»Ich habe 50 Cent«, sagte Stan ruhig, ohne den Blick von den Blutflecken zu wenden. »Wir säubern jetzt alles, so gut es geht, dann bringen wir die Putzlappen in die Münzwäscherei, waschen und trocknen sie, und du kannst sie wieder an Ort und Stelle legen.«
»Meine Mutter sagt, daß Blut aus Stoff nicht mehr rausgeht«, wandte Eddie ein. »Sie sagt, es setzt sich im Gewebe fest oder irgend so was.«
Ben kicherte hysterisch. »Es macht nichts, wenn die Flecken aus den Lappen nicht ganz rausgehen«, sagte er. »Sie können sie ja ohnehin nicht sehen.«
Niemand mußte fragen, wen er mit >sie< meinte.
»Okay«, sagte Beverly, »versuchen wir's.«
8
In der nächsten halben Stunde waren sie eifrig mit Putzen beschäftigt, und als das Blut allmählich von den Wänden, vom Spiegel und vom Waschbek-ken verschwand, wurde Beverly immer leichter ums Herz. Ben und Eddie kümmerten sich um das Waschbecken und den Spiegel, während sie den Boden schrubbte. Stan arbeitete mit größter Sorgfalt an der Tapete. Er verwendete dazu einen fast trockenen Lappen. Die anderen benutzten Mrs. Marshs Putzeimer, ihr Putzmittel und jede Menge heißes Wasser, das sie häufig wechselten, weil es sie ekelte hineinzulangen, wenn es blutig war.
Zuletzt wechselte Ben die Glühbirne über dem Waschbecken aus. Das würde nicht auffallen, weil Mrs. Marsh letzten Herbst zu stark herabgesetztem Preis gleich einen Zweijahresvorrat gekauft hatte.
Endlich trat Stanley ein paar Schritte zurück, betrachtete das Bad mit dem kritischen Auge eines Jungen, dem Sauberkeit und Ordnungsliebe einfach angeboren sind, und erklärte: »Ich glaube, wir haben unser Bestes getan.«
An der Wand links vom Waschbecken waren immer noch schwache Blutspuren zu erkennen; dort war die Tapete so dünn und abgenutzt, daß Stanley nicht gewagt hatte, sie kräftig abzureiben. Aber sogar dort waren die Flecken nur noch schwach pastellfarben und sahen nicht mehr bedrohlich aus.
»Danke«, sagte Beverly. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ein Dankeschön jemals so aufrichtig empfunden zu haben. »Ich danke euch allen.«
»Ist schon in Ordnung«, murmelte Ben errötend.
»War doch selbstverständlich«, sagte Eddie.
»Kommt, wir bringen diese Putzlappen weg«, meinte Stan. Sein Gesicht war starr, fast düster. Und viel später dachte Beverly, daß Stan damals vielleicht als einziger erkannt hatte, daß sie einer unausdenkbaren Konfrontation wieder um einen Schritt näher gekommen waren.
9
Sie legten die blutigen Putzlappen in eine Tragetasche, nahmen etwas Waschpulver mit und begaben sich in die Kleen-Kloze-Wäscherei an der Ecke Main- und Cony Street. Zwei Blöcke weiter konnten sie den Kanal in der heißen Nachmittagssonne leuchtend blau funkeln sehen.
Bis auf eine Frau in weißer Schwesterntracht, die ihre Sachen gerade trocknete, war die Wäscherei leer. Die Frau warf den Kindern einen argwöhnischen Blick zu und schaute dann wieder in ihr Taschenbuch.
»Kaltes Wasser«, sagte Ben leise. »Meine Mutter sagt, daß Blutflecken am besten mit kaltem Wasser rausgehen.«
Sie legten die Lappen in die Waschmaschine, während Stan seine zwei Vierteldollar gegen vier Zehncent- und zwei Fünfcentmünzen einwechselte. Nachdem Bev das Waschpulver über die Lappen geschüttet hatte, steckte er zwei Zehncentstücke in den Münzschlitz. Bev schloß das Bullauge, und Stanley setzte die Waschmaschine in Gang.
Beverly hatte die meisten Pennys, die sie gewonnen hatte, für die Milchshakes ausgegeben, aber nach langem Suchen fand sie doch noch vier in ihrer linken Jeanstasche. Sie bot sie Stan an, der ganz verlegen aussah. »Mein Gott«, sagte er, »da lade ich nun ein Mädchen zu einem Rendezvous in die Wäscherei ein, und plötzlich will es selbst bezahlen.«
Beverly mußte lachen. »Bist du sicher?«
»Ich bin ganz sicher«, sagte Stan trocken. »Es bricht mir zwar fast das Herz, auf deine vier Pennys zu verzichten - aber ich bin ganz sicher.«
Die vier Kinder gingen zu der Reihe harter Plastikstühle an der hinteren Wand der Wäscherei, setzten sich und schwiegen. Die Putzlappen wirbelten in der Waschmaschine herum. Seifenlauge spritzte gegen das dicke
Glas des runden Bullauges. Zuerst war das Wasser rötlich, und es verursachte Beverly ein leichtes Übelkeitsgefühl, aber sie konnte trotzdem nicht wegschauen. Die Frau in der Krankenschwesterntracht blickte immer häufiger über ihr Taschenbuch zu ihnen hinüber. Vielleicht hatte sie zuerst befürchtet, daß sie herumlärmen würden; nun schien ihr aber das Schweigen der Kinder auf die Nerven zu gehen.
Als die Trockenschleuder stillstand, holte sie ihre Sachen heraus, faltete sie zusammen, legte sie in einen blauen Wäschesack aus Plastik, warf den Kindern einen letzten verwirrten Blick zu und ging weg.
Sobald sie draußen war, sagte Ben abrupt, fast barsch: »Du bist nicht die einzige.«
»Was?« fragte Beverly.
»Du bist nicht die einzige«, wiederholte Ben. »Weißt du...«
Er verstummte und schaute Eddie an, der nickte. Dann schaute er Stan an, der ein unglückliches Gesicht machte... der aber nach momentanem Zögern ebenfalls achselzuckend nickte.
»Was ist los?« fragte Beverly wieder und packte Ben am Unterarm. »Wenn ihr irgendwas darüber wißt, so sagt es mir bitte!«
»Willst du's erzählen?« fragte Ben Eddie.
Eddie schüttelte den Kopf, holte seinen Aspirator aus der Tasche und drückte darauf.
Langsam erzählte Ben Beverly, wie er zufällig am letzten Schultag nachmittags Bill Denbrough und Eddie Kaspbrak in den Barrens getroffen hatte. Er erzählte ihr, wie er, Eddie, Bill, Richie Tozier und Stan am nächsten Tag den Damm gebaut hatten. Er erzählte ihr Bills Geschichte von dem Foto seines toten Bruders, auf dem Georgie sich bewegt und ihm zugezwinkert hatte. Er erzählte sein eigenes Erlebnis mit der Mumie, die mitten im Winter mit Luftballons, die gegen den Wind flogen, auf dem vereisten Kanal auf ihn zugekommen war. Beverly hörte mit wachsendem Schrecken zu. Sie spürte, wie ihre Hände und Füße kalt und ihre Augen immer größer wurden.
Ben kam zum Schluß und schaute Eddie an. Eddie drückte noch einmal auf seinen Aspirator, dann erzählte er sein Erlebnis mit dem Aussätzigen. Er überschlug sich dabei fast vor Hektik, um die Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen. Er endete mit einem leisen Aufschluchzen, aber diesmal brach er nicht in Tränen aus.
»Und du?« fragte Beverly Stan.
»Ich...«
Plötzlich trat eine Stille ein, die sie alle zusammenfahren ließ wie eine Explosion.
»Der Waschvorgang ist beendet«, sagte Stan.
Er stand auf, ging zur Waschmaschine, holte die Lappen heraus, die in einem Klumpen zusammenklebten, und betrachtete sie genau.
»Ein paar Flecken sind noch drauf«, bemerkte er, »aber es ist nicht schlimm. Sieht aus wie Preiselbeersaft.«
Er zeigte sie ihnen, und sie nickten feierlich wie über wichtige Dokumente. Beverly verspürte eine ähnliche Erleichterung wie kurz zuvor, als das Bad gesäubert war. Sie konnte die schwachen hellen Flecken auf der abblätternden Tapete ertragen, und auch die schwachen rötlichen Spuren auf den Putzlappen ihrer Mutter konnte sie ertragen.
Stan legte sie in eine der großen Trockenschleudern und warf seine beiden Fünfcentmünzen ein. Die Maschine kam in Bewegung, und Stan ging zurück und setzte sich wieder zwischen Eddie und Ben.
Einen Augenblick lang saßen sie alle schweigend da und betrachteten die Lappen, die in der Trockenschleuder umherwirbelten. Das Summen der gasbetriebenen Maschine wirkte auf sie beruhigend, sogar etwas einschläfernd. Eine Frau fuhr draußen mit einem Wägelchen voller Lebensmittel vorbei. Sie warf im Vorbeigehen einen Blick in die Wäscherei.
»Ich habe etwas gesehen«, sagte Stan plötzlich. »Ich wollte nicht darüber reden, weil ich es für einen Traum oder so was Ähnliches halten wollte. Vielleicht sogar für einen Anfall, wie der Stavier-Junge sie manchmal hat. Kennt ihr ihn?«