»Den wir in der Mache hatten?« fragte Adjutant Winter mit glitzernden Augen.
»Leider haben wir ihn nicht genug in der Mache gehabt. Entschuldigen Sie, Obersturmführer, ist sonst nicht meine Art, so zu reden – aber mit dem Saukerl haben wir auch nur Ärger.«
»Was ist denn diesmal?« forschte Winter.
»Ach, der Mord an Petersen.«
Hart setzte der leibliche Schwager des »Reichsheinis« sein Kognakglas auf den Tisch. In seinem Gesicht zuckte es; er wechselte die Farbe. Allgemein war bekannt, daß den Obersturmführer Redecker große Freundschaft mit dem in Toulouse erschossenen Erich Petersen verbunden hatte. Seine Erregung war darum verständlich.
Eicher erklärte, Oberst Werthe sei bei ihm erschienen, um mitzuteilen, daß die Abwehr ein dringendes Interesse an dem unter Verdacht stehenden Bankier Ferroud habe, der wichtigsten Schlüsselfigur eines gewaltigen Devisenschmuggelringes, dem offensichtlich auch Deutsche angehörten.
Redecker trank. Er war plötzlich so nervös, daß er etwas Kognak verschüttete. Seine Stimme klang heiser: »Na und? Was hat Petersen mit Devisenschmuggel zu tun?«
»Nichts, selbstverständlich. Aber Werthe ersuchte mich, die Aufklärung des gemeinen Mordes an unserem Kameraden mit der Abwehr gemeinsam durchzuführen.«
Aufgeregt fragte Redecker: »Sie haben natürlich abgelehnt, Sturmbannführer?«
»Ich habe natürlich abgelehnt – zunächst. Aber dann kam Werthe prompt mit ›Gekados‹ und so und bestand darauf, von meinem Büro aus mit Canaris zu telefonieren. Der sprach offensichtlich mit Ihrem Schwager. Denn vor einer halben Stunde kam ein Fernschreiben aus dem Reichssicherheitshauptamt. Die Untersuchung ist mit der Abwehr gemeinsam durchzuführen.«
Aus unerklärlichen Gründen traten Redecker plötzlich Schweißtropfen auf die Stirn. Niemand bemerkte es. Er stand auf, wandte den beiden Herren den Rücken zu und wischte die Schweißtropfen fort. Dabei hörte er Eichers zornige Stimme: »Werthe ist schon runter nach Toulouse. Und wer begleitet ihn? Herr Lieven! Ein dreckiger Doppelagent! Ein Schweinehund, der unsere Leute übers Ohr gehauen hat! Ein Mann, der seit Jahren ins Massengrab gehört!« Eicher trank erregt seinen Kognak. »Wenn ich diesen Kerl noch mal in die Finger kriege … Was ist?«
Einer seiner Beamten war eingetreten: »Da wäre eine Frau. Sagt, sie möchte Sie sprechen.«
»Soll morgen wiederkommen. Vorher anmelden.«
»Verzeihung, Sturmbannführer, es ist eine Stabshauptführerin …«
»Was?«
»Ja … Stabshauptführerin Mielcke. Persönlicher Stab Reichsarbeitsführer Hierl. Will eine Anzeige erstatten …«
»Gegen wen?«
»Gegen einen gewissen Sonderführer Lieven.«
Redecker hustete kurz. Winter blinzelte. Eicher nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre und blies den Rauch aus. Dann erhob er sich. »Ich lasse die Stabshauptführerin bitten!«
2. Kapitel
1
Die Rue des Bergères mit ihren Bistros, winzigen Restaurants und kleinen Bars lag in der malerischen Altstadt von Toulouse. Thomas Lieven lächelte traurig, als er in die kleine Straße einbog. Genau wie vor drei Jahren, als er auf der Flucht vor den Deutschen mit seiner Freundin, der Schauspielerin Mimi Chambert, und dem Heldendummkopf Oberst Siméon hierhergekommen war, trippelten auch jetzt noch sehr viele hübsche Mädchen hier umher, alle ein wenig zu grell geschminkt und alle ein wenig zu offenherzig angezogen.
Thomas hatte schon erfahren, daß Jeanne Perrier, die löwenhaarige Besitzerin jenes diskreten Hotels, nicht in der Stadt war. Zu gerne hätte er sie und ihre Mädchen besucht. Natürlich nur, um alte Erinnerungen zu tauschen …
Er blieb stehen. Das Haus war schäbig. Der Flur war schäbig. Er erreichte eine Tür im dritten Stock.
An der Tür stand:
PAUL DE LA RUE – FRED MEYER
IMMOBILIEN
Thomas Lieven grinste, als er klingelte. Thomas dachte: Immobilien. Als ich sie kennenlernte, waren sie noch Bilderfälscher, Hoteldiebe und Kassenschränker. Voilà, eine Karriere.
Schritte näherten sich von jenseits der Tür, sie wurde geöffnet. Paul de la Rue, Hugenotten-Nachfahre, stand in ihrem Rahmen. Er war mit Geschmack gekleidet und vorzüglich frisiert.
Seine hohe Figur und der schmale Schädel gaben ihm etwas ergreifend Aristokratisches. Er begann fein: »Guten Tag, mein Herr, womit kann ich dienen?«
Dann stieß er einen Schrei aus: »Nom de Dieu, es ist Pierre!«
Krachend schlug er Thomas, den er unter dem Namen Pierre Hunebelle kennengelernt hatte, auf die Schulter. Für Sekunden vergaß er seine gute Erziehung: »Mensch, ich beiß’ mir in den Allerschönsten! Du lebst? Mir haben sie erzählt, die Gestapo hat dich gekillt!«
»Hübsch habt ihr es hier«, sprach Thomas, sich der Umarmungen Pauls erwehrend und in die Wohnung hineingehend. »Mein Unterricht hat wirklich Früchte getragen. Nur die Nippesfiguren da drüben, das Rehlein, das Elflein und die Tänzerin, die müssen natürlich raus!«
Paul starrte ihn an: »Wo warst du bloß? Wie kommst du hierher?«
Thomas erklärte seine Situation. Paul lauschte schweigend. Von Zeit zu Zeit nickte er. Zuletzt sagte Thomas: »… ich bin also mit meinem Oberst erschienen, weil ich hoffe, daß ihr mir helfen könnt. Feine Pinkel seid ihr geworden …«
»Feine Pinkel, Quatsch! Immobilien, das steht doch nur an der Tür! Wir schieben natürlich – wie alle. Aber eben intelligenter – dank dir, mein Alter. Hast uns damals einen großen Gefallen getan mit deinem Kursus.«
»Ja«, sagte Thomas, »und jetzt könnt ihr mir einen großen Gefallen tun. Ich muß wissen, wer diesen Untersturmführer Petersen umgelegt hat. Ich muß wissen, ob das ein Résistance-Mord war.«
»Es war bestimmt kein politischer Mord.«
»Das beweise mir mal. Erzähle mir, wer Petersen erschossen hat. Und wie. Und warum.«
»Aber Pierre, ich werde doch keinen Landsmann verraten, der einen Nazi umgelegt hat. Das kannst nicht mal du von mir verlangen.«
»Ich will dir mal was sagen, Paul. Die Nazis haben hundertfünfzig Leute verhaftet, Landsleute von dir. Sie werden Geiseln erschießen. Mehr als eine! Das können wir nur verhindern, wenn wir beweisen, daß dies kein politischer Mord war, daß dieser Petersen Dreck am Stecken hatte! Geht das in dein Idiotenhirn hinein?«
»Mensch, schrei mich doch nicht so an. Ich will ja gerne mal ein bißchen herumhören …«
2
Drei Tage später, am 27. September 1943, nahmen drei Herren an Paul de la Rues Mittagstisch Platz: der Hausherr, Thomas Lieven und Fred Meyer.
Paul hatte Thomas in dessen Hotel angerufen: »Ich glaube, wir haben etwas für dich. Komm doch zu mir. Fred kommt auch. Kannst du uns nicht was Schickes kochen? Von den Jungens in Marseille hörten wir, du hättest mal so ein prima Essen für sie gemacht!«
»In Ordnung«, hatte Thomas geantwortet. Drei Stunden lang hatte er an diesem Vormittag in Paul de la Rues Küche gearbeitet. Nun saß man bei Tisch. Die beiden Ganoven trugen dunkle Anzüge zur Feier des Wiedersehens, weiße Hemden, silberne Krawatten. Sie waren so gut erzogen, daß sie versuchten, die Vorspeise – gefüllten Staudensellerie – mit Messer und Gabel zu nehmen, was ihnen große Schwierigkeiten bereitete.
»Im Gegensatz zu den meisten anderen Gelegenheiten«, sprach Thomas, »ist es durchaus legitim, ja richtig, diese Stangen in die Hand zu nehmen.«
»Dem Himmel sei Dank«, sagte Fred. »Was ist denn das für Käse?«
»Roquefort«, sagte Thomas. »Wer hat also Petersen umgelegt?«
»Ein gewisser Louis Monico war es. Ein Korse. Sie nennen ihn ›Louis le rêveur‹, ›Ludwig den Träumer‹.«