»Ließ sie, ja. Sie ist schon so alt. Sie sieht so schlecht. Er fiel auf die Herdplatte, als sie ihn aus dem Wasser hob. Er zerbrach – mir wird übel – in lauter kleine Stücke!«
»Madame, es gibt nur eine Sünde im Leben: den Mut zu verlieren. Courage. Sie haben die Tollkühnheit besessen, einen deutschen Agenten zu Tisch zu laden. Soll ein französischer Zander Sie in die Knie zwingen?«
Ferroud hielt sich plötzlich den schönen Kopf mit beiden Händen und äußerte: »Das geht zu weit …«
»Aber woher denn«, sagte Thomas. Und zu der Dame des Hauses: »Verzeihen Sie die indiskrete Frage – was sollte es denn vor dem Zander geben?«
»Schinken mit Sauce Cumberland.«
»Hm. Hm.« Er machte ein Gesicht wie der große Sauerbruch beim Konsilium. »Und – hm, nachher?«
»Schokoladenkaffeecreme.«
»Jaja«, sagte Thomas und nahm eine Olive zu sich, »das geht ausgezeichnet.«
»Was geht ausgezeichnet?« flüsterte die Dame, die gut und gerne 70 Karat an sich trug. Thomas verneigte sich vor ihr. »Es will mir scheinen, daß Sie von zwei Sorgen gequält werden, Madame. Von der einen jedenfalls kann ich Sie leicht befreien, wenn Sie mir erlauben, Ihre Küche zu betreten.«
»Sie … Sie glauben, Sie können noch etwas mit dem zerbrochenen Zander anfangen?« Ein unirdischer Ausdruck von Bewunderung trat in Marie-Louises Augen.
»Aber gewiß doch, Madame«, sprach unser Freund. »Wollen wir vielleicht die Gläser und den Shaker mitnehmen? Es kocht sich leichter bei einem Schlückchen. Wirklich ausgezeichnet, der Martini. Echter britischer Gordon-Gin. Wo haben Sie den im vierten Kriegsjahr nur immer noch herbekommen, Monsieur Ferroud …«
14
Was war hier also wirklich los?
Das erfuhr Thomas auch in der riesigen, gekachelten Küche nicht. Eine Schürze vor den Smoking gebunden, schaffte er elegant die Zander-Katastrophe aus der Welt. Bewundernd sahen ihm dabei zu: die schuldbewußte, kurzsichtige alte Köchin, die bleiche Hausfrau, der bleiche Hausherr. Das seltsame Ehepaar vergaß – vorübergehend wenigstens – seine gewaltige Nervosität. Thomas dachte: Ich kann warten. Und wenn das Theater weitergeht bis morgen früh. Einmal werdet ihr ja wohl den Mund aufmachen!
Er nahm die Gräten aus dem Unglücksfisch, enthäutete ihn und schnitt ihn blättrig. Trank einen Schluck und sprach: »Schwierige Jahre, meine Damen, haben mich erkennen lassen, daß das Leben einem meistens noch eine Chance gibt. Ein zerbrochener Zander ist immer noch besser als gar keiner. Wir bereiten jetzt eine schöne Sauce. Haben Sie Parmesankäse, Thérèse?«
»Soviel Sie wollen, Monsieur«, flötete die alte Köchin. »Ach, ich bin ja so verzweifelt, daß mir das passieren mußte!«
»Fassen Sie sich, meine Gute. Trinken Sie einen Schluck, es beruhigt.« Der Hausherr goß der Köchin das Glas voll. Thomas sagte: »Weißwein, saure Sahne und Butter, bitte.«
Er bekam, was er verlangte. Alle sahen ihm zu, wie er die Sauce bereitete. Dann gab es plötzlich Lärm im Haus. Eine hohe Frauenstimme ertönte, eine hohe Männerstimme. Die Hausfrau erbleichte. Der Hausherr stürzte zur Tür. In dieser stieß er mit dem chinesischen Diener zusammen. Der hatte eine einfache Art, aus dem, was er hervorsprudelte, ein Geheimnis zu machen: Er sprudelte es chinesisch hervor.
Dazu wies er hinter sich, die Hausfrau, des Chinesischen offensichtlich mächtig, schrie auf. Der Hausherr herrschte sie chinesisch an. Sie sank auf einen Küchenhocker. Der Hausherr folgte Shen-Tai, ohne sich zu entschuldigen. Die Tür flog hinter ihm ins Schloß.
Na ja, dachte Thomas, so geht es also zu bei feinen Franzosen. Was soll man machen? Er beschloß, sich durch nichts mehr erschüttern zu lassen. »Haben wir Kapern, Thérèse?«
»O heilige Jungfrau, die arme gnädige Frau …«
»Thérèse!«
»Kapern – jawohl, sind da.«
»Und Champignons?«
»Au-auch … Madame, kann ich etwas für Sie tun?«
Die Hausfrau faßte sich. Sie sah auf: »Bitte, verzeihen Sie das alles, Herr Lieven. Shen-Tai ist seit zehn Jahren bei uns. Wir haben keine Geheimnisse vor ihm. Er kam in Shanghai zu uns … Wir lebten lange dort …«
Im Haus erklangen laute Stimmen. Dann fiel etwas um. Thomas dachte: Gor net ignorieren, würde mein Freund, der Gefreite Karli Schlumberger, sagen.
»Und in die Röhre damit, Thérèse.«
»Ich habe Kummer mit meiner Cousine, Herr Lieven.«
»Das tut mir leid, Madame. Und nun bei sanfter Hitze überbacken.«
»Sie soll mit uns essen, wissen Sie. Sie wollte aber eben fluchtartig das Haus verlassen. Shen-Tai hat das im letzten Augenblick verhindert.«
»Ein aufregender Abend, fürwahr. Warum wollte Ihre verehrte Cousine fliehen?«
»Ihretwegen.«
»Hr-rm. Meinetwegen?«
»Ja. Sie – sie wollte Ihnen nicht begegnen.« Die Hausfrau stand auf. »Mein Mann ist jetzt mit ihr im Salon. Bitte, kommen Sie. Ich bin sicher, Thérèse kennt sich nun aus.«
»Ordentlich mit Parmesan, Kapern und Champignons überstreuen, Thérèse«, sagte Thomas. Er nahm sein Glas und den Shaker. »Madame, ich bin begierig, Ihre Verwandte kennenzulernen – eine Dame, die vor mir schon fliehen will, bevor sie mich kennt. Was für ein Kompliment!«
Er folgte der Hausfrau. Als er den Salon betrat, passierte ihm dann etwas, was ihm noch nie passiert war: Er ließ sein Martiniglas fallen. Der Drink sickerte in den dicken Teppich. Thomas stand wie gelähmt. Er starrte die schlanke junge Frau an, die auf einem antiken Sessel saß. Ferroud stand neben ihr wie ein Leibwächter. Aber unser Freund sah nur diese junge, blasse Frau mit den zusammengepreßten Lippen und den schräggeschnittenen grünen Augen, den streng gekämmten blonden Haaren, den hohen Backenknochen. Heiser kam ihre Stimme: »Guten Abend, Herr Sonderführer.«
»Guten Abend, Mademoiselle Dechamps«, sagte er mühsam. Und dann verneigte er sich vor der ehemaligen Assistentin Professor Débouchés, der ehemaligen Partisanin des »Maquis Crozant«, dieser leidenschaftlichen Deutschenhasserin, die ihm in Clermont-Ferrand ins Gesicht gespuckt und den Tod gewünscht hatte, einen langsamen, qualvollen Tod …
Jean-Paul Ferroud hob das Glas auf, das Thomas fallen lassen hatte, und sagte: »Wir haben Yvonne nicht erzählt, wer heute abend zu Besuch kommt. Sie … Sie hörte Ihre Stimme, als wir in die Küche gingen – und erkannte Sie wieder – und wollte weglaufen … Sie können sich denken, warum.«
»Ich kann es mir denken.«
»Nun gut, wir haben uns in Ihre Hand begeben, Herr Lieven. Yvonne ist in Todesgefahr. Die Gestapo jagt hinter ihr her. Wenn man ihr nicht hilft, ist sie verloren.«
Yvonne Dechamps’ Augen verengten sich zu Schlitzen. So sah sie Thomas an. Und in ihrem schönen Gesicht waren zu erkennen: Scham und Zorn, Verwirrung und Haß, Angst und Aufbegehren.
Thomas Lieven dachte:
Ich habe sie zweimal verraten. Einmal als Deutscher und einmal als Mann. Dieses zweite Mal kann sie mir nicht vergeben. Darum der Haß. Wenn ich damals in der Mühle von Gargilesse in ihrem Zimmer geblieben wäre …
Er hörte Ferroud sagen: »Sie sind Bankier wie ich. Ich rede nicht von Sentiments. Ich rede von Geschäften. Sie wollen Informationen über den schwarzen Markt. Ich will, daß der Cousine meiner Frau nichts passiert. Klar?«
»Klar«, sagte Thomas. Seine Lippen waren plötzlich trocken wie Pergament. Er fragte Yvonne: »Wieso ist die Gestapo hinter Ihnen her?« Sie warf den Kopf zurück und sah zur Seite.
»Yvonne!« rief Madame Ferroud wütend.
Thomas zuckte die Schultern. »Ihre Cousine und ich sind gute alte Feinde, Madame. Sie kann mir nicht verzeihen, daß ich sie damals in Clermont-Ferrand laufenließ. Ich gab ihr noch die Adresse eines Freundes namens Bastian Fabre. Der hätte sie versteckt. Leider scheint sie ihn nicht aufgesucht zu haben.«
»Sie hat die Führer des Maquis von Limoges aufgesucht, um weiter in der Résistance zu arbeiten«, sagte Ferroud.