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»Ist der Turm immer noch voll Wasser?« erkundigte sich Stan.

»Ich nehm's an«, antwortete Ben. »Ich hab' jedenfalls gesehen, wie Feuerwehrautos während der Grasbrandsaison dort vollgetankt wurden. Sie befestigten einen Wasserschlauch an den Rohren am Boden und füllten ihre Tanks.«

Stanley betrachtete wieder die Trockenschleuder, in der die Putzlappen umherwirbelten. Einige schwebten schon wie Fallschirme.

»Was hast du dort gesehen?« fragte Bev ihn sanft.

Einen Moment lang schien es so, als würde er überhaupt nicht antworten. Dann holte er tief Luft und sagte etwas, das ihnen zuerst völlig abwegig vorkam.

»Er erhielt den Namen Memorial Park nach dem 23sten Maine-Regiment im Bürgerkrieg. Den Derry Blues. Früher gab's auch ein Denkmal, aber es ist in den 4oer Jahren bei einem Sturm umgestürzt. Sie hatten nicht genug Geld, um die Statue zu restaurieren, deshalb haben sie ein Vogelbad daraus gemacht. Ein großes steinernes Vogelbad.«

Sie starrten ihn alle erstaunt an. Stan schluckte. Man konnte richtig hören, daß er einen Kloß in der Kehle hatte.

»Ich beobachte Vögel, müßt ihr wissen«, erzählte er. »Ich habe ein Album, ein Fernglas und all so Zeug.«

Er verstummte wieder, dann fragte er Eddie: »Hast du noch Aspirin?«

Eddie reichte ihm das Röhrchen. Stan nahm zwei Tabletten heraus, zögerte und nahm dann noch eine dritte. Er gab Eddie das Röhrchen zurück und schluckte grimassenschneidend die Pillen, eine nach der anderen. Dann erzählte er ihnen seine Geschichte.

10

Es war vor zwei Monaten, an einem regnerischen Aprilabend, passiert. Stan Uris hatte seinen Regenmantel angezogen und war mit seinem Vogelalbum und dem Fernglas in den Memorial Park gegangen. Normalerweise ging er immer mit seinem Vater dorthin, aber der Vater mußte an jenem Abend Überstunden machen und hatte Stan deshalb sogar extra angerufen.

Einer seiner Kunden in der Agentur, der ebenfalls Vögel beobachtete, behauptete, im Vogelbad im Memorial Park eine scharlachrote Tangare gesehen zu haben. Die Tangaren aßen, tranken und badeten gern in der Dämmerung. Ob Stan hingehen und danach Ausschau halten möchte, hatte sein Vater gefragt.

Stan hatte sich gefreut. Seine Mutter nahm ihm das Versprechen ab, seine Kapuze aufzubehalten, aber das hätte Stan sowieso gemacht. Er war ein pedantischer Junge. Er machte niemals Schwierigkeiten, wenn er Gummischuhe oder Schneehosen anziehen sollte.

Er legte die anderthalb Meilen bis zum Park in einem Regen zurück, der so fein war, daß man ihn nicht einmal als Nieselregen bezeichnen konnte; eher als konstanten Nebel. Trotz des trüben Wetters löste die Luft frohe Erwartungen aus; unter Büschen und im Gehölz lagen zwar noch die letzten schmutzigen Schneehaufen, aber trotzdem war schon der Geruch neuen

Naturerwachens in der Luft. Stan betrachtete die Zweige der Ulmen, Ahorne und Eichen, die sich vom bewölkten Himmel abhoben, und dachte, daß ihre Silhouetten jetzt auf geheimnisvolle Weise dicker aussahen. Das lag natürlich an den schwellenden Knospen, die in ein, zwei Wochen aufbrechen und zartgrüne, fast durchsichtige Blätter enthüllen würden.

Die Luft riecht heute abend grün, dachte er und lächelte ein wenig.

Er ging schnell, denn in höchstens einer Stunde würde es dunkel werden, und er war ein Perfektionist: Wenn das Licht nicht ausreichen würde, um hundertprozentig sicher zu sein, würde er niemals behaupten, die Tangare gesehen zu haben, selbst wenn er tief im Herzen genau wissen würde, daß es wirklich eine gewesen war.

Er durchquerte den Memorial Park. Der weiße Wasserturm ragte links von ihm empor, aber Stan hatte kaum einen Blick für ihn übrig. Der Wasserturm interessierte ihn nicht.

Der Memorial Park war in etwa ein Rechteck, das sich hügelabwärts erstreckte. Das Gras - um diese Jahreszeit ausgeblichen und tot - war im Sommer ein gepflegter Rasen, und es gab viele runde Blumenbeete. Einen Spielplatz suchte man hier vergeblich; dies war ein Park für Erwachsene.

Am Ende des Parks, kurz bevor er dann abrupt in die Barrens überging, war ein ebenes Gelände, und dort, etwa 20 Fuß vor dem ersten Dickicht aus Büschen, Gestrüpp, giftigem Efeu und Brombeersträuchern, stand das Vogelbad. Es war eine flache Steinwanne auf einer quadratischen gemauerten Säule, die für diesen bescheidenen Zweck viel zu wuchtig war. Stans Vater hatte ihm erzählt, daß dort früher anstelle des Vogelbads ein Denkmal gestanden hatte - ein Soldat der Union mit einem Gewehr.

»Das Vogelbad gefällt mir aber besser, Daddy«, hatte Stan gesagt.

Mr. Uris hatte ihm übers Haar gestrichen. »Mir auch, Stanny«, hatte er gesagt. »Mehr Bäder und weniger Kugeln, das ist mein Motto.«

Stan setzte sich auf eine Bank, holte sein Vogelalbum aus der Regenmanteltasche und schlug noch einmal das Foto der scharlachroten Tangare auf. Er betrachtete es aufmerksam und prägte sich alle besonderen Merkmale des Vogels ein, um nicht irrtümlich einen Specht für den gesuchten Vogel zu halten. Wenn er wirklich eine scharlachrote Tangare entdecken könnte, würde sein Vater sehr stolz auf ihn sein.

Er betrachtete das Foto etwa zwei Minuten lang; vor Konzentration runzelte er die Stirn. Dann klappte er das Buch zu (die Luftfeuchtigkeit wellte das Papier) und schob es wieder in die Manteltasche. Er holte sein Fernglas aus dem Futteral und hielt es vor die Augen. Er brauchte es nicht erst einzustellen, denn als er es zuletzt benutzt hatte, hatte er von derselben Bank aus dasselbe Vogelbad beobachtet.

Er war ein ruhiger, geduldiger Junge. Er wurde nicht nervös. Er stand nicht auf und lief herum, er schwenkte das Fernglas nicht in eine andere Richtung, um festzustellen, was es dort zu sehen gab. Er saß ganz still da, das Fernglas auf das Vogelbad gerichtet, und der feine Regen tropfte auf seinen Mantel.

Es wurde ihm auch nicht langweilig. Was er sah, war so eine Art Marktplatz für Vogel. Vier braune Sperlinge saßen eine Weile da, tauchten ihre Schnäbelchen ins Wasser und ließen von Zeit zu Zeit Tropfen über ihre

Schultern und Rücken perlen, als wollten sie duschen. Ein Häher störte ihre gemütliche Runde - wie ein Polizist, der eine Schar von Müßiggängern auseinandertreibt. In Stans Fernglas sah er riesengroß aus, und seine dünnen, zänkischen Schreie paßten irgendwie nicht zu ihm. Die Sperlinge flogen fort. Der Häher stolzierte eine Zeitlang hochmütig herum, dann wurde es ihm langweilig, und er flog davon. Die Sperlinge kehrten zurück, entfernten sich aber wieder, als drei Rotkehlchen sich häuslich niederließen, um zu baden und - vielleicht - wichtige Angelegenheiten zu besprechen.

Jetzt kam ein neuer Vogel hinzu, und Stan richtete sein Fernglas ein klein wenig mehr nach links. Einen Augenblick lang war er fast sicher... aber es war der Specht, keine scharlachrote Tangare. Der Specht war ein regelmäßiger Besucher des Vogelbads. Stan erkannte ihn an seinem zerfetzten rechten Flügel und überlegte wie immer, was dem Vogel zugestoßen sein mochte: Hatte er vielleicht nähere Bekanntschaft mit einer Katze gemacht?

Andere Vögel kamen und gingen, und zuletzt wurde Stan mit einer neuen Vogelart belohnt: nicht mit der Tangare, aber mit einer - ja, er war sich fast sicher - mit einer Ammer.

Er senkte das Fernglas und holte sein Album wieder aus der Tasche, wobei er betete, daß die Ammer nicht wegfliegen würde, während er sich vergewisserte, wie sie aussah. Wenn es eine war, würde er seinem Vater wenigstens etwas Neues berichten können. Und es wurde allmählich Zeit heimzugehen. Es dunkelte rasch, und ihm war kalt.