 1943 nur unter ganz außerordentlichen Umständen: Deutsche besuchen und Deutsche einladen. Man traf sich in Restaurants, in Bars, im Theater – aber nicht zu Hause. Oder man hatte sehr, sehr gute Gründe dafür …
Die Affäre Ferroud begann denn auch gleich mit einer Überraschung für Thomas: Der Bankier sagte zu.
Fünf Tage bereitete Thomas Lieven mit Nanette dieses Abendessen vor. Ferroud kam um halb acht. Die Herren waren im Smoking.
Die sehr trockenen Martinis nahmen sie im Salon. Dann schritt man zu Tisch, auf dem Kerzen brannten.
Nanette servierte den Schinken.
Ferroud aß wie ein Kenner. Er beleckte dezent die Lippen: »Wirklich fabelhaft, Monsieur. Lag in Rotwein, wie?«
»Fünf Tage. Das Wichtigste war allerdings das Einreiben mit Wacholderbeeren, Ingwer, Lorbeerblättern, Pfefferkörnern und Zwiebeln. Sie müssen den Schinken einreiben, bis er fast schwarz wird.«
»Und Sie nahmen nur Rotwein?« Ferroud sah großartig aus, wie der Père noble eines französischen Theaters.
»Auch eine halbe Flasche Essig. Ich bin sehr glücklich, daß Sie meiner Einladung Folge geleistet haben.«
»Ich bitte Sie«, sagte der andere, Selleriesalat auf seine Gabel häufend, »man wird schließlich nicht jeden Tag von einem Agenten der Deutschen Abwehr eingeladen.«
Thomas aß ruhig weiter.
»Ich habe mich über Sie informiert, Monsieur Lieven. Eigentlich kann man Ihnen nur mißtrauen, soviel und gleichzeitig sowenig zeichnet sich aus den Informationen ab, wer Sie wirklich sind. Eines steht fest: Sie sind auf mich angesetzt, weil man mich für einen großen Drahtzieher des Schwarzmarktes hält! Stimmt’s?«
»Stimmt«, sagte Thomas. »Eine Scheibe Fleisch müssen Sie noch nehmen! Etwas verstehe ich nicht.«
»Was bitte?«
»Daß Sie, wenn Sie mir mißtrauen und wissen, was ich will, trotzdem zu mir kamen. Das muß doch einen Grund haben.«
»Natürlich hat das einen Grund. Ich wollte den Mann kennenlernen, der – vielleicht – mein Feind sein wird. Und ich möchte Ihren Preis erfahren, vielleicht können wir uns arrangieren, Monsieur …«
Thomas zog die Augenbrauen hoch. Er wirkte arrogant, als er sagte: »Sie sind doch nicht so gut über mich informiert. Schade, Monsieur Ferroud, ich hatte mich auf einen gleichwertigen Gegner gefreut …«
Der Bankier wurde rot. Er legte Messer und Gabel nieder. »Es gibt also kein Arrangement zwischen uns? Jetzt sage ich: Schade. Ich fürchte, Sie unterschätzen die Gefahr, in der Sie von jetzt an leben werden, Monsieur. Sie verstehen, daß ich niemanden in meine Karten schauen lassen kann. Schon gar nicht einen Unbestechlichen …«
12
Thomas Lieven hatte sich gerade auf die Couch gelegt, als in seiner Villa am Square du Bois de Boulogne zu Paris das Telefon klingelte. Es war 13 Uhr 46 am 13. September 1943 – ein historischer Augenblick! Denn dieser Telefonanruf sollte, auf längere Sicht betrachtet, eine Lawine von Ereignissen auslösen.
Er sollte Thomas Lieven das Wiedersehen mit einer Dame bescheren, das ihm, nach einer äußerst kurzen Periode der Seligkeit, schon bald beinahe das Leben kostete,
Thomas Lieven die Freundschaft eines Mannes bringen, der ihm wenige Monate später besagtes Leben rettete,
Thomas Lieven in die Lage versetzen, einen außerordentlich begreiflichen, wenn auch verwerflichen Mord und im Zusammenhang damit die größte Schwarzmarkt-Affäre des Jahres aufzuklären und unserem Freund schließlich die ewige Dankbarkeit einer verzweifelten Hausfrau und einer alten Köchin sichern, denen er in einer für Hausfrauen grauenvollen Situation hilfreich unter die Arme griff.
Ein recht gemischtes Programm, wie man sieht. Plus- und Minuspunkte. Trotzdem: Hätte Thomas geahnt, was ihn erwartete, er hätte das Telefon weiterklingeln lassen bis zum Jüngsten Tag. Aber er ahnte es nicht, und darum hob er den Hörer ab. »Ja?«
»Monsieur Lieven?«
Die Stimme kannte Thomas. Sie gehörte Jean-Paul Ferroud.
Liebenswürdig erkundigte sich Thomas nach dem Befinden des Bankiers. Es ginge ihm gut, sagte Ferroud.
»Und der Frau Gemahlin?«
»Gleichfalls, danke. Hören Sie, Herr Lieven, es tut mir leid, daß ich mich bei Ihnen so – hm, so kalt und aggressiv betrug …«
»Aber ich bitte Sie!«
»Nein, nein, nein! Bei einer so delikaten Schweinekeule noch dazu … Ich möchte das gern gutmachen.« Nanu? dachte Thomas. »Würden Sie meiner Frau und mir die Freude bereiten, heute abend bei uns zu speisen?«
Donnerwetter! dachte Thomas.
Mild ironisch meinte der Bankier: »Ich nehme an, daß Sie als Abwehragent genau wissen, wo ich wohne, oder?«