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»Ja! Ja, das ist sie!« rief Beverly, die gleichzeitig weinte und lachte.

Ben lachte so, daß er nicht mehr stehen konnte. Er ließ sich auf eine Mülltonne fallen. Unter seinem Gewicht aber kippte der Deckel, und Ben landete auf dem Boden. Eddie schüttelte sich vor Lachen. Beverly half Ben aufzustehen.

Irgendwo über ihnen wurde ein Fenster aufgerissen, und eine Frau schrie: »Macht, daß ihr hier wegkommt, sonst ruf ich die Polizei!«

Die drei Kinder faßten sich bei den Händen, Beverly in der Mitte, und rannten in Richtung Center Street. Sie lachten immer noch.

Sie legten ihr Geld zusammen und stellten fest, daß sie 40 Cent hatten. Das reichte für zwei Milchshakes aus der Eisdiele. Weil der Besitzer ein alter Griesgram war, der nicht erlaubte, daß Kinder unter zwölf in der Eisdiele herumsaßen (er behauptete, der Pinball-Automat im Hinterzimmer könnte sie verderben), nahmen sie die Shakes in zwei großen Pappbechern mit zum Bassey Park und setzten sich dort ins Gras. Ben hatte einen Mokka-, Eddie einen Erdbeershake. Beverly saß zwischen ihnen und labte sich mit einem Strohhalm abwechselnd an den Getränken, wie eine Biene an Blumen. Zum erstenmal, seit am Vorabend die Blutfontäne aus dem Abfluß hochgespritzt war, fühlte sie sich wieder okay - gefühlsmäßig erschöpft und leer, aber okay. Im Frieden mit sich selbst.

»Ich kapier' einfach nicht, was in Bradley gefahren ist«, sagte Eddie schließlich. Es klang wie eine linkische Entschuldigung. »So habe ich ihn noch nie erlebt.«

»Du hast mich verteidigt«, sagte Beverly und küßte Ben auf die Wange. »Danke.«

Ben wurde sofort wieder scharlachrot. »Du hast nicht gemogelt«, murmelte er und trank in drei riesigen Schlucken die Hälfte seines Mokkashakes, worauf er einen gewaltigen Rülpser ausstieß.

»Tolle Leistung, Haystack!« sagte Eddie, und Beverly hielt sich vor Lachen den Bauch.

»Nicht«, kicherte sie. »Mir tut schon alles weh. Bitte keine Spaße mehr.«

Ben lächelte. An diesem Abend, vor dem Einschlafen, würde er immer wieder den Moment vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen, als sie ihn geküßt hatte.

»Geht es dir jetzt wirklich wieder gut?« erkundigte er sich.

Sie nickte. »Es war eigentlich nicht Bradley. Es war etwas anderes. Etwas, das gestern abend passiert ist.« Sie zögerte und schaute von Ben zu Eddie und zurück zu Ben. »Ich... ich muß es einfach jemandem erzählen. Oder zeigen. Oder irgendwas. Ich glaube, ich habe geweint, weil ich Angst habe, in der Klapsmühle zu landen oder so was Ähnliches.«

»Worüber redet ihr - von Klapsmühlen?« ertönte plötzlich eine neue Stimme.

Sie drehten sich bestürzt um. Es war Stanley Uris. Er sah wie immer klein, schmal und unnatürlich korrekt aus. Viel zu gepflegt für einen zehnjährigen Jungen. In seinem weißen Hemd, das ordentlich in den frisch gewaschenen Jeans steckte, den tadellos sauberen Schuhen, mit dem sorgfältig gekämmten Haar sah er eher wie der kleinste Erwachsene der Welt aus. Dann lächelte er, und dieser Eindruck verging.

Sie wird jetzt nicht mehr erzählen, was sie uns anvertrauen wollte, dachte Eddie, weil er nicht dabei war, als Bradley ihre Mutter mit jenem Namen beschimpfte.

Aber nach kurzem Zögern erzählte Beverly es doch, denn irgendwie war Stanley anders als Bradley - im Gegensatz zu Bradley war er wirklich vorhanden, war er real. Stanley ist einer von uns, dachte sie und wunderte sich, warum sie von diesem Gedanken plötzlich eine Gänsehaut bekam.

Ich tu' keinem von ihnen einen Gefallen, wenn ich es ihnen erzähle, dachte sie. Ihnen nicht, und mir selbst auch nicht.

Aber es war schon zu spät. Sie hatte schon angefangen zu reden. Stan setzte sich zu ihnen. Sein Gesicht war ernst und wie versteinert. Eddie bot ihm den Rest seines Erdbeershakes an, aber Stan schüttelte nur den Kopf, ohne Beverly aus den Augen zu lassen. Niemand unterbrach sie bei ihrem Bericht.

Sie erzählte ihnen von den Stimmen. Wie sie Ronnie Grogans Stimme erkannt hatte. Sie wußte genau, daß Ronnie tot war, aber es war ihre Stimme gewesen. Sie erzählte ihnen von dem Blut, und daß ihr Vater es nicht gesehen oder gerochen hatte, und daß auch ihre Mutter es an diesem Morgen nicht bemerkt hatte.

Als sie geendet hatte, sah sie die anderen der Reihe nach an. Sie hatte Angst vor dem, was sie vielleicht in ihren Gesichtern lesen würde... aber sie sah keine Ungläubigkeit. Sie sahen alle erschrocken, aber nicht ungläubig aus.

Schließlich sagte Ben: »Schauen wir uns die Sache doch mal an.«

7

Sie betraten die Wohnung durch die Hintertür, nicht nur deshalb, weil Bevs Schlüssel zu dieser Tür paßte, sondern auch, weil sie sagte, daß ihr Vater sie umbringen würde, wenn Mrs. Borton ihm erzählte, daß sie in Abwesenheit ihrer Eltern drei Jungen mitgebracht hatte.

»Warum denn?« fragte Eddie verwundert.

»Das verstehst du nicht, Dummchen«, sagte Stan. »Sei lieber still.«

Eddie wollte etwas erwidern, aber nach einem Blick auf Stans bleiches, angespanntes Gesicht hielt er lieber den Mund.

Die Hintertür führte in die Küche, die von Nachmittagssonne überflutet und sehr still war. Das Frühstücksgeschirr funkelte im Ständer auf der Spüle. Die vier Kinder rückten am Küchentisch eng zusammen, und als im oberen Stock eine Tür laut zufiel, durchzuckte es sie alle, und sie lachten nervös.

»Wo ist es?« fragte Ben flüsternd.

Mit pochenden Schläfen führte Beverly sie den schmalen Flur entlang, an dessen Ende sich das Bad befand. Sie öffnete die Tür, lief rasch hinein und steckte den Gummistöpsel in den Abfluß des Waschbeckens. Dann ging sie zurück und stellte sich zwischen Ben und Eddie. Das Blut war zu fürchterlichen rotbraunen Flecken auf dem Spiegel, auf der Tapete und im Waschbecken getrocknet. Sie starrte darauf, weil ihr das immer noch leichter fiel als einen der Jungen anzuschauen.

Schließlich fragte sie mit einer schwachen Stimme, die sie kaum als ihre eigene erkannte: »Seht ihr es? Sieht es jemand von euch?«

Ben trat vor, und sie war von neuem überrascht, wie leichtfüßig er sich für so einen dicken Jungen bewegte. Er berührte einen der Blutflecken; dann einen zweiten; dann einen langen Tropfen auf dem Spigel. »Hier. Hier. Und hier«, sagte er.

»Es sieht so aus, als hätte jemand hier ein Schwein geschlachtet«, sagte Stan erschrocken.

»Und es kam aus dem Abfluß?« fragte Eddie. Der Anblick des Blutes verursachte ihm leichte Übelkeit. Er atmete schwer und umklammerte seinen Aspirator.

Beverly hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Sie wollte nicht wieder weinen; sie befürchtete, daß die anderen sie sonst als typische Heulsuse ansehen könnten. Aber sie mußte die Türklinke fest umklammern, weil sie vor überwältigender Erleichterung plötzlich ganz weiche Knie hatte. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewußt, wie überzeugt sie gewesen war, Halluzinationen zu haben oder verrückt zu werden.

»Und deine Eltern haben es nicht gesehen«, staunte Ben. Er berührte einen trockenen Blutfleck im Waschbecken, zog aber rasch seine Hand weg und wischte sie an seinem Hemdsaum ab. »Du lieber Himmel!«

»Ich weiß nicht, wie ich je wieder reingehen soll«, sagte Beverly, »um mich zu waschen, meine Zähne zu putzen oder... na ja, ihr wißt schon.«

»Wir können hier doch gründlich saubermachen«, schlug Stan plötzlich vor.

Beverly starrte ihn an. »Saubermachen?«

»Na klar. Vielleicht kriegen wir von der Tapete nicht alles runter - sie sieht... na ja, sie sieht so aus, als liege sie ohnehin in den letzten Zügen -aber den Rest können wir bestimmt abwaschen. Hast du ein paar Putzlappen?«

»Unter der Spüle«, sagte Beverly. »Aber meine Mutter wird sich wundern, wohin sie verschwunden sind, wenn wir sie benutzen.«