»Nein«, erwiderte Ben ruhig. »Die Romane wird Bill eines Tages schreiben.«
Stan drehte sich überrascht um, und auch die anderen starrten Ben an, der selbst ganz erschrocken aussah. Dann schüttelte er den Kopf, so als könnte er sich nicht mehr daran erinnern, was er gerade gesagt hatte.
Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Bev wandte sich wieder der Trockenschleuder zu und faltete die letzten Putzlappen zusammen.
»Vögel«, murmelte Eddie plötzlich.
»Was?« fragten Bev und Ben gleichzeitig.
Eddie schaute Stan an. »Du bist rausgekommen, weil du ihnen Vogelnamen zugerufen hast.«
»Vielleicht«, sagte Stan widerwillig. »Vielleicht klemmte die Tür aber auch einfach und ging in jenem Moment zufällig wieder auf.«
»Ich glaube, es waren die Vogelnamen, die du ihnen zugerufen hast«, sagte Eddie. »Aber warum? In den Filmen hält man im allgemeinen ein Kreuz hoch...«
»... oder betet das Vaterunser...«, fiel Ben ein.
»... oder ruft irgendwelche Heiligen um Hilfe an«, fügte Bev hinzu.
»Das alles kenne ich nicht«, sagte Stan ärgerlich. »Ich bin doch ein elender Jude.«
Sie schauten verlegen weg, weil sie das ganz vergessen hatten.
»Vögel«, wiederholte Eddie. »Jesus!« Dann warf er Stan wieder einen schuldbewußten Seitenblick zu, aber Stan starrte düster aus dem Fenster.
»Bill wird wissen, was zu tun ist«, sagte Ben plötzlich, als stimme er endlich Beverly und Eddie zu. »Ich wette, daß ihm etwas einfällt. Ja, ich wette um alles in der Welt.«
»Seht mal«, sagte Stan und wandte sich ihnen wieder zu. »Das ist okay. Wir können mit Bill darüber reden, wenn ihr wollt. Ich hab' nichts dagegen. Aber damit hört die Sache für mich auch auf. Ihr könnt mich einen Feigling oder eine elende Memme oder sonstwas schimpfen, das ist mir egal. Aber diese Sache im Wasserturm... es ist nicht so, daß ich mich fürchte...«
»Wenn du dich vor so was nicht fürchten würdest, müßtest du verrückt sein, Stan«, sagte Beverly sanft.
»Ja, ich hatte Angst, aber darum geht es nicht«, erwiderte Stan hitzig. »Begreift ihr denn nicht...«
Sie blickten ihn erwartungsvoll an; er las in ihren Augen Unruhe und zugleich auch einen schwachen Hoffnungsschimmer, doch er konnte seine Empfindungen nicht ausdrücken. Ihm fehlten einfach die Worte. Seine Gefühle erdrückten ihn fast, aber er konnte sie nicht artikulieren. Trotz seiner Gewissenhaftigkeit und Klugheit war er letztlich doch nur ein zehnjähriger Junge, der gerade erst die vierte Klasse abgeschlossen hatte.
Er wollte ihnen erklären, daß es Schlimmeres gab als sich zu fürchten. Man konnte Angst vor einem Autounfall, vor Kinderlähmung, vor Gehirnhautentzündung haben. Man konnte Angst vor dem Ertrinken und vor allen möglichen Sachen haben und trotzdem weiterleben.
Er wollte ihnen sagen, daß jene Geschehnisse im Wasserturm, jene toten Jungen, die in ihren tropfenden Jeans und verfaulten Schuhen die Wendeltreppe hinabgewatschelt waren, etwas Schlimmeres getan hatten als ihn zu ängstigen: Sie hatten ihn verletzt.
Verletzt, ja, das war das einzige Wort, das ihm einfiel, und wenn er das sagte, würden sie ihn auslachen. Aber es gab Dinge, die nicht sein sollten. Sie verletzten die Weltordnung, jene zentrale Idee, daß Gott als letztes die Erdachse schief auf die Umlaufbahn gesetzt hatte, so daß die Dämmerung am Äquator nur etwa zwölf Minuten dauerte, während sie dort, wo die Eskimos ihre Iglus bauten, länger als eine Stunde anhielt; daß Er das getan und danach gesagt hatte: »Okay, wenn ihr diese Neigung der Erdachse entdecken und berechnen könnt, so könnt ihr auch alles andere entdecken und berechnen. Denn sogar Licht hat ein Gewicht, und wenn der Ton einer pfeifenden Lokomotive tiefer wird, wenn sie sich entfernt, so ist das der Dopp-ier-Effekt, und wenn ein Flugzeug die Schallmauer durchbricht, so ist der Knall kein Applaus der Engel, sondern nur freigesetzte Schallenergie. Ich habe die Erdachse schräg auf die Umlaufbahn gesetzt, und dann habe ich mich in den Zuschauerraum begeben, um die Show zu verfolgen. Ich brauchte euch nichts anderes zu sagen, als daß zwei und zwei vier ist, und wenn irgendwo Blut ist, so können Erwachsene es ebenso sehen wie Kinder, und tote Jungen bleiben tot.«
Mit der Angst kann man leben, hätte Stan gesagt, wenn er sich hätte artikulieren können. Vielleicht nicht ständig, aber doch sehr lange Zeit. Es ist die Verletzung der Weltordnung, mit der man eventuell nicht leben kann, denn sie hat ihre eigene furchtbare Logik, und um dieser logischen Kette folgen zu können, muß man einen dunklen Pfad einschlagen, wo es in den Büschen Lebewesen gibt, mit kleinen gelben Augen, die nicht blinzeln; wo ein quadratischer Mond am Himmel aufgeht; wo die Sterne mit kalten Stimmen lachen; wo manche Dreiecke vier Seiten haben, andere fünf und wieder andere fünf hoch fünf Seiten; am Rande dieses Pfades singen die Rosen mundlos in schrecklicher Harmonie.
Eines führt zum anderen, hätte er ihnen erklärt, wenn er die richtigen Worte gefunden hätte. Geht in eure Kirche und hört euch an, wie Jesus auf dem Wasser gewandelt ist, aber wenn ich so was sehen würde, käme ich aus dem Schreien gar nicht mehr heraus. Es ist kein Wunder. Es ist eine Verletzung der Weltordnung.
Weil er nichts von alledem in Worte fassen konnte, wiederholte er nur: »Angst ist nicht das größte Problem. Ich möchte nur nicht in etwas verstrickt werden, das mich ins Irrenhaus bringen kann.«
»Wirst du wenigstens mit uns kommen und mit Bill reden?« fragte Beverly. »Und dir anhören, was er sagt?«
»Klar«, sagte Stan und lachte plötzlich. »Vielleicht sollte ich mein Vogelalbum mitbringen.«
Alle stimmten in sein Lachen ein, und dadurch wurde ihnen ein wenig leichter ums Herz.
12
Beverly verabschiedete sich vor der Münzwäscherei von den anderen und ging allein nach Hause. Die Wohnung war immer noch leer. Sie legte die Putzlappen unter die Spüle in der Küche und schloß das Schränkchen. Dann schaute sie zum Badezimmer hinüber.
Ich gehe nicht dorthin, dachte sie. Ich werde mir im Fernsehen >Bandstand< ansehen. Vielleicht kann ich dabei lernen, wie man eine elegante Dame wird.
Sie ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein, und fünf Minuten später schaltete sie ihn wieder aus, während Dick Clark vorführte, wieviel Fett ein einziges Stri-Dex Medicated Pad vom Gesicht eines durchschnittlichen Teenagers entfernte. (»Wenn du glaubst, nur mit Seife und Wasser sauber werden zu können«, sagte Dick und hielt das schmutzige Tüchlein dicht vor die Kamera, damit jeder Teenager in Amerika es genau sehen konnte, »solltest du dir dies hier einmal genau ansehen.«)
Sie ging in die Küche und bemerkte, daß sie schon wieder auf die Badtür starrte. Ich gehe nicht dorthin, sagte sie sich, aber sie wußte, daß sie genau das tun würde.
Sie öffnete den Schrank über der Spüle, wo ihr Vater seine Werkzeuge aufbewahrte. Darunter befand sich auch ein Taschen-Meßband, so ein auf-rollbares Ding, dessen schmale gelbe Stahlzunge in Zoll eingeteilt war. Sie nahm es in ihre kalte Hand und ging ins Bad.
Das Bad strahlte vor Sauberkeit und war sehr still. Irgendwo hörte sie Mrs. Doyon rufen, Jim - ihr Sohn - solle ins Haus kommen.
Bev ging zum Waschbecken und schaute in das dunkle Abflußventil.
Einige Zeit stand sie so da; ihre Beine in den Jeans waren kalt wie Marmor, ihre Brustwarzen ganz hart, ihre Lippen völlig trocken. Sie wartete auf die Stimmen.