»Ich mache mir Sorgen um dich«, sagte AI Marsh. »Ich glaube nicht, daß du je erwachsen wirst, Beverly. Du rennst ständig draußen herum, kümmerst dich nicht um den Haushalt, du kannst nicht kochen, du kannst nicht nähen. Die Hälfte der Zeit steckst du deine Nase in Bücher und schwebst irgendwo in den Wolken, und die andere Hälfte machst du dich dünn. Du hast nur Grillen im Kopf. Ich mache mir Sorgen um dich.«
Er holte plötzlich weit aus, und seine Hand landete schmerzhaft auf ihrem Gesäß. Sie schrie auf, konnte aber immer noch nicht den Blick von ihm abwenden. In seiner buschigen rechten Augenbraue hing ein winziger Blutstropfen. Wenn ich lange genug hinschaue, werde ich einfach verrückt werden, und dann wird mich nichts von alldem mehr berühren, dachte sie verschwommen.
»Ich mache mir große Sorgen«, sagte er und schlug wieder zu, noch stärker als beim erstenmal; er traf ihren Arm dicht über dem Ellbogen. Ein heftiger Schmerz durchzuckte sie, dann wurde der Arm taub. Sie wußte, daß sie dort am nächsten Tag einen großen blauen Fleck haben würde.
»Ich mache mir schreckliche Sorgen«, sagte er und boxte sie in den Magen. In der letzten Sekunde milderte er die Wucht des Schlages etwas ab, und dadurch blieb Beverly nur die Hälfte der Luft weg. Sie keuchte, und Tränen traten ihr in die Augen. Ihr Vater betrachtete sie ungerührt. Er schob seine blutigen Hände in die Hosentaschen.
»Du mußt erwachsen werden, Beverly«, sagte er, und jetzt klang seine Stimme freundlich und mild. »Hab' ich recht?«
Sie nickte. Ihr Kopf dröhnte. Sie weinte, aber nur ganz still vor sich hin. Wenn sie laut schluchzte - in >Baby-Geheul< ausbrach, wie ihr Vater das nannte -, würde er sie eventuell erst richtig verprügeln. AI Marsh hatte sein ganzes Leben in Derry verbracht und erzählte Leuten, die ihn danach fragten (und manchmal auch jenen, die nicht fragten), daß er hier auch begraben werden wollte - möglichst erst mit 110 Jahren. »Kein Grund, warum ich nicht ewig leben sollte«, erklärte er häufig Roger Aurlette, der ihm einmal im Monat die Haare schnitt. »Ich habe keine Laster.«
»Und jetzt erzähl mal, warum du gebrüllt hast«, sagte er. »Und mach's kurz.«
»Da war...« Sie schluckte, und das tat weh, weil ihre Kehle völlig trocken war. »Da war eine Spinne. Eine große fette schwarze Spinne. Sie... sie kroch aus dem Ablauf, und ich... ich nehme an, daß sie wieder runtergekrochen ist.«
»Oh!« Jetzt lächelte er ihr zu. Diese Erklärung schien ihm zu gefallen. »Das war's also? Verdammt! Wenn du mir das gleich erzählt hättest, Beverly, hätte ich dich nicht geschlagen. Alle Mädchen haben Angst vor Spinnen. Warum hast du denn den Mund nicht aufgemacht?«
Er beugte sich über den Ablauf, und sie mußte sich auf die Lippe beißen, um ihm keine Warnung zuzurufen... aber tief in ihrem Innern hörte sie noch eine andere Stimme, eine schreckliche Stimme, die nicht ihr gehören konnte; es mußte die Stimme des Teufels höchstpersönlich sein: Laß es ihn packen, wenn es ihn haben will. Dann bist du ihn los!
Sie war entsetzt über diese Stimme. Solche Gedanken in bezug auf den eigenen Vater zu haben war sündhaft; sie würde dafür bestimmt in die Hölle kommen.
AI Marsh beugte sich tief über das Waschbecken und starrte in den Ablauf. Seine Hände faßten in das Blut am Waschbeckenrand. Beverly konnte nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken. Ihr Magen schmerzte von dem Boxhieb ihres Vaters.
»Ich kann nichts sehen«, sagte er. »Diese ganzen Häuser sind alt, Beverly. Große dicke Abflußrohre. In der alten High School schwammen ab und zu ertrunkene Ratten in den Kloschüsseln. Es machte die Mädchen ganz verrückt.« Er lachte über diese weibliche Schwäche. »Hauptsächlich, wenn der Kenduskeag viel Wasser führte. Es ist besser geworden, seit wir das neue Abwassersystem haben.«
Er legte einen Arm um sie und drückte sie fest an sich.
»Du gehst jetzt am besten ins Bett und denkst nicht mehr daran. Okay?«
Sie spürte deutlich ihre Liebe zu ihm. Ich schlage dich nie, wenn du es nicht verdient hast, Beverly, hatte er ihr einmal gesagt, als sie es wagte, eine Bestrafung als ungerecht zu bezeichnen. Und sicher stimmte das, denn er konnte liebevoll sein, und wenn er manchmal einen Tag mit ihr verbrachte, ihr zeigte, wie dieses oder jenes gemacht wurde oder ihr alles mögliche erzählte, glaubte sie, daß ihr vor Glück das Herz zerspringen würde. Sie liebte ihn, und sie verstand, daß er sie oft bestrafen mußte, weil es - wie er sagte -seine Pflicht war, seine von Gott aufgetragene Pflicht »Töchter«, erklärte er, »brauchen mehr Strafen als Söhne.« Er hatte keine Söhne, und manchmal hatte sie das Gefühl, daß auch das teilweise ihre Schuld sein könnte.
»Okay, Daddy«, sagte sie. Sie gingen zusammen in ihr kleines Zimmer; ihr rechter Arm tat von dem Schlag furchtbar weh. Sie warf über die Schulter hinweg einen Blick auf das Bad und sah das blutige Waschbecken, den blutigen Spiegel, die blutige Tapete, den blutigen Fußboden... das blutige Handtuch. Und sie dachte: Wie soll ich mich nur je wieder dort waschen? Bitte, Gott, lieber Gott, es tut mir leid, wenn ich das über meinen Vater doch selbst gedacht habe, du kannst mich bestrafen, wenn du willst, laß mich hinfallen und mich verletzen oder laß mich die Grippe bekommen wie letzten Winter, aber bitte, lieber Gott, laß das Blut morgen früh verschwunden sein, laß es nicht mehr da sein, bitte, lieber Gott, okay? Laß das alles nur Einbildung sein; keine Stimmen, kein Blut, okay?
Ihr Vater deckte sie zu und küßte sie wie immer auf die Stirn. Dann stand er kurze Zeit einfach da, in der für ihn typischen Haltung, die für Bev immer >seine< Haltung bleiben würde: leicht vorgebeugt, Hände in den Hosentaschen, die blauen Augen in seinem traurigen Hush-Puppy-Gesicht auf sie gerichtet. In späteren Jahren, lange nachdem sie aufgehört hatte, überhaupt noch an Derry zu denken, sah sie manchmal einen Mann im Bus oder an irgendeiner Ecke stehen, manchmal in der Abenddämmerung, manchmal im Mittagslicht eines klaren Herbsttages im Watertower Square, und wurde an ihren Vater erinnert; oder Tom, der ihrem Vater so ähnlich sah, wenn er sein Hemd auszog und vor dem Badspiegel stand und sich rasierte. Ein ganz bestimmter Typ von Mann.
»Manchmal mache ich mir Sorgen um dich, Beverly«, sagte er, aber jetzt lag keine Drohung in seiner Stimme. Er strich ihr zärtlich übers Haar.
Das Badezimmer ist voller Blut, Daddy! hätte sie ihm in diesem Moment fast anvertraut. Hast du es denn nicht gesehen? Es ist überall! Es kocht sogar auf der Glühbirne! Hast du es denn nicht gesehen?
Aber sie schwieg, und er ging hinaus und schloß hinter sich die Tür. Sie blieb allein in ihrem dunklen Zimmer zurück. Sie lag immer noch wach und starrte in die Dunkelheit, als ihre Mutter um halb zwölf nach Hause kam und der Fernseher ausgeschaltet wurde. Sie hörte, wie ihre Eltern ins Schlafzimmer gingen, sie hörte die Bettfedern quietschen, als sie jene SexSache machten, von der Greta Bowie einmal Sally Mueller erzählt hatte, sie brenne wie Feuer und kein anständiges Mädchen wolle dabei mitmachen (»Zuletzt pißt der Mann dir auf den Bauch«, sagte Greta, und Sally schrie: »Oh, ich würde nie zulassen, daß ein Junge so was mit mir macht!«). Dann hörte Beverly ihre Mutter ins Bad gehen. Sie hielt den Atem an und wartete, ob ihre Mutter aufschreien würde.
Aber es ertönte kein Schrei - sie hörte nur, wie Wasser ins Waschbecken floß, kurz darauf gurgelnd ablief, und wie ihre Mutter sich die Zähne putzte. Dann quietschten wieder die Bettfedern im Schlafzimmer ihrer Eltern, als ihre Mutter sich niederlegte. Das war alles.
Eine düstere Angst überkam sie und schnürte ihr die Kehle zu. Sie hatte Angst, sich auf die rechte Seite zu drehen - ihre Lieblingsposition zum Einschlafen -, weil sie dann vielleicht sehen würde, daß etwas sie durchs Fenster anstarrte. Einige Zeit später - Minuten oder Stunden - fiel sie in einen leichten, unruhigen Schlaf.