Er hörte das Rauschen von Wasser. Es rieselte und tropfte die Stufen hinab. Jetzt roch es nicht mehr nach Popcorn, sondern nach Verwesung, nach totem Schweinefleisch, das irgendwo im Verborgenen verfaulte, und in dem es von Maden nur so wimmelte.
»Wer ist dort?« schrie er mit hoher, zitternder Stimme.
Und er erhielt eine Antwort - von einer leisen, blubbernden Stimme, die von Schlamm und fauligem Wasser fast erstickt zu werden schien.
»Die Toten, Stanley. Wir sind die Toten. Wir sind untergegangen, aber jetzt schweben wir... und auch du wirst schweben.«
Er spürte, wie Wasser seine Füße umspülte. Er drückte sich in Todesangst noch enger an die Tür. Sie waren jetzt ganz nahe. Er fühlte ihre Nähe. Er konnte sie riechen. Etwas preßte sich in seine Hüfte, als er immer wieder vergeblich versuchte, die Tür aufzudrücken, um ins Freie zu entkommen.
»Wir sind tot, aber manchmal albern wir ein bißchen herum, Stanley. Manch
mal ...«
Es war sein Vogelalbum.
Ohne zu überlegen, griff Stanley danach. Es hatte sich in seiner Manteltasche festgeklemmt. Es ließ sich nicht herausziehen. Einer der beiden Toten war jetzt schon unten angelangt. Stanley hörte ihn über den Steinboden schlurfen. Im nächsten Augenblick würde der Tote seine Hände ausstrek-ken, und er würde das kalte Fleisch auf seiner Haut spüren.
Er zerrte heftig, und dann hatte er das Vogelbuch in der Hand. Er hielt es mit beiden Händen vor sich wie einen winzigen Schild, ohne darüber nachzudenken, was er tat; er war plötzlich sicher, daß es das Richtige war.
»Rotkehlchen!« schrie er in die Dunkelheit hinein, und einen Moment lang zögerte das Wesen, das sich ihm näherte (es war nicht einmal mehr fünf Schritte von ihm entfernt) - er war fast sicher, daß es zögerte. Und hatte er nicht auch gespürt, daß die Tür ein klein wenig nachgab?
Er leckte sich die trockenen Lippen und begann zu singen: »Rotkehlchen! Graue Reiher! Haubentaucher! Scharlachrote Tangaren! Spechte! Buntspechte! Rotspechte! Schwarzmeisen! Zaunkönige! Peli...«
Die Tür öffnete sich mit einem lauten protestierenden Schrei und schleuderte ihn in die letzten Reste einer grauen, regnerischen Dämmerung. Seine Augen traten fast aus den Höhlen. Er hatte das Vogelalbum so weit auseinandergebogen, daß es beinahe in zwei Hälften zerfiel, und später am Abend stellte er anhand der deutlichen Fingerabdrücke fest, daß er seine Finger richtiggehend in den festen Einband gekrallt haben mußte.
Er landete auf dem Rücken, stemmte sich mit den Beinen ab und begann, durch das nasse Gras rückwärts zu kriechen. Er fletschte die Zähne. In dem schwarzen Rechteck konnte er zwei Beinpaare sehen, unter der diagonalen Schattenlinie der halboffenen Tür. Er konnte Jeans erkennen, die im Wasser rötlichschwarz geworden waren. Von den Säumen tropfte Wasser und bildete Pfützen um die Schuhe, die größtenteils verfault waren und aufgequollene purpurrote Zehen enthüllten.
Die Hände hingen schlaff an ihren Seiten herab, viel zu lang und wachsweiß.
Sein Vogelalbum immer noch aufgeschlagen vor sich, das Gesicht von Sprühregen, Schweiß und Tränen überströmt, flüsterte Stan heiser und monoton vor sich hin: »Hühnerfalken... Kolibris... Albatrosse... Kiwis. ..«
Eine jener Hände drehte sich und zeigte eine Handfläche, von der endloses Wasser sämtliche Linien ausgewaschen und etwas so absurd Glattes zurückgelassen hatte wie die Hand einer Schaufensterpuppe.
Ein Finger krümmte sich... streckte sich... krümmte sich.
Man winkte ihm zu.
Stan Uris, der 27 Jahre später mit aufgeschnittenen Pulsadern in einer Badewanne sterben würde, kam irgendwie auf die Beine und rannte. Er überquerte die Kansas Street, ohne auf den Verkehr zu achten, und blieb keuchend auf dem Gehweg stehen, um einen Blick zurückzuwerfen.
Von seinem Standort aus konnte er die Tür des Wasserturms nicht sehen; nur den Turm selbst, der sich dick und doch anmutig von der Dunkelheit abhob.
»Sie waren tot!« flüsterte Stan entsetzt vor sich hin.
Er wandte sich rasch ab und rannte nach Hause.
11
Die Trockenschleuder stand still. Und Stan hatte seinen Bericht beendet.
Die drei anderen schauten ihn lange schweigend an. Seine Haut war fast so grau wie der Aprilabend, von dem er ihnen soeben erzählt hatte.
»Wow!« sagte Ben schließlich und stieß den Atem in einem abgerissenen, pfeifenden Seufzer aus.
»Es ist alles wahr«, sagte Stan leise. »Ich schwöre bei Gott, daß es stimmt.«
»Ich glaube dir«, versicherte Beverly. »Nach dem, was in unserem Badezimmer passiert ist, würde ich alles glauben.«
Sie stand so abrupt auf, daß sie fast ihren Stuhl umgeworfen hätte, und ging zur Trockenschleuder. Sie holte die Putzlappen heraus und faltete sie ordentlich zusammen. Sie wandte den anderen dabei den Rücken zu, aber Ben glaubte, daß sie weinte. Er wäre am liebsten zu ihr hingegangen, aber dazu fehlte ihm der Mut.
»Wir sollten mit Bill darüber sprechen«, meinte Eddie. »Bill wird wissen, was wir tun sollen.«
»Tun?« sagte Stan und starrte ihn an. »Was meinst du mit tun?«
Eddie schaute ihn unbehaglich an. »Na ja...«
»Ich will nichts tun«, rief Stan. Er sah Eddie mit einem so starren und harten Blick an, daß dieser verwirrt auf seinem Stuhl hin- und herrutschte. »Ich will die Sache vergessen. Das ist alles, was ich tun will.«
»Das ist aber nicht so einfach«, wandte Beverly ruhig ein, während sie sich wieder den anderen zuwandte. Ben hatte recht gehabt; das grelle Sonnenlicht, das durch die schmutzigen Fensterscheiben der Münzwäscherei einfiel, enthüllte die Tränenspuren auf ihren Wangen. »Es geht nicht nur um uns. Ich habe Ronnie Grogan gehört. Und andere. Der kleine Junge, den ich zuerst gehört habe... vielleicht war das der kleine Clements, der von seinem Dreirad verschwunden ist.«
»Na und?« sagte Stan herausfordernd.
»Was ist, wenn es noch mehr sind?« fragte sie. »Wenn es noch mehr Kinder umbringt?«
Seine braunen Augen blickten in ihre graublauen und beantworteten wortlos ihre Frage: Na und? Was könnten wir schon dagegen tun?
Aber Beverly hielt seinem Blick ruhig stand, und zuletzt senkte Stan die Augen... vielleicht nur deshalb, weil sie immer noch weinte und dadurch irgendwie stärker war als er.
»Eddie hat recht«, sagte sie. »Wir sollten mit Bill reden. Und dann vielleicht zum Polizeichef gehen...«
»Großartig«, erwiderte Stan. Wenn er versuchte, sarkastisch zu sein, so gelang ihm das nicht; seine Stimme klang nur müde und resigniert. »Tote Kinder im Wasserturm. Blut, das nur Kinder sehen können, nicht aber Erwachsene. Clowns, die auf dem Kanal herumlaufen. Mumien. Aussätzige unter Veranden. Borton wird uns einen Orden verleihen... und uns ins Irrenhaus schicken.«
»Wenn wir alle zu ihm gehen würden«, meinte Ben niedergeschlagen. »Wenn wir alle zusammen hingehen würden...«
»Haha!« sagte Stan. »Sprich ruhig weiter, Haystack. Schreib einen ganzen Roman.« Er stand auf und ging zum Fenster, die Hände in den Hosentaschen. Er sah ärgerlich, verwirrt und ängstlich aus. »Schreib einen tollen Roman. Du hast wirklich eine blühende Fantasie.«