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Beverly wachte wie immer auf, als im Schlafzimmer ihrer Eltern der Wecker klingelte. Sie mußte rasch reagieren, denn gleich nach den ersten Tönen stellte ihr Vater ihn ab. Während er ins Bad ging, zog sie sich schnell an. Dazwischen betrachtete sie - wie neuerdings fast immer- im Spiegel ihre Brüste und versuchte zu entscheiden, ob sie über Nacht größer geworden waren. Ende des Vorjahres hatte sie die ersten Ansätze entdeckt, und zuerst hatte sie leichte Schmerzen gehabt, aber jetzt nicht mehr. Sie waren noch sehr klein - nicht einmal apfelgroß -, doch ihr Vorhandensein ließ sich nicht leugnen. Bald würde sie eine Frau sein.

Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu, schob mit einer Hand von hinten ihre Haare hoch und streckte ihre Brust heraus. Sie lachte leise vor sich hin. Es war ein ganz natürliches Kleinmädchenlachen... aber plötzlich fiel ihr ein, was am Vorabend im Bad passiert war, und ihr Lachen endete abrupt.

Sie betrachtete ihren Arm, und da war die Schwellung, ein häßlicher großer blauer Fleck zwischen Ellbogen und Schulter.

Der Toilettendeckel knallte, die Spülung wurde betätigt.

Beverly schlüpfte rasch in verblichene Jeans und ein Sweatshirt mit dem Aufdruck Derry High School. Sie beeilte sich, um ihren Vater heute morgen nicht gleich wieder zu verärgern. Und dann konnte sie es nicht länger hinausschieben - sie mußte ins Bad. Im Wohnzimmer traf sie ihren Vater, der ins Schlafzimmer zurückging, um sich anzuziehen. Er hatte einen blauen Pyjama an, sein Gesicht war aufgequollen, seine Haare standen wirr vom Kopf ab. Er knurrte ihr etwas zu, ohne sie dabei anzuschauen.

Sie stand einen Augenblick vor der geschlossenen Badtür und versuchte, sich seelisch auf das einzustellen, was sie vielleicht gleich sehen würde. Wenigstens ist es jetzt hell, dachte sie, und das tröstete sie ein wenig. Sie benetzte sich die Lippen und ging hinein.

Beverly hatte an diesem Tag viel zu tun. Sie machte ihrem Vater das Frühstück - Orangensaft, zwei weiche Eier, Toast nach seinem Geschmack... das Brot mußte heiß, durfte aber nicht stark getoastet sein. Er setzte sich an den Tisch, verbarrikadierte sich hinter der Zeitung und aß alles auf.

»Wo ist der Speck?«

»Den haben wir gestern aufgegessen, Daddy.«

»Dann mach mir einen Hamburger.«

»Es ist nur noch ein kleiner Rest...«

Die Zeitung raschelte. Ihr Vater schaute sie über den Rand hinweg an. »Was?« fragte er leise.

»Okay«, rief sie rasch. Sie briet ihm einen Hamburger - sie klopfte den Rest Hackfleisch so flach wie nur möglich, damit er größer aussah. Ihr Vater aß ihn, während er die Sportseite las; währenddessen machte Beverly sein Mittagessen zurecht - zwei Sandwiches mit Erdnußbutter und Marmelade, ein großes Stück von dem Kuchen, den ihre Mutter gestern abend mitgebracht hatte, und eine Thermoskanne mit heißem Kaffee.

»Richte deiner Mutter aus, daß die Wohnung heute geputzt werden muß«, brummte er, während er nach seinem Lunchpaket griff. »Hier sieht's aus wie im Schweinestall. Ich muß drüben in der Schule den ganzen Tag aufräumen. Wenn ich heimkomme, möchte ich keinen Saustall vorfinden. Vergiß es nicht, Beverly.«

»Okay, Daddy.«

Er küßte sie, umarmte sie ziemlich rauh und ging. Wie jeden Tag schaute Bev ihm aus dem Fenster in ihrem Zimmer nach. Sie sah ihn die Straße entlanggehen und verspürte wie immer eine große Erleichterung... und haßte sich dafür.

Sie spülte das Geschirr, dann setzte sie sich mit einem Buch auf die Stufen am Hinterausgang. Lars Thermaenius, dessen lange blonde Haare wunderschön schimmerten, kam vom Nebenhaus herübergewatschelt, um ihr seinen neuen Spielzeuglaster und seine aufgeschürften Knie zu zeigen. Beverly bewunderte beides gebührend. Dann rief ihre Mutter.

Sie ging ins Haus und half ihrer Mutter, die noch im Morgenrock war, die Betten frisch zu beziehen und die Böden zu schrubben. Ihre Mutter übernahm den Boden im Bad, wofür Bev sehr dankbar war. Mrs. Marsh war eine kleine Frau mit ergrauendem Haar. Die Falten in ihrem Gesicht und ihr grimmiger Ausdruck verrieten der Welt, daß sie schon ein Weilchen gelebt hatte und beabsichtigte, noch ein Weilchen länger zu leben... daß es aber nicht leicht gewesen war, und daß sie auch nicht damit rechnete, etwas könnte in Zukunft leichter werden.

»Kannst du die Fenster putzen, Beverly?« fragte sie, als sie etwas später in ihrer Kellnerinnen-Kleidung und weißen Schuhen in die Küche kam. »Ich muß nach Bangor, ins E. M. M. C. und dort Cheryl Tarrent besuchen. Sie hat sich gestern abend das Bein gebrochen.«

»O Gott«, sagte Bev. »Ist sie hingefallen?« Cheryl Tarrent war eine Frau, mit der ihre Mutter im Restaurant zusammenarbeitete - sie war etwa zehn Jahre jünger als Rhoda Marsh, und sie strahlte eine Lebensfreude aus, die

Beverly sehr gefiel. Sie hatte immer noch etwas Mädchenhaftes an sich; die Welt war mit ihr noch nicht so rauh umgesprungen wie mit Bevs Mutter

»Sie und ihr nichtsnutziger Ehemann hatten einen Autounfall«, berichtete Mrs. Marsh grimmig. »Er war betrunken. Du mußt stets Gott danken, daß dein Vater nicht trinkt, Bev.«

»Das tu' ich«, sagte Beverly, und es war ihr damit ernst.

»Sie wird jetzt vermutlich ihren Job verlieren, und er hält es bei keiner Arbeitsstelle lange aus. Wahrscheinlich werden sie sich an die Sozialfürsorge wenden müssen.« In der Stimme ihrer Mutter klang eine grimmige Furcht mit. Das war in etwa das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte: zur Sozialfürsorge gehen und sich für Almosen tausendmal bedanken müssen. »Wenn du die Fenster geputzt und den Abfall rausgebracht hast, kannst du spielen gehen, wenn du möchtest. Dein Vater hat heute seinen Kegelabend, du brauchst ihm also kein Essen zu kochen, aber ich möchte, daß du vor Dunkelheit zu Hause bist. Du weißt ja, warum.«

»Okay, Mom.«

»Mein Gott, du wächst so schnell!« sagte ihre Mutter. »Eh wir uns versehen, wirst du schon aus dem Haus gehen, nehm' ich an. Und dabei kommt es mir wie gestern vor, daß die Krankenschwester dich mir brachte und in die Arme legte. Du wächst wie Unkraut.«

»Ich werde immer hier sein«, sagte Beverly lächelnd.

Ihre Mutter, die es besser wußte, umarmte sie. »Ich liebe dich, Bewie.«

Sie erwiderte die Umarmung und spürte die kleinen Brüste ihrer Mutter, das einzig Weiche an diesem harten, sehnigen Körper. »Ich liebe dich auch, Mom.«

Und als ihre Mutter gerade zur Tür hinausgehen wollte, sagte Beverly (sie hoffte, daß ihre Stimme beiläufig klang): »Hast du im Bad irgendwas Seltsames gesehen, Mom?«

Mrs. Marsh drehte sich noch einmal um und runzelte leicht die Stirn. »Etwas Seltsames?«

Beverly spürte das Pochen ihrer Halsschlagader. »Na ja, ich hab' dort gestern abend 'ne Spinne gesehen. Sie kroch aus dem Abfluß. Hat Daddy es dir nicht erzählt?«

»Nein. Er hat nichts gesagt. Hast du deinen Vätern gestern abend geärgert, Bewie?«

»Nein«, erwiderte Bev rasch. »Ich hab's ihm erzählt, und er hat gesagt, daß in der alten High School manchmal Ratten - ertrunkene Ratten - in den Kloschüsseln schwammen. Wegen der Abflußrohre. Ich hab' nun überlegt, ob du die Spinne auch gesehen hast.«

»Nein, ich hab' nichts gesehen. Ich wünschte, wir könnten uns neues Linoleum fürs Bad leisten. Vermutlich ist die Spinne sofort wieder in den Abfluß gekrochen, Bewie.« Sie betrachtete den blauen wolkenlosen Himmel. »Es heißt, es gibt Regen, wenn man eine Spinne sieht. Aber es schaut nicht sehr danach aus, findest du nicht auch?«

»Nein«, stimmte Beverly zu.

Ihre Mutter schaute sie mit einem forschenden Blick an, und Bev dachte, daß sie noch etwas sagen würde - Eltern hatten ein Gespür dafür, wenn man etwas verheimlichte. Aber ihre Mutter sagte nur: »Vergiß nicht, den Abfall rauszubringen.«