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»Unsere kleine Patriotin, das Heldenweib«, sagte Thomas und seufzte.

Plötzlich sah Yvonne ihn an, offen und ruhig, und zum erstenmal ohne Haß. Sie sagte einfach: »Es ist mein Land, Herr Lieven. Ich wollte für mein Land weiterkämpfen. Was hätten Sie getan?«

»Ich weiß es nicht. Dasselbe vielleicht. Was passierte?«

Yvonne senkte den Kopf.

Ferroud sagte: »Es war ein Verräter in der Gruppe. Der Funker. Die Gestapo verhaftete 55 Maquisards. Sechs sucht sie noch. Einer der sechs sitzt hier.«

»Yvonne hat Verwandte in Lissabon«, sagte Madame Ferroud. »Wenn sie dorthin kommt, ist sie gerettet.«

Die beiden Männer sahen sich stumm an. Thomas wußte: Das war der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit. Aber, dachte er, wie ich das alles meinem Oberst verkaufe, weiß der liebe Himmel!

Der chinesische Diener erschien mit Verneigungen. »Das Essen ist fertig«, sagte Madame Ferroud.

Sie ging voraus in das Speisezimmer. Die andern folgten ihr. Dabei streifte Thomas Lievens Hand Yvonnes Arm. Sie zuckte zusammen, als hätte sie einen elektrischen Schlag erhalten. Er sah sie an. Ihre Augen wurden plötzlich dunkel. Das Blut schoß ihr zu Kopf.

»Das müssen Sie sich aber schleunigst abgewöhnen«, sagte er.

»Wa-was?«

»Dieses Erschrecken. Dieses Erröten. Als Agentin der Deutschen Abwehr müssen Sie sich besser beherrschen.«

»Als – als was?«

»Als deutsche Abwehragentin«, erwiderte Thomas Lieven. »Was ist denn los? Haben Sie gedacht, ich kann Sie als französische Widerstandskämpferin nach Lissabon bringen?«

15

Der planmäßige Nachtschnellzug nach Marseille, der Paris um 21 Uhr 50 verließ, führte drei Schlafwagen mit sich. Die nebeneinanderliegenden Mittelabteile eines dieser Wagen waren am Abend des 17. September 1943 für Angehörige der Deutschen Abwehr reserviert.

Zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges erschien ein gutgekleideter Zivilist in Gesellschaft einer eleganten jungen Dame im Gang dieses Schlafwagens und winkte den französischen Schaffner herbei. Die Dame trug einen Kamelhaarmantel, dessen Kragen hochgestellt war, und einen Hut von männlicher Fasson mit breiter Krempe, wie er damals gerade modern war. Es war schwer möglich, der Dame ins Gesicht zu sehen.

Der Herr zeigte dem Schaffner seine Platzreservierung und drückte ihm eine sehr große Banknote in die Hand.

»Danke, Monsieur, ich bringe gleich die Gläser …« Der Schaffner öffnete die Türen der beiden für die Deutsche Abwehr reservierten Abteile. In dem einen stand ein Silberkübel voll Eis, in welchem eine Flasche Veuve Clicquot steckte. Auf dem Fenstertischchen stand eine Vase mit zwanzig roten Nelken. Die Verbindungstür der Abteile war geöffnet.

Thomas Lieven schloß die Gangtüren. Yvonne Dechamps nahm ihren großen Hut ab. Wieder errötete sie tief.

»Ich habe Ihnen doch verboten zu erröten«, sagte Thomas. Er zog die Lichtblende vor dem Fenster hoch und sah auf den Perron hinaus. Draußen marschierten gerade zwei Unteroffiziere der Wehrmachts-Zugkontrolle vorbei. »Hm.« Thomas ließ den schwarzen Glanzstoffvorhang wieder herab.

»Was ist? Warum sehen Sie mich so an? Habe ich schon wieder Frankreich verraten?«

»Der Champagner – die Blumen … Warum tun Sie das?«

»Damit Sie ein bißchen ruhiger werden. Herrgott, Sie sind ja nur noch ein Nervenbündel! Bei jedem Geräusch fahren Sie zusammen. Nach jedem Kerl sehen Sie sich um. Dabei kann Ihnen gar nichts passieren. Sie heißen Madeleine Noël und sind eine Agentin der Deutschen Abwehr. Sie haben einen deutschen Abwehrausweis!«

Um diesen Ausweis zu bekommen, hatte Thomas sich im Hotel »Lutetia« einen Tag lang den Mund heiß reden müssen. Oberst Werthe seufzte zuletzt kopfschüttelnd: »Lieven, Sie sind das Ende der Abwehr in Paris. So einen Kerl wie Sie haben wir gerade noch nötig gehabt!«

In diesem kritischen Moment hatte unser Freund Schützenhilfe von einer Seite erhalten, von der er keine erwartete. Major Brenner, vormals sein mißtrauischer Rivale, nun sein Bewunderer, mischte sich ein: »Wenn ich mir gehorsamst gestatten darf zu bemerken: Sonderführer Lieven hat auch im Fall ›Maquis Crozant‹ ungewöhnliche Methoden vorgeschlagen – und wir haben mit ihnen Erfolg gehabt.«

Der sorgsam gescheitelte kleine Brenner schielte über die Brille auf das linke seiner geflochtenen Majorschulterstücke, an deren Stelle sich vor kurzem noch einfache Hauptmannschulterstücke befunden hatten. »Wenn dieser Ferroud wirklich auspackt …«

»Und das wird er, wenn ich das Mädchen rausbringe«, sagte Thomas und blinzelte Brenner zu.

»… wer weiß, was für einen Coup wir dann landen können, Herr Oberst«, endete Brenner. Die Luft ging ihm aus, denn er dachte daran, daß bei einem neuen Coup – o du liebe Güte – für ihn vielleicht der nächsthöhere Rang eines Oberstleutnants drin war.

Schließlich gab Werthe auf. »Also schön, Sie kriegen Ihren Ausweis. Aber ich bitte mir aus, daß Sie die Dame bis Marseille begleiten. Sie bleiben an ihrer Seite, bis sie im Flugzeug sitzt, verstanden! Das fehlte mir noch, daß der SD sie in die Mache kriegt und es heißt, die Abwehr fliegt französische Widerstandskämpferinnen raus!«

Major Brenner sah Thomas bewundernd an. Ein Kerl. Ein Pfundskerl! Wenn man doch auch so sein könnte. Warum eigentlich nicht? Major Brenner beschloß insgeheim, bei nächster Gelegenheit zu beweisen, daß er auch ein Pfundskerl war …

Ja, das alles also war jenem Augenblick vorangegangen, in welchem nun, fünf Minuten vor Abfahrt des Nachtschnellzuges nach Marseille, der Schaffner Emile an die Tür des Abteils 17 klopfte, um den Herrschaften darin zwei Champagnergläser zu bringen.

»Herein!« rief Thomas Lieven.

Schaffner Emile öffnete die Tür. Er mußte sie ganz öffnen, um eine außerordentlich große und hagere Dame vorbeizulassen, die eine andere Dame zur Bahn gebracht hatte und sich nun anschickte, den Schlafwagen zu verlassen.

Die Dame, die nun das geöffnete Abteil 17 passierte, in welchem Thomas Lieven und Yvonne Dechamps nebeneinanderstanden, trug die Uniform einer Stabshauptführerin des Deutschen Arbeitsdienstes. Das farblose Haar hatte sie zu einem Knoten hochgenommen, an der Uniformjacke saß das goldene Parteiabzeichen, am Verschluß der strengen Bluse saß eine schwere, gehämmerte Brosche. Die Stabshauptführerin Mielcke, persönliche Referentin des Reichsarbeitsführers Hierl, trug braune Wollstrümpfe und flache braune Schuhe.

Eine unerforschliche Laune des Schicksals wollte es, daß sie just in jenem Moment an Thomas Lievens Abteil vorüberging, in welchem Schaffner Emile es geöffnet hatte. Sie hätte früher daran vorübergehen können, später, überhaupt nicht. Sie ging vorüber im unglückseligsten aller Augenblicke, sie sah und erkannte diesen Kerl, mit dem sie vor ein paar Wochen eine so ungeheuerliche Auseinandersetzung gehabt hatte, sie sah die schöne junge Frau an seiner Seite. Und eine weitere unerforschliche Laune des Schicksals wollte es, daß Thomas Lieven die Stabshauptführerin Mielcke nicht sah. Er wandte ihr das Profil zu. Im nächsten Augenblick war sie auch schon verschwunden …

»Ah, die Gläser!« freute sich Thomas. »Lassen Sie nur, ich mache die Flasche selber auf, Emile.« Er tat es, und sie tranken gerade das erste Glas, als zwei Minuten vor Abfahrt des Zuges die beiden Unteroffiziere der Zugkontrolle in ihrem Abteil erschienen.

Yvonne zeigte, daß sie nicht nur hysterisch sein konnte. Sie blieb vollkommen gefaßt. Die deutschen Soldaten waren sehr höflich. Sie ließen sich die Ausweise zeigen, grüßten, wünschten eine angenehme Reise und verschwanden wieder.

»Na, bitte!« sagte Thomas Lieven. »Geht doch wie am Schnürchen!«

Die beiden Soldaten verließen den Schlafwagen. Sie schritten auf die Stabshauptführerin zu, die auf dem Perron stand und sie ersucht hatte, die beiden Personen im Abteil 17 zu kontrollieren. Der eine Soldat sagte: »Die Leute sind in Ordnung, Stabshauptführerin. Abwehr Paris, alle beide. Ein gewisser Thomas Lieven und eine gewisse Madeleine Noël.«