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»Ich denk' dran, Mom.«

Ihre Mutter verließ das Haus. Von ihrem Zimmer aus blickte Bev auch ihr nach und sah sie die Main Street entlanggehen, auf die Bushaltestelle zu. Als sie nicht mehr zu sehen war, holte Beverly Eimer, Windex und einige Lappen, um die Fenster zu putzen. Die Wohnung kam ihr viel zu still vor. Jedesmal, wenn der Fußboden knarrte oder irgendwo eine Tür zugeschlagen wurde, fuhr sie zusammen. Als in der Wohnung der Bortons über ihr die Toilettenspülung zu hören war, stieß sie einen leisen Schrei aus.

Und immer wieder schweiften ihre Blicke zur geschlossenen Badtür.

Schließlich ging sie hin und riß die Tür weit auf. Nachdem ihre Mutter heute morgen hier geputzt hatte, war der größte Teil des Blutes, das auf den Boden getropft war, verschwunden... ebenso das Blut am Waschbek-kenrand. Aber im Becken selbst waren immer noch rotbraune trockene Blutflecken, und auch auf dem Spiegel und auf der Tapete.

Beverly betrachtete ihr weißes Gesicht im Spiegel und stellte mit plötzlichem abergläubischen Entsetzen fest, daß das Blut auf dem Glas den Eindruck hervorrief, als blute ihr Gesicht, und sie dachte wieder: Was soll ich nur tun? Bin ich verrückt geworden? Bilde ich mir das alles nur ein?

Aus dem Ablauf kam plötzlich ein rülpsendes Kichern.

Beverly schrie auf und schlug die Tür zu, und fünf Minuten später zitterten ihre Hände immer noch so stark, daß sie fast die Flasche Windex fallen ließ, während sie die Fenster im Wohnzimmer putzte.

5

Nachdem Beverly Marsh gegen drei Uhr nachmittags die Wohnung abgeschlossen und ihren Schlüssel sorgfältig in die Jeanstasche gesteckt hatte, ging sie die Richard's Alley entlang, ein enges Sträßchen, das die Main Street mit der Center Street verband, und stieß dort zufällig auf Ben Hanscom, Eddie Kaspbrak und einen Jungen namens Bradley Donovan, die >Pennywerfen< spielten.

»Hallo, Bev«, rief Eddie. »Na, hast du von den Filmen Alpträume bekommen?«

»Nee«, sagte Beverly und setzte sich auf eine leere Kiste. »Woher weißt du denn, daß ich im Kino war?«

»Haystack hat's mir erzählt«, antwortete Eddie und deutete mit dem Daumen auf Ben, der ohne ersichtlichen Grund heftig errötete.

»Was für Filme?« fragte Bradley, und nun erkannte Beverly ihn: Er war zusammen mit Bill Denbrough in die Barrens gekommen. Sie machten zusammen irgendeine Sprechtherapie oder so was Ähnliches. Beverly widmete ihm kaum Aufmerksamkeit. Wenn man sie gefragt hätte, würde sie wohl geantwortet haben, daß er ihr irgendwie weniger wichtig als Ben und Eddie vorkam - sogar weniger real.

»Zwei Horrorfilme«, antwortete sie kurz angebunden und kniete sich zwischen Ben und Eddie hin. »Spielt ihr Pennywerfen?«

»Ja«, sagte Ben. Er schaute sie an, wandte dann aber wieder rasch seinen Blick von ihr ab.

»Wer gewinnt?«

»Eddie«, antwortete Ben. »Er spielt echt gut.«

Sie schaute Eddie an, der sich feierlich am Hemd die Nägel polierte und verlegen kicherte.

»Darf ich mitspielen?«

»Von mir aus gern«, meinte Eddie. »Hast du Pennys?«

Sie stöberte in ihren Taschen und brachte drei zum Vorschein.

»Du lieber Himmel, wie kannst du es wagen, mit so einem Vermögen herumzulaufen?« fragte Eddie.

Ben und Bradley Donovan lachten.

»Auch Mädchen können mutig sein«, sagte Bev todernst, und einen Augenblick später lachten sie alle.

Bradley warf als erster, dann Ben, dann Beverly. Eddie kam, weil er am Gewinnen war, als letzter dran. Sie zielten auf die Rückwand des Center Street Drugstores. Manchmal flogen die Pennies nicht so weit, manchmal prallten sie gegen die Wand und flogen ein Stück zurück. Am Ende jeder Runde durfte der Spieler, dessen Penny der Wand am nächsten war, alle vier Pennys kassieren. Fünf Minuten später besaß Bev 24 Cent. Sie hatte nur eine Runde verloren.

»Mädchen mogeln!« rief Bradley wütend und stand auf. Seine gute Laune war verschwunden, und er starrte Beverly mit einer Mischung aus Zorn und Demütigung an. »Mädchen sollten gar nicht mitspielen dürfen.«

Ben sprang auf. Es war erschreckend, Ben Hanscom aufspringen zu sehen, denn alles an ihm schwabbelte gleichzeitig. »Nimm das sofort zurück!«

Bradley riß den Mund weit auf. »Was?«

»Nimm das sofort zurück, hab' ich gesagt! Sie hat nicht gemogelt.«

Bradley schaute von Ben zu Eddie und dann zu Beverly, die noch kniete. Dann schweifte sein Blick zu Ben zurück. »Du willst wohl 'ne geschwollene Lippe haben, Arschloch?«

»Na klar«, sagte Ben und grinste. Irgend etwas in seinem Verhalten ver-anlaßte Bradley, überrascht einen Schritt zurückzuweichen. Vielleicht entnahm er diesem Grinsen die einfache Tatsache, daß Ben sich verändert hatte, daß er - nachdem er nicht nur einmal, sondern sogar zweimal siegreich aus Kämpfen mit Henry Bowers hervorgegangen war - vor dem schmächtigen Bradley Donovan (der Warzen auf den Händen hatte) keine Angst mehr hatte.

»Ja, und dann fallt ihr alle über mich her«, sagte Bradley und wich noch einen Schritt zurück. Seine Stimme zitterte jetzt, und er hatte Tränen in den Augen. »Ihr seid doch alle Betrüger!«

»Du sollst nur zurücknehmen, was du über Bev gesagt hast«, sagte Ben.

Beverly stand auf und berührte Bens dicke Schulter. »Laß ihn doch, Ben«, sagte sie. Dann hielt sie Bradley eine Handvoll Münzen hin. »Du kannst deine gern zurückhaben. Ich hab' sowieso nicht um Geld gespielt.«

Jetzt rollten Tränen der Demütigung über Bradleys Wangen. Er schlug Beverly die Münzen aus der Hand und rannte davon. Die anderen standen da und starrten ihm mit offenen Mündern nach. In sicherer Entfernung drehte Bradley sich um und schrie: »Du bist doch nur ein kleines Drecksluder und sonst nichts! Bescheißerin! Bescheißerin! Und deine Mutter ist eine Nutte!«

Beverly schnappte nach Luft. Ben wollte Bradley verfolgen, warf aber nur eine Mülltonne um. Bradley war nicht mehr zu sehen, und Ben wußte genau, daß er ihn nicht einholen konnte. Deshalb wandte er sich lieber Beverly zu, um zu sehen, wie's ihr ging. Das Wort hatte ihn genauso schok-kiert wie sie.

Sie sah die Sorge in seinem Gesicht. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, um zu erklären, daß alles okay sei, daß er sich um sie keine Sorgen zu machen brauche, daß Worte sie nicht verletzen könnten... aber statt dessen brach sie in Tränen aus.

Eddie schaute sie unbehaglich an, holte seinen Aspirator aus der Tasche und drückte auf die Flasche. Dann bückte er sich und begann die verstreuten Pennys aufzusammeln.

Ben trat instinktiv zu ihr; er wollte den Arm um sie legen und sie trösten, aber dann traute er sich doch nicht. Sie war viel zu hübsch. Angesichts ihrer Schönheit fühlte er sich hilflos.

»Mach dir nichts draus«, sagte er; er wußte, daß es eine dumme Bemerkung war, aber er fand keine anderen Worte. Er berührte leicht ihre Schultern (sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen), zog seine Hände aber gleich wieder zurück, als hätte er sich verbrannt. Sein Gesicht war so hochrot, als würde er jeden Moment einen Schlaganfall bekommen. »Mach dir doch nichts draus, Beverly.«

Sie ließ die Hände sinken. Ihre Augen waren rot, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Mit schriller, zorniger Stimme rief sie: »Meine Mutter ist keine Nutte! Sie... sie ist Kellnerinl«

Tiefes Schweigen folgte ihren Worten. Ben starrte sie an. Eddie schaute zu ihr hoch, die Hände voller Pennys. Und plötzlich brachen sie alle drei in hysterisches Gelächter aus.

»Kellnerin!« kicherte Eddie. Er hatte nur sehr verschwommene Vorstellungen davon, was eine Nutte war, aber etwas an diesem Vergleich kam ihm furchtbar komisch vor. »Das ist sie also!«