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»Rumänische?« Thomas fuhr hoch. »Wie können rumänische Scheine in so riesigen Mengen nach Frankreich gekommen sein?«

»Das weiß ich nicht.« Ferroud ging zu seinem Schreibtisch und entnahm ihm zwei dicke Bündel mit speckigen Reichskreditkassenscheinen im Wert von jeweils 10 000 Mark. »Ich weiß nur, daß sie da sind. Hier bitte, sehen Sie, die rumänischen Kennzahlen. Und, Monsieur, ich glaube nicht, daß Franzosen in der Lage waren, diese für Rumänien bestimmte Sintflut auf ihr eigenes Land umzuleiten …«

18

»… Ferroud weiß nicht, wie die rumänischen Kassenscheine nach Frankreich gekommen sind«, berichtete Thomas Lieven zwei Stunden später im Büro des Oberst Werthe im Hotel »Lutetia«. Er sprach schnell, Jagdfieber hatte ihn gepackt. Es entging ihm, daß Oberst Werthe und der kleine, ehrgeizige Major Brenner, seine beiden Zuhörer, bisweilen seltsame Blicke miteinander tauschten. Er war zu sehr in Fahrt. »Aber fest steht für Ferroud, daß die Scheine nur von Deutschen ins Land gebracht werden konnten, daß also Deutsche die Leiter der gesamten Organisation sein müssen.«

»Davon ist Ihr Monsieur Ferroud also überzeugt«, sagte Oberst Werthe gedehnt und sah Brenner an.

»Was ist eigentlich hier los?« Jetzt bemerkte Thomas, daß etwas nicht stimmte. »Was sollen die Blicke?«

Oberst Werthe seufzte und sah Brenner an: »Sagen Sie es ihm.«

Major Brenner biß sich auf die Lippen: »Ihr Freund Ferroud hat große Schwierigkeiten zu erwarten. Seit einer halben Stunde steht er unter Hausarrest. Wenn Sie noch ein bißchen länger bei ihm geblieben wären, hätten Sie Ihren alten Freunden, dem Sturmbannführer Eicher und seinem Adjutanten Winter, guten Tag sagen können.«

Thomas wurde es kalt. »Was ist geschehen?«

»Vor zwei Tagen wurde in Toulouse ein gewisser Untersturmführer Erich Petersen ermordet. Erschossen. In seinem Hotel. Hotel ›Victoria‹. Der Täter entkam. Für den SD steht fest, daß es sich um eine politische Aktion handelt. Um eine Demonstration. Der Führer hat bereits ein Staatsbegräbnis angeordnet.«

»Himmler verlangt, daß schärfstens durchgegriffen wird«, sagte Oberst Werthe.

»Der SD Toulouse hat sich an die französische Polizei gewandt, und diese hat ihm eine Liste von 50 Kommunisten und 100 Juden übergeben«, sagte Brenner. »Aus ihren Reihen wird man die Geiseln auswählen, die für den Mord an Petersen erschossen werden.«

»Charmant von der französischen Polizei, dieses Entgegenkommen, Herr Lieven, nicht wahr?« sagte Oberst Werthe bissig. »Immer nur rein in die Gestapo-Fratze. Und wenn die eigenen Landsleute verrecken dabei.«

»Moment, Moment mal«, sagte Thomas. »Ich komme nicht mehr mit. Ich habe zwei Fragen. Erstens: Warum ein solches Theater um diesen Herrn Petersen?«

Brenner antwortete: »Weil dieser Herr Petersen Blutordensträger war. Darum ist im Reichssicherheitshauptamt der Teufel los. Darum ist Bormann persönlich zu Himmler gelaufen und hat nach blutiger Vergeltung verlangt.«

»Schön«, sagte Thomas, »das leuchtet mir ein. Frage zwei: Was hat mein Bankier Ferroud mit dem Mord in Toulouse zu tun?«

»Der SD Toulouse hat eine Reihe von Zeugen verhört. Darunter befindet sich auch ein V-Mann der Gestapo, ein kleiner Geldverleiher namens Victor Robinson. Dieser Robinson hat dem SD Beweise dafür geliefert, daß Ihr Jean-Paul Ferroud der geistige Urheber des Mordes an Untersturmführer Erich Petersen ist.«

Das Gehirn unseres Freundes arbeitete rasend: Blutordensträger Petersen ermordet. Ferroud unter Verdacht. Ich weiß viel von ihm. Aber er – er weiß jetzt auch viel von mir. Hat er mich hereingelegt? Hat er die Wahrheit gesagt? Was wird mit ihm geschehen? Mit mir? Mit den 50 Kommunisten? Mit den 100 Juden?

Thomas mußte sich räuspern, ehe er sprechen konnte: »Herr Oberst, Ferroud ist davon überzeugt, daß Deutsche die Organisation eines Riesenbetruges mit Reichskreditkassenscheinen leiten.«

Er sprach stockend, er suchte nach Worten. »Ist es nicht seltsam, daß der SD den Bankier Ferroud gerade in dem Moment kassiert, in dem er sich für uns interessant gemacht hat?«

»Ich verstehe kein Wort«, sagte der biedere Major Brenner.

»Das habe ich auch nicht angenommen«, sagte Thomas nicht unfreundlich. Und zu Werthe: »Ich kann das alles nicht beweisen, aber ich habe das Gefühl, wir dürfen Ferroud jetzt nicht fallenlassen! Die Abwehr muß in dieser Sache mit am Ball bleiben!«

»Wie stellen Sie sich das vor?«

»Herr Oberst, Sie wissen, ich habe in Marseille gelebt. In dieser Zeit lernte ich zwei Herren kennen, die in Toulouse zu Hause sind. Paul de la Rue und Fred Meyer …«

Fred Meyer und Paul de la Rue – der geneigte Leser wird sich erinnern, daß diese beiden ehedem verwilderten Ganoven von Thomas Lieven in einem aufreibenden Schnellkursus zu Gentlemen umgeschult wurden, ehe sie den Juwelier Marius Pissoladière um Schmuck im Werte von rund acht Millionen Franc erleichterten. Thomas Lieven umschrieb dezent die wahre Art seiner Beziehung zu den beiden Unterweltlern und sagte: »Ich werde also nach Toulouse fahren!«

»Nach Toulouse?«

»Nach Toulouse, jawohl! Ein Verbrechen in ihrer Stadt, von dem die beiden Herren nichts wissen, gibt’s nicht! Und mir sagen sie, was sie wissen.«

»Und der SD?«

»Sie müssen zu Eicher gehen, Herr Oberst. Sie müssen ihm klarmachen, daß Ferroud für uns im Augenblick außerordentlich wichtig ist. Sie müssen ihm die Mitarbeit der Abwehr bei der Aufklärung des Mordes an Untersturmführer Petersen anbieten.«

Der kleine Major Brenner nahm seine Brille ab und putzte sie umständlich. Er dachte, sich auf die Lippen beißend: Bei der verrückten Partisanengeschichte habe ich mir die Schnauze verbrannt. Und versucht querzuschießen. Und die große Lippe riskiert. Folge? Major Brenner blickte auf das linke seiner beiden geflochtenen Majorschulterstücke. »Nach reiflicher Überlegung komme ich zu Herrn Lievens Ansicht. Wir dürfen uns wirklich nicht aus der Partie spielen lassen. Wir müssen wirklich am Ball bleiben. Die Sache mit den RKKs ist zu wichtig …«

Thomas drehte den Kopf zur Seite. Er begann sanft zu grinsen.

Oberst Werthe regte sich auf: »Ich soll schon wieder zu diesen Schweinen laufen und Männchen machen?«

»Gar nicht Männchen machen, Herr Oberst!« rief Brenner. »Den alten Trick anwenden! Rübergehen im Großen Dienstanzug und eine Geheime Kommandosache vorlegen!«

»Ihr seid ja beide verrückt«, sagte Oberst Werthe. »Dieser Eicher kriegt schon einen roten Kopf, wenn er mich bloß sieht!«

»Herr Oberst, mit einer gefälschten ›Gekados‹ haben wir Herrn Lieven rausgekriegt! Da werden wir uns doch mit einer echten noch in den Petersen-Mord einschalten können!«

19

»Dieser dreimal gottverfluchte Scheiß-Lieven«, sagte der joviale, untersetzte und rotgesichtige Sturmbannführer Walter Eicher. Er saß in der zu einem Büro umgewandelten Bibliothek des Hauses 84 in der Avenue Foch. Vor ihm saßen sein Adjutant Fritz Winter und der Obersturmführer Ernst Redecker, ein blonder Ästhet, der Rilke und George liebte.

Es war gegen 19 Uhr am 23. September 1943. Sturmbannführer Eicher hatte seinen Dienst beendet. Häufig und gerne unterhielt er sich nach des Tages Mühen bei einem guten Schluck noch ein Stündchen mit seinem Adjutanten. Und nicht ungern sah er es, wenn Obersturmführer Redecker sich zu ihnen gesellte, denn dieser strebsame Mann hatte einen besonderen Vorzug: Er war ein leiblicher Schwager des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler. Von Zeit zu Zeit erhielt Redecker persönliche Briefe vom »Reichsheini«, die sehr herzlich gehalten waren und die er mit verständlichem Stolz herumzeigte. Einen solchen Mann mußte man sich warmhalten, fand Eicher – und tat es.

Doch zu Plaudereien am Kamin war diesmal nicht die richtige Stimmung. Der Sturmbannführer knurrte: »Jeden Tag neuer Ärger. Eben war Oberst Werthe von der Abwehr bei mir.« Noch einmal fluchte Eicher: »Dieser gottverdammte Scheiß-Lieven.«